Gedanken zum Tag

Auch wenn das Leben im Moment ziemlich eingeschränkt ist, Veranstaltungen und Gottesdienste in unserer Gemeinde abgesagt wurde, möchten wir Sie dennoch mit ein paar spirituellen Impulsen und Texten durch diese angespannte Zeit begleiten. Unser Pfarrer Wagner wird dafür jeden Tag einen Gedanken zum Tag mit Ihnen teilen, am Sonntag gibt es dann auch die Predigt.

 

Seien Sie eingeladen, sich einen Moment Zeit zu nehmen für sich selbst und für Gott.

 

Kleiner Hinweis in eigener Sache: seit Mitte März gibt es jeden Tag die Gedanken zum Tag. Da sich das Leben aber so langsam wieder ein wenig normalisiert, wird es ab Mittwoch die Gedanken nicht mehr täglich, sondern einmal wöchentlich geben, dann unter dem Titel „Gedanke zur Mitte der Woche“. Weiterhin veröffentlicht werden auch die Sonntagspredigten.


Gedanken zur Mitte der Woche am 1.7.2020

 

„Unser Leben ist keine einfache gerade Linie, die unser Wille und Verstand zieht, sondern das Leben ist etwas, das aus zwei verschiedenen Linien gebildet ist, zwei verschiedenen Elementen, zwei verschiedenen Kräften“

 

Dietrich Bonhoeffer

 

Seit einigen Tagen, vor allem seit das Wetter wieder gut ist, erfreut es sich großer Beliebtheit: das Labyrinth zwischen Kirche und Gemeindehaus hier bei uns in Oberstaufen. Angelehnt ist es an das Labyrinth von Chartres und es ist so in den Boden gezeichnet, dass man in ihm bis zur Mitte laufen kann. Wer freilich schon einmal in einem Labyrinth war, der weiß: man kann sich – im Gegensatz zu einem Irrgarten, wo der Weg immer wieder in Sackgassen führt – hier nicht verlaufen, weil es eigentlich nur einen einzigen Weg gibt. Aber dieser Weg führt nicht direkt zur Mitte, wo das Ziel des Labyrinthes ist, sondern in immer neuen Wendungen mal näher an die Mitte heran und gleich danach weiter von ihr weg.

 

Das Labyrinth ist genau darin ein Symbol für uns und unseren Lebensweg. Denn dieser verläuft selten geradeaus und direkt auf ein Ziel zu. So wie es Bonhoeffer benennt: unser Leben ist keine einfache gerade Linie und verläuft nicht, wie wir es wollen oder mit dem Verstand planen. Ganz im Gegenteil: wie im Labyrinth zieht sich der Weg und man muss machen Kurve, ja sogar manchen Umweg gehen, um an sein Ziel zu gelangen. Manchmalhat man das Gefühl, nie an das Ziel zu kommen und manche Kurve des Lebens muss man gehen, ob man will oder nicht. Gerade die Wendungen, die uns das Leben bietet, machen uns oft zu schaffen. Nein, das Leben ist selten einfach eine gerade Linie.

 

Bonhoeffer bringt freilich noch einen anderen Gedanken in diese Thematik mit ein. Er hat bei dem Thema Weg nicht das Labyrinth vor Augen, sondern er spricht von zwei verschiedenen Linien, zwei Elementen, zwei Kräften. Bonhoeffer wörtlich: „Das Leben setzt sich zusammen aus des Menschen Gedanken und Gottes Wegen; und in Wahrheit gibt es das gar nicht: des Menschen Weg – denn: »des Menschen Herz denkt sich einen Weg aus« (Sprüche 16, 9) – das will sagen, da ist nur ein Weg-Entwurf, ein Weg in der Idee, in Theorie, in Illusion – sondern da ist nur ein wirklicher Weg, den wir unvermeidlich zu gehen haben, und das ist Gottes Weg. Der Unterschied zwischen den beiden Leben ist, dass der Mensch das Ganze seines Lebens auf einmal voraussehen möchte, aber Gottes Weg geht nur Schritt für Schritt. »Des Menschen Herz denkt sich seinen Weg aus, aber der Herr lenkt seine Schritte«. … Gott möchte, dass der Mensch Schritt für Schritt geht, nicht von seinen eigenen Ideen über das Leben geleitet, sondern von Gottes Wort, welches bei jedem Schritt zu ihm kommt, wann immer er danach fragt. Es gibt kein Wort von Gott für das Ganze unseres Lebens. Gottes Wort ist neu und frei heute und morgen, und es kann nur auf den Augenblick bezogen werden, in welchem wir es hören“.

 

Ich finde, das ist ein sehr befreiender Gedanke. Es ist für uns und unseren Lebensweg gar nicht so wichtig, dass wir immer das große Ganze sehen, den Weg, den wir vermeintlich gehen müssen oder auch gehen wollen. Sondern dass unser Weg einer ist, der nur Schritt für Schritt vorangeht. Und der dabei von Gottes Wort geleitet wird. Gottes Wort, auf das wir immer wieder neu, jeden neuen Tag hören dürfen. Gottes Wort, das uns sagt, dass Gott bei uns ist auf allen Wegen und vor allem: bei jedem Schritt, den wir tun. Und das gilt eben nicht nur für die Schritte, die wir gut gehen können, sondern auch für die Schritte, bei denen wir uns schwer tun, Schritte in den Wendungen des Labyrinthes des Lebens, Schritte, wo es manchmal sogar rückwärtsgeht. Aber ganz egal welche Schritte wir gehen: Gott geht sie mit. Er begleitet uns mit seinem guten Wort und das ist eben nicht eines, das für das große Ganze gilt, sondern für den nächsten Schritt. So wie es so wunderschön im Psalm 91 zum Ausdruck kommt: Gott wird dich behüten auf allen deinen Wegen. Und ich möchte ergänzen: bei jedem Schritt, den du gehst.

In diesem Sinne Ihnen allen eine gute Woche, alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.

Ihr Pfarrer Frank Wagner
 

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Gedanken zur Mitte der Woche am 24.6.2020

 

„Im Glauben kann ich alles ertragen – hoffe ich – aber eine ängstliche Vorsicht zermürbt“

 

Dietrich Bonhoeffer

 

Heute Morgen auf dem Pausenhof einer Grundschule. Schüler klassenweise voneinander getrennt, damit der nötige Abstand gewahrt bleibt. Die eine Gruppe im einen, die andere Gruppe im anderen Eck. Zuerst ein abwartendes Rumsitzen, bis einer auf die Idee kommt: lasst uns doch was spielen. Schnell hat sich die Gruppe formiert und zu meinem Erstaunen spielten sie das alte Kinderspiel „wer hat Angst vorm Schwarzen Mann?“ Der schwarze Mann ist in diesem Spiel übrigen nicht rassistisch zu verstehen, sondern der Begriff kommt aus dem Mittelalter und bezeichnet eine Kinderschreckfigur, die eben ganz schwarz angezogen ist.

 

Wer hat Angst? Mit diesem Spiel wird eines der wichtigsten Grundgefühle von uns Menschen angesprochen: die Angst. Angst, die zum Leben von uns allen dazugehört. Wobei man aufpassen muss, ob man von Furcht oder Angst spricht, was leider häufig verwechselt wird. Furcht resultiert aus dem Wissen oder der Erwartung bzw. Befürchtung, dass von einem Objekt eine Gefahr droht. Angst dagegen ist unbestimmt, ungerichtet, es ist das Gefühl einer ständigen, aber nicht greifbaren Bedrohung. Während Furcht bei Menschen und Tieren gleichermaßen auftritt, scheint Angst ein spezifisch menschlicher Zustand zu sein.

 

Angst ist eine elementare Erfahrung des Menschen, sie begleitet uns ein Leben lang. Jeder Schritt auf unserem Lebensweg ist immer verbunden mit Angst, denn jedes Neue, jedes Verlassen von Vertrautem ist verbunden mit der Angst. Aber es gibt keine Entwicklung ohne Angst. Darum sollte man die Angst auch nicht verteufeln, sondern sie ist eine konstruktive Kraft. Sie rüttelt auf, lässt uns voranschreiten, hilft, dass wir nicht in Lethargie versinken. Angst ist eine in der Evolution entstandene Überlebensreaktion.

 

Angst kann sich aber auch dazu entwickeln, dass sie uns in unserem Leben ganz und gar gefangen nimmt. Dass sie uns lähmt und wir in „Angststarre“ verfallen. Und die dazu führt, was Bonhoeffer ängstliche Vorsicht nennt. Bei jedem Schritt, bei jeder Handlung zögert und zaudert man und überlegt, ob der nächste Schritt jetzt der richtige ist, ob man nicht doch anders handeln sollte, ob man nicht doch eine Entscheidung nochmal überdenken sollte. Und so etwas führt dann tatsächlich zur Zermürbtheit: ängstliche Vorsicht zermürbt.

 

Sein Gegenpol ist der Glaube: im Glauben kann ich alles ertragen, so schreibt er. Das klingt erst einmal sehr vollmundig. Nach dem Motto: wer glaubt, der hat vor nichts Angst, den kann nichts erschüttern, der geht stets zielgerichtet durchs Leben. Aber so ist der Glaube sicher nicht zu verstehen und so hat ihn sicher auch Bonhoeffer nicht verstanden. Im Glauben kann ich alles ertragen: ich denke, der Satz bringt zum Ausdruck, dass im Glauben das steckt, was mir hilft, die Angst zu überwinden oder mich eben von der Angst nicht zermürben zu lassen. Nämlich das Vertrauen, dass Gott mir nahe ist. Dass ich meinen Weg nicht allein gehe. Dass bei allen Schritten und allen Wegen, die ich vermeintlich ganz allein gehe, Gott mitgeht. Dass er da ist und mich in meiner Angst nicht allein lässt.

 

Fürchte dich nicht! Diese Aufforderung findet sich wohl deshalb auch so häufig in der Bibel. Fürchte dich nicht im Sinne: hab keine Angst. Darin spiegeln sich die Überzeugung und der Trost der Bibel wider, die ganz nüchtern und selbstverständlich Angst als Teil des Lebens ansieht. Und im selben Moment ermutigt, sich von dieser Angst nicht gefangen nehmen zu lassen. Denn die wird nicht das letzte Wort behalten. Jesus Christus sagt: „In der Welt habt Ihr Angst. Aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ Im Glauben können wir darum neuen Mut und die Gelassenheit schöpfen, trotz aller Ängste, die uns immer wieder umgeben, im Vertrauen auf Gott fröhlich und frei zu leben. Denn in solchem Glauben müsste, wie Bonhoeffer auch schreibt, alle Angst vor der Zukunft verlorengehen.

In diesem Sinne Ihnen allen eine gute Woche, alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.

Ihr Pfarrer Frank Wagner
 

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Gedanken zur Mitte der Woche am 17.6.2020

 

„Unrechtleiden schadet keinem Christen. Aber Unrecht tun schhadet“

 

Dietrich Bonhoeffer

 

 
„Das ist aber ungerecht. Warum dürfen alle meine Freundinnen in dieser Woche wieder in die Schule und ich nicht?“ so die Worte unserer Tochter, als sie von der Schule erfahren hat, in welcher Zusammensetzung der Unterricht ab dieser Woche läuft. Und da das Leben kein Wunschkonzert ist, haben die äußeren Umstände und Zwänge dazu geführt, dass eine Kombination zustande kam, die unsere Tochter und sicher manch anderer auch als ungerecht empfunden haben. 

 

Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit. Beide Pole gehören zu unserem Leben hinzu. Ebenso, dass wir unter Ungerechtigkeit und Unrecht leiden, das uns immer wieder widerfährt. Ungerechtigkeit und Unrecht fordern heraus und stellen uns vor die Frage: wie gehen wir damit um? Wie gehen wir damit um, wenn uns jemand ungerecht behandelt? Wie gehen wir damit um, wenn uns jemand Unrecht zufügt? Wie gehen wir damit um, wenn uns jemand Böses antut? Einer der am häufigsten praktizierten Wege ist der Weg des Zurückschlagens. Schon im Alten Testament finden wir die Worte von „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Aber wir alle wissen, dass dies keine gute Lösung ist, sondern uns immer weiter hineinführt in eine Spirale von Gewalt und Gegengewalt, von Unrecht leiden und Unrecht tun. Ein Kreislauf, aus dem wir selten wieder herauskommen. Schon der alte Sokrates wusste darum und von ihm ist folgender Satz überliefert: „Es ist besser, Unrecht zu leiden als Unrecht zu tun.“ 

 

Auch Dietrich Bonhoeffer, der sich in seinem theologischen Denken immer wieder mit ethischen Fragen beschäftigt hat, schreibt ganz Ähnliches: „Erhebe deine Hand nicht zum Schlag, öffne deinen Mund nicht im Zorn, sondern sei still. Was kann denn der dir schaden, der dir Böses antut. Nicht dir schadet es, aber ihm schadet es. Unrechtleiden schadet keinem Christen. Aber Unrecht tun schadet“.  Das klingt erst einmal ein wenig fatalistisch ganz nach dem Motto: als guter Christ muss man es halt hinnehmen, dass man Unrecht leidet. Unrechtleiden schadet keinem. Aber ich glaube, Bonhoeffer geht es – wie anderen, die in diese Richtung gedacht haben – nicht darum, dass man einfach alles Gottergeben hinnimmt, sondern dass man Wege findet, um aus dem Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt, von empfangenen Unrecht und zurückgegebenem Unrecht wieder herauskommt. Dazu Bonhoeffer in seinen weiteren Überlegungen: „Nur eines will ja der Böse bei dir erreichen, nämlich, dass du auch böse wirst. Aber damit hätte er ja gesiegt. Darum vergilt nicht Böses mit Bösem. Du schadest damit nicht dem, sondern dir selbst“. Die Worte erinnern an Worte von Jesus aus der Bergpredigt, der genau das atl. Prinzip mit Auge und Zahn aufnimmt, aber dieses überwindet, indem er auffordert: „Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin". Damit will er sagen: tu etwas Überraschendes, etwas, was der andere nicht erwartet. Denn gerade das Überraschende führt dazu, dass der andere eher ins Nachdenken über sein Verhalten kommt. Eher auf alle Fälle, wie wenn du ihm das, was du an Unrecht erleidest, einfach heimzahlst.   

 

Bonhoeffer geht in seinen Gedanken noch weiter und nimmt verstärkt den Anderen in den Blick, wenn er schreibt: „Nicht du bist in Gefahr, wenn dir Böses geschieht, aber der andre ist in Gefahr, der dir Böses tut und er kommt darin um, wenn du ihm nicht hilfst. Darum um des anderen willen und um deiner Verantwortung für ihn – vergilt nicht Böses mit Bösem. … Wie geschieht das: nicht dadurch, dass wir dem Bösen des anderen Nahrung geben an unserm Bösen, dem Hass des anderen an unserm Hass, sondern dadurch dass das Böse ins Leere stößt und nichts findet, woran es sich entzünden kann“.  Unrecht leiden statt Unrecht tun ist sicher kein einfacher Weg. Aber ich bin davon überzeugt, dass er zu einem guten Miteinander führt und so manches Unrecht aus der Welt geschaffen wird.

 

In diesem Sinne Ihnen allen eine gute Woche, alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.

Ihr Pfarrer Frank Wagner

 

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Gedanken zur Mitte der Woche am 3.6.2020

 

„Der Herr der Zeiten ist Gott. Der Wendepunkt der Zeiten ist Christus. Der rechte Zeitgeist ist der Heilige Geist.“                                                                         

 

Dietrich Bonhoeffer



In diesen Tagen feiern wir die Feste in der Kirche, mit deren Inhalt wir uns relativ schwer tun. Christi Himmelfahrt stellte uns vor die Frage, wie das zu verstehen ist mit der Aufnahme von Jesus in den Himmel. An Pfingsten feiern wir die Ausgießung des Heiligen Geistes und die Entstehung der Kirche und tun uns schwer mit dem Geist, weil er für uns – im wahrsten Sinne des Wortes – oft so unfassbar ist. Und am kommenden Sonntag ist nun Trinitatis, ein Sonntag, der die sog. Trinitatiszeit, die bis in den Herbst reicht, einläutet und nach dem die nächsten Sonntage benannt sind. 
 
Trinitatis, übersetzt Dreieinigkeit. Hinter diesem Begriff steckt der Glaube der Christen an Gott, der sich drei Gestalten zeigt: als Vater, Sohn und Heiliger Geist. Und doch nur ein Gott ist. Oder wie man es Schülern manchmal zu erklären versucht: 1+1+1=1. Genau aber das ist das Problem, denn diese mathematische Gleichung passt nicht und das Christentum hat sich darum auch schnell den Vorwurf eingehandelt, nicht an einen, sondern an drei Götter zu glauben. 
 
Die Diskussion um die Trinität begann im vierten Jahrhundert nach Christus. Ausgangspunkt dafür sind biblische Aussagen wie z.B. der Missionsbefehl bei Matthäus: gehet hin und taufet im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Allerdings wurde es schnell sehr philosophisch, da die Lehre von der Trinität in der Bibel nicht explizit vorkommt. Es entstanden verschiedene Lehrmeinungen darüber, was die Bibelstellen über Gott, Jesus und den Heiligen Geist für den christlichen Glauben bedeuten. Die Sprache der Philosophie in der Antike, der sich die Theologen bedienten, war Griechisch. Um auszudrücken, dass Gott eine Einheit ist, benutzte man den Begriff ousia (Wesen). Um auszudrücken, dass dieses Wesen in drei Seinsweisen besteht, benutzte man den Begriff hypostaseis (Hypostasen). Die griechische Formel, auf die sich die Theologen einigten, um Gott zu beschreiben lautete „mia ousia – treis hypostaseis“ (ein Wesen – drei Hypostasen). Oder wie es der lateinische Theologe Tertullian dann festhielt: Gott in drei Personen, aber einem Wesen.  
 
So versuchte man begrifflich und „philosophisch-vernünftig“ das scheinbar Unmögliche auszudrücken, nämlich, dass Gott gleichzeitig drei und einer ist. Mit dem Verstand und der Vernunft wird man sich hier freilich immer schwer tun. Viel besser ist es und weiter hilft, sich vor Augen zu führen, wie Menschen Gott in der Geschichte erfahren haben: als Schöpfer, der seine Welt und die Menschen liebt wie ein Vater seine Kinder. Als ein Gott, der in Jesus Christus, seinem Sohn, selbst Mensch geworden ist und das menschliche Leben geteilt hat. Und schließlich als Gott, der im Heiligen Geist bei den Menschen immer noch gegenwärtig und lebendig ist.
 
In ähnlicher Weise hat es auch Dietrich Bonhoeffer ausgedrückt: Der Herr der Zeiten ist Gott. Der Wendepunkt der Zeiten ist Christus. Der rechte Zeitgeist ist der Heilige Geist. Auch er sieht den einen Gott in dreifacher „Wirkung“: Gott, der Vater, den er als Herr der Zeiten bezeichnet. Dann Gott Jesus Christus, für ihn der Wendepunkt aller Zeiten, weil mit ihm Gott selbst auf diese Erde gekommen ist. Und dann Gott den Heiligen Geist, den er im rechten Zeitgeist am Werke sieht, wobei er hier sicher nicht gewisse, für eine Zeit prägende geistliche Strömungen meint, sondern das Handeln im Geist und nach den Maßstäben Gottes. 
 
Freilich, es bleibt eine schwierige Vorstellung. Letztlich rückt das Nachdenken über die Trinität Gott ins rechte Licht. Denn zu begreifen ist die Dreifaltigkeit nicht. Die Gleichung 1+1+1=1 bleibt ein Geheimnis. Zwar kann man diesem Gott begegnen. Niemand aber kann seiner habhaft werden, auch nicht mit dem Verstand. Oder wie es der Kirchenvater Augustinus ausdrückte: „Wenn du es begriffen hast, ist es nicht Gott.“ Das Nachdenken über die Trinität ist eine gute Übung in Demut vor Gott und lenkt den Blick weg von uns Menschen und unserer Weisheit. Gott bleibt der Erhabene. Dieses Geheimnis sollten Christen stehen lassen und immer wieder staunend vor Gott treten.
 
In diesem Sinne Ihnen allen eine gute Woche, alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.

 

Ihr Pfarrer Frank Wagner

 

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Gedanken zur Mitte der Woche am 27.5.2020

 

„Tatenloses Abwarten und stumpfes Zuschauen sind keine christlichen Haltungen“.

 

Dietrich Bonhoeffer

Als ich in dieser Woche im Zug nach Augsburg zu einer Dienstbesprechung bezüglich Prüfung 2tes Examen beim Regionalbischof in Augsburg war, habe ich dazu die Fahrt mit der Bahn gemacht und vorschriftsmäßig meinen Mund-Nasen-Schutz angezogen. Ich muss zugeben, es war ganz schön anstrengend und ich war froh, als ich dann angekommen war und ihn wieder abnehmen konnte. Jetzt kann ich die Menschen gut verstehen, die unter dem Tragen einer Maske leiden. Am Rückweg dann folgende kleine Szene: ein älteres Ehepaar steigt in den Zug und wird schnell laut, als eine Mutter mit Kind ihnen gegenüber keine Maske trägt. Die Begründung der Frau, aus Allergiegründen davon befreit zu sein, wird nicht gehört. Das Schimpfen geht so lange, bis die Mutter den Platz wechselt und weit genug von den beiden älteren Herrschaften entfernt ist. „In diesen Zeiten muss man einfach Zivilcourage zeigen“, so die ältere Frau gegenüber den anderen Mitreisenden, die sie doch ein wenig unverständlich angeschaut haben. 
 
Zivilcourage. Dieser Begriff geht momentan immer wieder durch die Presse, wenn es um Demonstrationen gegen die Einschränkung der Grundrechte geht oder um die Frage, wie man sich nun verhalten soll, wenn man Menschen sieht, die sich nicht an die Vorgaben der momentanen Einschränkungen halten. Ist es Zivilcourage, diese anzuzeigen? Ist es Zivilcourage, ohne Abstand und Mundschutz an Demos teilzunehmen?
 
Schaut man in der Literatur nach ist mit dem Begriff der Zivilcourage der "Bürgermut" gemeint. Zivilcourage beschreibt das mutige Verhalten von Menschen, die in Aktion treten, um anderen Menschen in gefährlichen Situationen zur Seite zu stehen. Dies kann beispielsweise der Fall sein, wenn jemand bedroht wird und ein Dritter eingreift, Mut beweist und sich der Bedrohung gegenüberstellt, statt wegzusehen. Oftmals setzten diese Menschen ihr Leben aufs Spiel, da solche Situationen und Aktionen im Voraus nur schwer einzuschätzen sind. Ich glaube, damit ist klar, dass es sich bei dem oben beschriebenen Verhalten sicherlich nicht um Zivilcourage handelt. 
 
Ganz in diesem Sinne verstehe ich auch den obigen Satz von Dietrich Bonhoeffer, der diese in seinem Leben immer wieder gefordert hat und auch gelebt hat: Zivilcourage. Sich für andere Menschen in gefährlichen Situationen einzusetzen und ihnen zur Seite zu stehen. Für ihn war das dabei nicht nur Bürgermut, sondern er sieht in der Zivilcourage eine zutiefst christliche Haltung. „Christentum bewahrheitet sich darin, den Schmerz des anderen zu teilen“, so Bonhoeffer.  
 
In der Haft schreibt er später: „Wir sind nicht Christus, aber wenn wir Christen sein wollen, so bedeutet das, dass wir an der Weite des Herzens Christi teilbekommen sollen in verantwortlicher Tat, die in Freiheit die Stunde ergreift und sich der Gefahr stellt, und in echtem Mitleiden, das nicht aus der Angst, sondern aus der befreienden und erlösenden Liebe Christi zu allen Leidenden quillt. Tatenloses Abwarten und stumpfes Zuschauen sind keine christlichen Haltungen. Den Christen rufen nicht erst die Erfahrungen am eigenen Leibe, sondern die Erfahrungen am Leibe der Brüder, um derentwillen Christus gelitten hat, zur Tat und zum Mitleiden.“ 
 
Diese Worte und diese Haltung sind aktuell bis heute. Beim Christ-Sein geht es immer auch um persönliches Engagement für Gerechtigkeit, gegen Ausgrenzung und Unterdrückung von einzelnen Menschen und Menschengruppen. Christsein äußert sich immer auch im persönlichen Einsatz für die Menschen, die leiden, die unsere Hilfe brauchen. Einfach nur Abwarten nach dem Motto „sollen doch die anderen“ oder nur Zuschauen nach dem Motto „was geht mich die Not der anderen an“, das ist kein gelebtes Christentum. Christen sind immer aufgerufen zum Mitleiden und zu konkreten Taten. Und das ist in unseren Tagen besonders von Nöten. 
 
In diesem Sinne Ihnen allen eine gute Woche, alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.
 
Ihr Pfarrer Frank Wagner

 

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Gedanken zur Mitte der Woche am 20.5.2020

 

„Wer nicht lange und geduldig zuhören kann, der wird am Andern immer vorbeireden und es selbst schließlich gar nicht mehr merken.“

 

Dietrich Bonhoeffer

 

„Glocken läuten in der Corona-Krise“. Diese Schlagzeile war in den letzten Wochen immer wieder zu lesen. Mit Beginn der Coronakrise und der Einstellung der Feier von Gottesdiensten in den Kirchen setzten Kirchengemeinden und Dekanate – oft in ökumenischer Verbundenheit – mit dem Läuten ein Zeichen und riefen zum gemeinsamen Gebet auf. Die einen Läuten seither zwischen 9.55 bis 9.59 Uhr, andere wiederum um 17.10 Uhr im Anschluss an das gemeinsame Klatschen, das von einem privaten Radiosender ins Leben gerufen wurde. Vielfach endet nun das Geläut zu diesen besonderen Zeiten, nachdem nun Gottesdienste in den Kirchen wieder erlaubt.

 

Erzählen und Zuhören. Zwei Dinge, die ein wichtiger Teil unseres Miteinanders sind. Immer wieder fallen die oben genannten Sätze im Gespräch mit den Menschen. Und oftmals stellt sich heraus, dass es nicht daran liegt, dass einer etwas nicht erzählt hätte, sondern daran, dass der Andere einfach nicht richtig zugehört und darum vermeintlich nicht Bescheid weiß. Wenn dies freilich häufiger geschieht, kann das Eintreten, wovon Bonhoeffer spricht: dass wir am Anderen vorbei reden und es selbst gar nicht mehr merken, dass wir das tun. Und er sieht auch den Grund dafür. Der besteht für ihn darin, dass wir Menschen es verlernt habe, lange und vor allem geduldig zuzuhören. Das kommt vielleicht ein Stück weit davon, weil wir dem Zuhören keinen besonderen Wert zuschreiben. Die Zeit erscheint uns als zu kostbar, als dass wir sie uns zum Zuhören nehmen. Wer sich im Gespräch aber keine Zeit zum Zuhören nimmt, dem fehlt nicht nur das offene Ohr für den anderen, sondern eben auch die Wertschätzung des Zuhörens.

 

Bonhoeffer schreibt dazu weiter: „Der erste Dienst, den einer dem anderen in der Gemeinschaft schuldet, besteht darin, dass er ihn anhört. Wie die Liebe zu Gott damit beginnt, dass wir sein Wort hören, so ist der Anfang der Liebe zum Nächsten, dass wir lernen, auf ihn zu hören. Es ist Gottes Liebe zu uns, dass er uns nicht nur sein Wort gibt, sondern uns auch sein Ohr leiht“. Gerade Prediger – aber nicht nur die – vergessen, dass Zuhören ein größerer Dienst sein kann als das Reden und Predigen.

 

Genau das habe ich in den letzten Wochen der Coronakrise besonders erlebt: Menschen haben nicht nur die sozialen Kontakte gefehlt, sondern auch, dass jemand da ist, der ihnen zuhört. Und zwar richtig zuhört. Und zum richtigen Zuhören gehört einiges: Geduld zum Beispiel, dass ich bereit bin in einem Gespräch das ein oder andere zwei- oder mehrfach zu hören; Zeit, die ich mitbringen, damit ich dem anderen nicht das Gefühl gebe, dass ich schon wieder auf dem Sprung bin und eigentlich gar keine Zeit für ihn habe; und schließlich aktives Zuhören, das bedeutet, dass man versucht sich in den anderen hineinzudenken, nachzuempfinden, wie er sich in dieser schwierigen Situation fühlt und soweit es möglich ist, Hilfestellungen zu geben oder auch mal Trost zu spenden. Zuhören in diesem Sinne heißt, dass der andere mit seinen Sorgen und Ängsten im Mittelpunkt steht und nicht ich und meine Ansicht. Der andere braucht ein offenes Ohr, aber keine fremde Geschichte.

 

Solche Art des Zuhörens ist nicht einfach und manchmal auch kraftraubend. Aber es hilft so viel weiter. Zum einen dem, dem man zuhört, weil er sich in seiner Situation verstanden fühlt, auch wenn man im Gespräch keine Lösung findet. Und es hilft auch einem selbst: nicht nur zu hören, was der andere sagt, sondern solche Art des Zuhörens vermeidet eben das, was Bonhoeffer so treffen schreibt: diese Aneinander vorbei reden, dass man am Ende gar nicht mehr bemerkt.

 

In seinen weiteren Gedanken betont Bonhoeffer, dass sich das Zuhören unter Menschen auch auswirkt auf das Zuhören in Blick auf Gott. „Wer seinem Nächsten nicht mehr zuhören kann, der wird auch Gott bald nicht mehr zuhören“. Vielleicht ist das ja auch ein Grund dafür, dass in unserer Zeit Menschen Gott immer wieder als schweigend erlebt haben. Weil sie das aktive, geduldige Zuhören verlernt haben. Das zu erkennen, ist aber auch eine Chance und ich wünsche uns, dass wir die Chance immer wieder neu nützen können. Dann wird auch das Beispiel vom Anfang nicht mehr vorkommen.

 

In diesem Sinne Ihnen allen alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.

 

Ihr Pfarrer Frank Wagner

 

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Gedanken für den 13.5.2020

 

„Herr, mein Gott, ich danke dir, dass du diesen Tag zu Ende gebracht hast“.

 

Dietrich Bonhoeffer

 

„Glocken läuten in der Corona-Krise“. Diese Schlagzeile war in den letzten Wochen immer wieder zu lesen. Mit Beginn der Coronakrise und der Einstellung der Feier von Gottesdiensten in den Kirchen setzten Kirchengemeinden und Dekanate – oft in ökumenischer Verbundenheit – mit dem Läuten ein Zeichen und riefen zum gemeinsamen Gebet auf. Die einen Läuten seither zwischen 9.55 bis 9.59 Uhr, andere wiederum um 17.10 Uhr im Anschluss an das gemeinsame Klatschen, das von einem privaten Radiosender ins Leben gerufen wurde. Vielfach endet nun das Geläut zu diesen besonderen Zeiten, nachdem nun Gottesdienste in den Kirchen wieder erlaubt.

 

Was mich an diesen Aktionen ein wenig verwundert ist, dass man scheinbar vergessen hat, dass wir in unseren Kirche schon seit vielen Jahrhunderten feste Zeiten für das Läuten haben. Morgens und mittags zum Gebet zum Beispiel, am Freitag um 11.00 Uhr zur Sterbestunde Jesu und am Samstag um 15.00 Uhr, wenn man dadurch den Sonntag einläutet. Ich, der ich in einem kleinen Dorf im Ries aufgewachsen bin, kann mich erinnern, dass dort auf dem Dorf auch noch nachmittags geläutet wurde, im Sommer um 16.00 Uhr, im Winter um 15.00 Uhr, um damit den Bauern auf dem Feld die Uhrzeit anzusagen und das Arbeitsende einzuläuten.

 

Und eine wichtige Gebetszeit war das Gebet läuten am Abend. Auch hier je nach Jahreszeit zu unterschiedlichen Zeiten, im Sommer später, im Winter früher. Meine Mutter erzählte, dass dies früher für die Kinder immer ein ganz wichtiges Signal war, denn spätestens beim Gebetläuten mussten sie zu Hause sein. Und wehe dem, der dann um diese Uhrzeit noch dem Pfarrer auf der Straße begegnet ist! Das Gebetläuten zeigte das Ende des Tages an und auch, dass es nun Zeit ist, die tägliche Arbeit zu beenden.

 

In unserer Kirchengemeinde haben wir uns an diese Tradition erinnert und läuten seit einigen Wochen abends wieder zum Gebet: in Zeiten von Corona, aber auch darüber hinaus. Nicht zu irgendeiner von außen herangetragenen Zeit, sondern zu einer, die seit vielen Jahrhunderten das Leben und den Lebensablauf von Menschen prägt. Hören Sie doch mal, wie das bei Ihnen ist, ob auch in Ihrem Ort am Abend die Glocken läuten. Und vielleicht kann das ja für Sie und uns alle ein Signal sein, im Tagesablauf wieder ganz bewusst der Arbeit ein Ende zu setzen. Und das zu tun, wozu das Gebetläuten eigentlich da ist: zum Innehalten für den Rückblick auf den Tag und für ein Gebet am Abend. So ein Abendgebet sind die folgenden Zeilen von Dietrich Bonhoeffer, die ich Ihnen heute an die Hand geben möchte:

 

Herr, mein Gott, ich danke dir, dass du diesen Tag zu Ende gebracht hast.

 

Ich danke dir, dass du Leib und Seele zur Ruhe kommen lässt.

 

Deine Hand war über mir und hat mich behütet und bewahrt.

 

Vergib allen Kleinglauben und alles Unrecht dieses Tages

und hilf, dass ich allen vergebe, die mir Unrecht getan haben.

 

Lass mich in Frieden unter deinem Schutz schlafen

und bewahre mich vor den Anfechtungen der Finsternis.

 

Ich befehle dir die Meinen, ich befehle dir dieses Haus,

ich befehle dir meinen Leib und meine Seele.

 

Gott, dein heiliger Name sei gelobt. Amen.

 

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Ihr Pfarrer Frank Wagner

 

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Kleiner Hinweis in eigener Sache: seit Mitte März gibt esjeden Tag die Gedanken zum Tag. Da sich das Leben aber so langsam wieder ein wenig normalisiert, wird es ab heutedie Gedanken nicht mehr täglich, sondern einmal wöchentlich geben, dann unter dem Titel „Gedankenzur Mitte der Woche“. Weiterhin veröffentlicht werden auch die Sonntagspredigten.

 


Gedanken für den 12.5.2020

 

„Dankbarkeit entspringt nicht aus dem eigenen Vermögen des menschlichen Herzens, sondern aus dem Wort Gottes. Dankbarkeit muss darum gelernt und geübt werden.“

 

Dietrich Bonhoeffer

 

Kennen Sie das auch aus dem Umgang mit ihren Kindern? Steht ein Besuch bei Oma und Opa oder anderen Verwandten an, dann versucht man den Kindern von Anfang an beizubringen, ja schön „bitte“ und vor allem „danke“ zu sagen. „Hast du dich auch schön bedankt?“ – wer kennt diese Worte nicht. Und schon sind wir mitten drin im heutigen Satz von Dietrich Bonhoeffer: Dankbarkeit muss gelernt und geübt werden. Und jedes Kind soll doch bitte schön immer dankbar sein.

 

Doch jetzt kommt die große Enttäuschung. Denn in einem Artikel zum Thema Kinder und Dankbarkeit habe ich folgendes gelesen: „Kinder sind nicht auf der Welt, um ihren Eltern dankbar zu sein. Wer dies erwartet, wird höchstwahrscheinlich eine Enttäuschung erleben“. Im weiteren Verlauf heißt es dann: „Alle Eltern haben manchmal das Gefühl, dem Kind viel mehr zu geben als es zurückgibt. Wo bleibt die Dankbarkeit?“ Der Autor stellt dann Überlegungen an, was Eltern denn in puncto Dankbarkeit von ihren Kindern erwarten. Zeigt sich Dankbarkeit in bravem Verhalten oder darin, dass ein Kind im Haushalt mithilft und die Spülmaschine ausräumt? Oder eben immer schön „Danke“ sagt? „Da ein Kind kein Bewusstsein dafür hat, dass es dankbar sein müsste, kommt es natürlich auch nicht auf den Gedanken, dadurch seine Dankbarkeit zu zeigen. Es hilft, weil es Lust dazu hat oder weil es sieht (ab einem bestimmten Alter zumindest), dass gerade Hilfe gebraucht wird“. Doch um nun alle Eltern zu beruhigen: der Autor meint auch, dass es irgendwann in reiferem Alter des Kindes soweit sein wird, dass vom Kind ein Danke an die Eltern über die Lippen kommt. Und sei es erst beim Abiball oder am Ende des Studiums. Dass von einem Kind Dankbarkeit gezeigt, so weiter, hänge aber vor allem davon ab, wenn es von den Eltern gelernt hat, was Dankbarkeit ist und wie man sie zeigt. „Sie können Ihrem Kind wohl kaum „Dankbarkeit gegenüber den Eltern“ beibringen, wohl aber eine Wertschätzung und Achtung dem Leben und anderen Menschen gegenüber und eine Sichtweise, die es dazu befähigt, das Gute, dass ihm widerfährt zu sehen und dafür dankbar zu sein“.

 

Gerade der letzte Satz zeigt für mich an, worum es bei der Dankbarkeit geht und warum es wichtig ist, auch für Erwachsene, Dankbarkeit zu lernen und Dankbarkeit zu üben: es geht eben nicht darum um Bitte und Danke zu sagen, sondern Dankbarkeit ist eine Lebenseinstellung. Eine Lebenseinstellung, die offene Augen hat für das Gute, das Schöne, das einem im Leben immer wieder begegnet. Dass man einfach merkt, dass das nicht alles Selbstverständlich ist, was man im Leben hat und erreicht. Sondern dass vieles ein Geschenk an uns ist. Gerade diese Krisenzeit macht das deutlich und viele Menschen sagen mir in diesen Tagen, wie froh sie darüber sind, dass es uns noch so gut geht. Wie dankbar wir doch immer noch sein dürfen, gerade wenn man in andere Länder schaut.

 

Für Christinnen und Christen ist Dankbarkeit eng mit Gott verbunden, oder wie es Bonhoeffer sagt: Dankbarkeit entspringt dem Wort Gottes. Das Wort, das Gott uns zum Beispiel im Segen zu uns spricht. Das Wort, das wir als Gebet zu Gott sprechen, voller Dankbarkeit, von ihm so reichlich beschenkt worden zu sein. Und gerade weil Dankbarkeit so wichtig ist und wir sie doch so schnell aus den Augen verlieren, sollten wir immer wieder in unserem Leben Gott danken und dadurch das machen, was Bonhoeffer schreibt: Dankbarkeit lernen und Dankbarkeit üben. So wie uns der Psalm 107 auffordert: Danket dem Herrn, denn er ist freundlich und seine Güte währet ewiglich. Amen.

 

In diesem Sinne Ihnen allen alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.

 

Ihr Pfarrer Frank Wagner

 

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Gedanken für den 11.5.2020

 

„Christliche Gemeinschaft ist eine der größten Gaben, die Gott uns gibt.“

 

Dietrich Bonhoeffer

 

Gestern haben wir wie viele andere Gemeinden auch zum ersten Mal nach vielen Wochen wieder Gottesdienste in der Kirche gefeiert. Im Kirchenvorstand haben wir dazu beschlossen, auch um das Hygieneschutzkonzept einzuhalten und um niemanden abweisen zu müssen, an den nächsten Sonntagen zwei Gottesdienste anzubieten. Der Zulauf gestern hielt sich in Grenzen, manche sind weggeblieben, weil ihnen das Ansteckungsrisiko noch zu hoch ist; andere, weil sie zu den sog. Risikopatienten gehören; wiederum andere, weil sie vielleicht noch nicht mitbekommen haben, dass wir wieder Gottesdienste feiern. Und eine Dame sagte es vor der Kirche ganz deutlich: wenn ich nicht singen darf, dann gehe ich auch nicht in den Gottesdienst. Denn darauf haben auch wir gestern verzichtet: auf das gemeinsame Singen der Lieder – und das ausgerechnet am Sonntag Kantate, bei dem der Gesang ganz und gar im Mittelpunkt steht. Aber es war einfach wohltuend, die Orgel zu hören und wenigstens die Melodien der bekannten Lieder. Und innerlich, so spürte man, hat jeder mitgesungen bei „Wie lieblich ist der Maien“ und vor allem beim Lied „Du meine Seele singe“.

 

Für einen als Pfarrer war es auch noch einmal eine ganz besondere Erfahrung. Nicht nur den weiten Abstand halten zu den Gläubigen, sondern auch die Gesichter der „vermummten“ Gottesdienstbesucher zu sehen war schon gewöhnungsbedürftig. Aber es werden Zeiten kommen, da wird auch dies vorbei sein und irgendwann werden wir vielleicht sogar mit einem Lächeln auf den Lippen späteren Generationen davon erzählen, wie wir damals mit Nasen-Mund-Maske und ein bisschen wie Bankräuber aussehend Gottesdienste gefeiert haben.

 

Was aber auch im kleinen Kreis zu spüren war, war das, wovon Bonhoeffer schreibt: christliche Gemeinschaft als die größte Gabe Gottes. Gemeinschaft, wie wir sie eben in einem Gottesdienst erleben dürfen. Gottesdienste und Predigten im Internet oder Fernsehen sind sicher gute Alternativen, aber sie können die Gemeinschaft, die wir in einer – wenn auch eingeschränkten – Gemeinschaft erleben, nicht ersetzen. Darum besser Gottesdienste in dieser Weise als gar keine Gottesdienste und dadurch gar keine Gemeinschaft.

 

Christliche Gemeinschaft: im Namen Gottes zusammenkommen, zusammen Glauben leben, miteinander beten und auf Gottes Wort hören. Das geschieht zuerst in unseren Gottesdiensten. Aber das geschieht auch darüber hinaus in vielfältiger Weise innerhalb einer christlichen Gemeinde. Und gerade, wenn man wie in den letzten Monaten auf Gemeinschaft verzichten musste, merkt man, wie wichtig sie ist, wie sie eine der größten Gaben ist, die Gott uns gibt. Vielleicht hilft uns ja diese Krise auch ein wenig dabei, in der Zeit danach diese große Gabe wieder ganz neu zu entdecken.

Und eines sollten wir bei diesem Thema auch nicht vergessen: es geht auch um die Gemeinschaft mit Gott. „Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind, da bin ich mitten unter ihnen“, so verspricht Jesus im Neuen Testament. Auch wenn wir nur wenige sind, so spüren wir gerade in einer Gottesdienstgemeinschaft, wie sehr uns Gott nahe ist. Wie er mitten unter uns ist. Um uns zu stärken, um uns Kraft zu geben, um uns aufzurichten und Mut zu machen für alles, was kommt.  Und das gilt ganz unabhängig von Zahlen.

 

Darum werden wir gerne auch in den nächsten Wochen auch im kleinen Kreis weiter unsere Gottesdienste feiern als Geschenk der Gemeinschaft Gottes an uns. Und in dem Vertrauen und Glauben, dass Gott uns im Gottesdienst, im Gebet, in unserem Miteinander nahe kommt und mitten unter uns ist.

 

In diesem Sinne Ihnen allen alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.

 

Ihr Pfarrer Frank Wagner

 


Gedanken für den 9.5.2020

 

„Es gibt kaum ein beglückenderes Gefühl, als zu spüren, dass man für andere Menschen etwas sein kann.“

 

Dietrich Bonhoeffer

 

 

Morgen ist Muttertag. Für viele ein ganz besonderer in diesem Jahr. Seit Wochen und Monaten haben sich Großeltern und Enkel aufgrund der Coronapandemie nicht mehr sehen können. Familien konnten ihre Angehörigen in Pflegeheimen nicht mehr besuchen oder nur über den Zaun hinweg mit ihnen sprechen, was bei so mancher Harthörigkeit sicher nicht so einfach war. Seit Mittwoch aber ist nun die Ausgangsbeschränkung aufgehoben und in eine Kontaktbeschränkung „umgewandelt“ worden. Auch das Besuchsverbot in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen ist gelockert worden. Die Corona-Lockerungen gelten “rechtzeitig zum Muttertag”, wie Ministerpräsident Markus Söder betonte. Dementsprechend können Mütter bedenkenlos besucht werden – allerdings unter Eihaltung der spezifischen Regelungen für Pflegeeinrichtungen.

 

Der Muttertag, wie wir ihn heute feiern, nahm seinen Ursprung 1872 in Amerika. Damals forderte Julia Ward Howe, eine bekannte Vertreterin der Frauenbewegung, den amerikanischen Müttern einen Tag im Jahr zu widmen, an dem sie für all ihre Mühen geehrt würden. Die Forderung blieb zunächst unerfüllt. Als Begründerin des Muttertages gilt schließlich Anna Jarvis, die ebenfalls als US-amerikanische Frauenrechtlerin bekannt wurde. Auch sie setzte sich für die Einführung eines offiziellen Feiertags zu Ehren der Mütter ein. Im Jahr 1914 wurde der Muttertag in den USA national anerkannt. England zog nach und ließ auch dort den “Mothering Day”, also den Muttertag, wieder aufleben. Darauf folgte 1917 die Schweiz, 1918 Norwegen, 1919 Schweden, 1922 Deutschland und 1924 schließlich Österreich. In den Zeiten des dritten Reiches war der Muttertag der „Gedenk- und Ehrentag der deutschen Mütter“ und wurde für die Propaganda der Nazis mussbraucht. Nach dem 2. Weltkrieg folgte dann seine Einführung in allen westlichen Ländern.

 

Pünktlich zum Muttertag ruft dieser Tag jedes Jahr dieselben Fragen hervor: brauchen wir einen ganz speziellen Tag für die Mütter? Macht so ein Tag Sinn? Die Antwort darauf, muss jeder für sich selbst wissen, auch wie er bzw. wie die Familie diesen Tag begeht.

 

Was für mich hinter diesem Tag und was gerade in den letzten Wochen und Monaten der Trennung deutlich wurde, ist das, was Bonhoeffer in seinem von mir gewählten Spruch so treffend zum Ausdruck bringt. „Es gibt kaum ein beglückenderes Gefühl, als zu spüren, dass man für andere Menschen etwas sein kann“. Wir Menschen leben in Beziehungen, wir Menschen brauchen Beziehungen. Schließlich sind die menschlichen Beziehungen doch einfach das Wichtigste im Leben. Es ist wichtig, dass ich Menschen um mich habe, die mich wertschätzen, denen etwas an mir liegt, in deren Augen ich wichtig bin. Und es ist wichtig, dass ich Menschen um mich herum habe, die ich wertschätze, an denen mir etwas liegt, die mir wichtig sind. Darum ist es mit das Wichtigste in unserem Leben, dass wir unsere menschlichen Beziehungen pflegen. Oft merken wir das freilich erst dann, wenn es – wie in den letzten Wochen – nicht möglich ist. Oder auch dann, wenn eine Beziehung zu Ende gegangen ist.  Der Muttertag kann da eine Gelegenheit sein, aber nicht die Einzige.

 

Dazu noch einmal Bonhoeffer: „Das bedeutet gewiss keine Geringschätzung der Welt der Dinge und der sachlichen Leistung. Aber was ist mir das schönste Buch oder Bild oder Haus oder Gut gegenüber meiner Frau, meinen Eltern, meinem Freund? So kann allerdings nur sprechen, wer wirklich in seinem Leben
Menschen gefunden hat“. Menschen, für die man etwas sein kann. Menschen, die etwas für einen sind und bedeuten.

 

In diesem Sinne Ihnen morgen einen fröhlichen Muttertag, allen alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.

 

Ihr Pfarrer Frank Wagner

 

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Gedanken für den 8.5.2020

In Gedanken an den 8.5.1945

 

„Die Kirche bekennt, ihre Verkündigung von dem einen Gott, der sich in Jesus Christus für alle Zeiten offenbart hat und der keine anderen Götter neben sich leidet, nicht offen und deutlich genug ausgerichtet zu haben.“

 

Dietrich Bonhoeffer

 

Heute, am 8. Mai, endete vor 75 Jahren mit der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht der Zweite Weltkrieg. Während heute dazu an vielen Orten Gedenkfeiern und Gedenkgottesdienste stattfinden und der Tag als „Tag der Befreiung“ gesehen wird, war das Gedenken an den 8. Mai 1945 für sehr lange Zeit ein in Deutschland verdrängtes Thema, da der Tag für die totale militärischen Niederlage stand. Darum gab es an diesem Tag lange Zeit wenig öffentliche Aufmerksamkeit. Erst durch die Rede von Richard von Weizsäcker zum 8. Mai 1985 zum 40ten Jahrestag der Beendigung des Zweiten Weltkrieges wurde dieser Tag verstärkt als Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus gesehen. Dies zeigt, wie schwer es oft fällt, mit der eigenen Geschichte umzugehen.

 

Auch den Kirchen ging es damit nicht viel anders. Hier ging es vor allem lange Zeit um die Frage der Mitschuld und der Verantwortlichkeit der Kirche an den Verbrechen der Nazis, auch wenn die Kirche bereits 1945 im sog. Stuttgarter Schuldbekenntnis ihre Mitschuld bekannte. Ein Bekenntnis, dass innerhalb der Kirche lange umstritten war.

 

Schon fünf Jahre früher, nämlich im Jahre 1940, formulierte Dietrich Bonhoeffer ein Schuldbekenntnis, während die meisten Deutschen zur selben Zeit die zahlreichen Siege der vorrückenden Wehrmacht in Ost wie West ausgelassen feierten und an den Aufstieg Deutschlands zur Weltmacht glaubten. Darin schreibt Bonhoeffer:

 

„Es ist zunächst die ganz persönliche Schuld des Einzelnen, die hier als vergiftende Quelle der Gemeinschaft erkannt wird. […] Ich bin schuldig des ungeordneten Begehrens, ich bin schuldig des feigen Verstummens, wo ich hätte reden sollen, ich bin schuldig der Heuchelei und der Unwahrhaftigkeit angesichts der Gewalt, ich bin schuldig der Unbarmherzigkeit und der Verleugnung der Ärmsten meiner Brüder, ich bin schuldig der Untreue und des Abfalls von Christus. […] Diese vielen Einzelnen schließen sich ja zusammen in dem Gesamt-Ich der Kirche. In ihnen und durch sie erkennt die Kirche ihre Schuld.
Die Kirche bekennt, ihre Verkündigung von dem einen Gott, der sich in Jesus Christus für alle Zeiten offenbart hat und der keine anderen Götter neben sich leidet, nicht offen und deutlich genug ausgerichtet zu haben. […] Sie hat dadurch den Ausgestoßenen und Verachteten die schuldige Barmherzigkeit oftmals verweigert. Sie war stumm, wo sie hätte schreien müssen, weil das Blut der Unschuldigen zum Himmel schrie. […] Die Kirche bekennt, die willkürliche Anwendung brutaler Gewalt, das leibliche und seelische Leiden unzähliger Unschuldiger, Unterdrückung, Hass und Mord gesehen zu haben, ohne ihre Stimme für sie zu erheben, ohne Wege gefunden zu haben, ihnen zu Hilfe zu eilen. Sie ist schuldig geworden am Leben der schwächsten und wehrlosesten Brüder Jesu Christi. […] Die Kirche bekennt, begehrt zu haben nach Sicherheit, Ruhe, Friede, Besitz, Ehre, auf die sie keinen Anspruch hatte, und so die Begierden der Menschen nicht gezügelt, sondern gefördert zu haben. Die Kirche bekennt sich schuldig des Bruchs aller zehn Gebote, sie bekennt darin ihren Abfall von Christus. […] Durch ihr eigenes Verstummen ist die Kirche schuldig geworden an dem Verlust an verantwortlichem Handeln, an Tapferkeit des Einstehens und der Bereitschaft, für das als recht Erkannte zu leiden. Sie ist schuldig geworden an dem Abfall der Obrigkeit von Christus. … Indem die Kirche ihre Schuld bekennt, entbindet sie die Menschen nicht von eigenem Schuldbekenntnis, sondern sie ruft sie in die Gemeinschaft des Schuldbekenntnisses hinein. Nur als von Christus gerichtete kann die abgefallene Menschheit vor Christus bestehen. Unter dieses Gericht ruft die Kirche alle, die sie erreicht.“

 

Diese Worte sollen einfach so stehen bleiben und aus sich selbst sprechen an diesem heutigen Tag.

 

In diesem Sinne Ihnen allen alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.

 

Ihr Pfarrer Frank Wagner

 

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Gedanken für den 7.5.2020

 

„Warum hast du mein vergessen?“

 

Dietrich Bonhoeffer

 

Gehören Sie auch zu den Menschen, die manchmal die Geburtstage von nahen Angehörigen und Freunden vergessen? Uns in der Familie passiert das immer wieder mal. Trotz Geburtstagskalender geschieht es, dass man erst ein paar Tage später drandenkt, dass jemand aus seinem näheren Umfeld Geburtstag hatte. Doch nicht nur hier, sondern in vielen anderen Bereichen kommt es immer wieder vor, dass wir etwas vergessen. Wer kennt das nicht, dass er nach einem Einkauf nach Hause kommt, sich sicher ist, alles eingekauft zu haben und dann feststellt, dass er doch wieder einmal etwas vergessen hat.

 

„Warum hast du mein vergessen?“ so frägt Bonhoeffer im heutigen Zitat. Diese Worte fallen immer wieder zwischen Menschen, die miteinander zu tun haben. Und ich kenne das auch aus der eigenen Erfahrung: man verspricht – manchmal leichtfertig – jemanden etwas, zum Beispiel, dass man ihn bald wieder besuchen wird. Aber irgendwie schafft man es dann nicht und bei einer der nächsten Begegnungen fallen dann diese Worte: warum hast du mich, warum hast du mein vergessen?

 

Diese Frage stellen wir aber nicht nur unseren Mitmenschen, sondern diese Frage, diese Gedanken beschäftigen uns immer wieder auch ganz persönlich, gerade in den dunklen Erfahrungen des Lebens. Dazu Bonhoeffer: „Jedem Christen kommt einmal diese Frage über die Lippen, wenn alles gegen ihn steht, wenn ihm alle irdische Hoffnung zerbricht, wenn er sich in dem Lauf der großen Weltereignisse gänzlich verloren fühlt, wenn alle Lebensziele scheitern und alles sinnlos scheint“. Worte Bonhoeffers, die aus sich selbst sprechen. Worte, in denen sich die meisten unter uns mit Ihren Lebenserfahrungen wieder finden. „Warum hast du mein vergessen?“

 

Für Bonhoeffer war es wichtig, darauf zu schauen, an wen man diese Frage richtet. Er ist davon überzeugt, dass man diese Frage nicht an ein dunkles Schicksal richten soll, „sondern an den Gott, der mein Fels ist und bleibt, der ewige Grund, auf dem mein Leben ruht. Ich gerate in Zweifel, Gott bleibt fest wie ein Fels; ich schwanke, Gott steht unerschütterlich; ich werde untreu, Gott bleibt treu“, so Bonhoeffer.

 

Warum hast du mein verlassen, warum hast du mich verlassen? Mir steht bei diesen Worten Jesus selber vor Augen, der am Kreuz genau diese Frage gestellt hat: mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? so ruft er in der Stunde des Todes. In aller Gottverlassenheit wendet er sich auch hier noch an Gott. Während die anderen neben ihm über ihn und auch über Gott lästern, weiß er sich auch noch in dieser Stunde von Gott gehalten.

 

Dazu noch einmal Bonhoeffer: „Wer Gott im Kreuze Jesu Christi gefunden hat, weiß, wie wunderlich sich Gott in dieser Welt verbirgt und wie er gerade dort am nächsten ist, wo wir ihn am fernsten glauben“. Dieser Satz erinnert an einen Gedanken von Martin Luther, auf den Bonhoeffer in seinem theologischen Denken immer wieder zurückgegriffen hat. Luther schreibt ganz ähnlich: „Gott ist dann am allernächsten, wenn er am weitesten entfernt zu sein scheint“.

 

Es ist für uns unseren Glauben nicht einfach, das zu verinnerlichen, das anzunehmen, darauf vertrauen zu können. Diesen Glauben zu finden, der davon überzeugt ist, dass Gott da ist, wenn er ganz weit entfernt zu sein scheint. Aber gerade in den oben beschriebenen Momenten, in all den Momenten des Allein-Seins ist das für mich ein großer Trost: Gott ist da, er ist der Fels und der ewige Grund, auf dem mein Leben ruht. Darum tut es gut, solche Worte wie sie Bonhoeffer und Luther formuliert haben zu hören. Um daraus diesen Glauben zu finden, der sich gerade in den Momenten des Alleinseins von Gott getragen weiß.

 

In diesem Sinne Ihnen allen alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.

 

Ihr Pfarrer Frank Wagner

 

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Gedanken für den 6.5.2020

 

„Ich habe einen Kreidestrich um mein Bett gezogen etwas in der Größe Deiner Zelle. Ein Tisch und ein Stuhl steht da, so wie ich es mir vorstelle. Und wenn ich da sitze, glaub ich schon beinah, ich wäre bei dir.“

 

Maria von Wedemeyer

 

Das heutige Zitat stammt nicht von Dietrich Bonhoeffer, sondern von Maria von Wedemeyer, an die ich mit meinen heutigen Gedanken erinnern will. Mit ihr begegnet uns eine Seite an Dietrich Bonhoeffer, die wir bei diesem Theologen so gar nicht im Blick haben. Nämlich die private Seite des Mannes, der in seinem Leben auch eine große Liebe hatte, mit der er sogar verlobt war: Maria von Wedemeyer. Der Briefwechsel der beiden ist unter dem Titel „Brautbriefe Zelle 92“ als Buch erschienen, ein sehr tiefgehendes Zeugnis der Liebe der beiden zueinander und ein großes Zeugnis aus dem deutschen Widerstand.

 

Maria Friederike von Wedemeyer wurde 1924 als Tochter des ostpreußischen Großgrundbesitzers Hans von Wedemeyer und seiner Ehefrau Ruth, geborene von Kleist, geboren. Ihre Großmutter mütterlicherseits war Ruth von Kleist-Retzow. Weitere Verwandte entstammten solchen bekannten preußischen Adelsgeschlechtern wie den von Bismarck. Wedemeyer wuchs auf dem Gut ihrer Eltern in Pätzig in der Neumark auf. 1936 war die kleine Maria dem achtzehn Jahre älteren Bonhoeffer im Haus ihrer Großmutter Ruth von Kleist-Retzow zum ersten Mal begegnet. Sie war damals gerade zwölf Jahre alt und wollte gern auch am Konfirmandenunterricht teilnehmen, den der evangelische Theologe für ihren älteren Bruder und zwei Vettern gab. Die Großmutter Ruth von Kleist-Retzow ist Anhängerin der bekennenden Kirche, ihr kleines Haus wird zur Kontaktstelle für das Predigerseminar in Finkenwalde. Zu Dietrich Bonhoeffer entwickelt sich eine tiefe Freundschaft.  Sie unterstützt ihn beim Aufbau und Erhalt des Predigerseminars der Bekennenden Kirche in Finkenwalde.

 

Im Juni 1942, Bonhoeffer kommt gerade aus Schweden zurück, begegnen sich die beiden wieder. Trotz der bedrohenden Verhältnisse wächst in den beiden der Entschluss zu einem gemeinsamen Anfang. In der Familie gibt es Widerstand, die Mutter von Maria von Wedemeyer drängt darauf, dass es erst einmal ein Jahr der Trennung zwischen den beiden gebe, damit die 18jährige erst einmal zur Ruhe komme. Am 13. Januar 1943 bekommt Bonhoeffer von Maria einen Brief, der seine Zweifel an Marias Bereitschaft für einen gemeinsamen Lebensweg beseitigt.  Dieser Brief gilt künftig als Verlobungsbrief und das Datum des Briefes als Beginn der Verlobungszeit. Beide hoffen auf eine gemeinsame Zukunft und planen bereits die gemeinsame Hochzeit.

 

Am 5. April 1943 jedoch wird Dietrich Bonhoeffer verhaftet und in das Militärgefängnis in Berlin-Tegel eingeliefert. Maria erhält die Nachricht erst Wochen später, es dauert eine lange Zeit, bis sie ihn im Gefängnis besuchen darf. Die beiden werden einander nicht mehr in Freiheit sehen. Zur selben Zeit beginnt der Briefwechsel der beiden, der noch einmal so eine ganz andere Seite Bonhoeffers zeigt. Maria von Wedemeyer ist auch diejenige, die an Weihnachten 1944 den letzten Brief von Dietrich Bonhoeffer bekommt, in dem er ihr die Zeilen seines berühmten Gedichtes „Von guten Mächten …“ zusendet.

 

Brautbriefe Zelle 92. Trotz Zensur ein ungewöhnlicher, berührender Briefwechsel zwischen Maria von Wedemeyer und Dietrich Bonhoeffer über das Leben auf dem Pommerschen Landsitz und im Gefängnis, über Literatur und über die Liebe, über Hoffnung und Glaube. Und ein Zeugnis davon, wie die Liebe auch in Zeiten der Trennung, des Krieges und der Krise eine Kraft ist, die Menschen hilft zu leben, trotz aller Einschränkungen. Dieses Buch zu lesen kann man nur empfehlen. 

 

In diesem Sinne Ihnen allen alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.

 

Ihr Pfarrer Frank Wagner

 

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Gedanken für den 5.5.2020

 

„Es geht durch unsere Zeit ein Suchen, ein ängstliches Tasten und Fragen nach göttlichen Dingen. Über unsere Zeit ist die große Einsamkeit gekommen, eine Einsamkeit, die es nur dort gibt, wo Gottverlassenheit herrscht.“

 

Dietrich Bonhoeffer

 

Als Dietrich Bonhoeffer am 5. April 1943 verhaftet wird, wird für lange Zeit eine kleine, enge Zelle im Gefängnis in Berlin-Tegel sein Lebensmittelpunkt. Gerade die erste Zeit war für ihn im Gefängnis sehr hart. Er wurde in einer verschmutzten Zelle isoliert, niemand sprach ein Wort mit ihm. Von den Eltern erhielt er alle zehn Tage Post, die er auch beantworten durfte. Erlaubt war jede Woche ein Wäschepaket, das zusätzlich Nahrungsmittel und Bücher enthalten durfte. Da die Verlobung mit Maria von Wedemeyer zunächst nicht öffentlich war, dauerte es lange, bis ihm erlaubt wurde, ihr zu schreiben und Briefe von ihr zu erhalten. In der Einsamkeit seiner Gefängniszelle war Bonhoeffer der Verzweiflung nahe. Aus vielen seiner Briefe kann man das herauslesen.

 

Psychologen und Gesundheitsexperten betonen sogar, dass einsame Menschen ein erhöhtes Sterberisiko haben. Als ich das gelesen habe, konnte ich es kaum glauben, bis mir in dieser Woche bei einem telefonischen Beerdigungsgespräch Angehörige erzählt haben, dass ihr Angehöriger wohl auch ein Stück weit an Einsamkeit im Altersheim verstorben ist, weil ihm einfach die Kontakte, Gespräche und Besuche gefehlt haben und er so sehr an der ganzen Situation litt, dass er mit seinem Leben abschloss.

 

Aber warum ist Einsamkeit so gefährlich? Der Augsburger Psychologe Rudolf Müller-Schwefe erklärt: „Einsamkeit tut weh, isoliert, ist kalt und führt in die Nähe des Todes.“ Einsame Menschen schlafen schlechter, sie zerbrechen sich mehr den Kopf, sind unglücklicher und ernähren sich ungesünder als Menschen mit vielen Sozialkontakten. Es sei die Urangst schon des Frühmenschen, von der Gruppe zurückgelassen zu werden und damit dem Tod geweiht zu sein, die hier dahinter steht. Als soziale Wesen seien wir auf menschlichen Kontakt angewiesen, entwickelten uns sozial, emotional und geistig nur in der menschlichen Gemeinschaft.

 

Umso wichtiger ist es in meinen Augen, dass die Politik jetzt schnellst möglichst gerade in Pflegeheimen Besuche und Kontakte zulässt, um der Einsamkeit entgegenzuwirken. Und wir alle sollten uns bewusst machen, wie gefährlich Einsamkeit ist und das tun, was in unseren Möglichkeiten steht, um einsamen Menschen nicht allein zu lassen, um ihnen das Gefühl zu vermitteln, dass sie nicht allein sind und wir sie nicht vergessen haben. Um dem entgegen zu wirken, dass über uns eine große Einsamkeit gekommen ist.

 

Einsamkeit beinhaltet für uns Christen sehr häufig auch, dass wir uns in diesen Momenten auch von Gott verlassen fühlen. Gottverlassenheit nennt es Bonhoeffer. Auch vor Bonhoeffer hat dieses Gefühl nicht Halt gemacht. In der Enge seiner Zelle hat er aber immer wieder neu die Gewissheit gefunden, dass Gott gerade bei den Einsamen ist. Bei ihm ist, wenn er einsam ist. Ihn auch in diesen Momenten nicht verlässt. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag, so seine berühmten Worte. Und mit diesen möchte er auch uns immer wieder dazu ermutigen, gerade in den Momenten der Einsamkeit uns nicht von dem Gefühl leiten zu lassen, dass wir von Gott verlassen sind, sondern dass Gott da an unserer Seite steht. 

 

In diesem Sinne Ihnen allen alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.

 

Ihr Pfarrer Frank Wagner

 

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Gedanken für den 4.5.2020

 

„Der Mensch soll sich nicht fürchten, wir sollen uns nicht fürchten! Das ist der Unterschied des Menschen von aller Kreatur, dass er in aller Ausweglosigkeit, Unklarheit und Schuld um eine Hoffnung weiß und diese Hoffnung heißt:

Dein Wille geschehe, ja, dein Wille geschieht.“

 

Dietrich Bonhoeffer

 

Wissen Sie, welcher Satz, welche Aufforderung am häufigsten in der Bibel vorkommt? Es ist der Satz „Fürchte dich nicht!“ Bibelkundige Menschen haben nachgezählt und festgestellt, dass der Satz 365mal in der Bibel zu lesen ist. Also im Prinzip ausreichend für jeden Tag eines Jahres. „Fürchte dich nicht!“ – ich denke, auch Ihnen wird die eine oder andere Szene aus der Bibel vor Augen sein, wo diese Worte fallen. Oft sind es Engel, die Menschen diesen Satz zu sagen, man denke nur an Engel auf den Feldern von Bethlehem oder an den, der den Frauen am Grab die Furcht nehmen möchte, als sie den toten Jesus nicht mehr finden. „Fürchte dich nicht!“ dieser Satz durchzieht wie ein roter Faden die Bibel.

 

Wir alle wissen, dass es im Leben immer wieder Dinge gibt, vor denen wir uns Fürchten oder vor denen wir Angst haben. Wobei Psychologen festgestellt haben, dass es durchaus einen Unterschied zwischen der Furcht und Angst gibt. „Furcht entsteht dann, wenn es eine klare Bedrohung gibt – zum Beispiel, wenn man von einem Fremden verfolgt wird“, sagt Prof. Dr. Ulrich Ettinger vom Institut für Psychologie der Universität Bonn. Angst trete dagegen in Situationen auf, die nicht eindeutig sind, etwa wenn jemand allein zuhause ist und ein unbekanntes Geräusch hört. In der Alltagssprache wird aber häufig nur das Wort „Angst“ für beide Emotionen verwendet.

 

Doch egal ob nun Furcht oder Angst, beides begleitet uns ständig in unserem Leben. Manche Menschen leiden an Höhenangst, andere haben Angst vor Spinnen oder Schlangen. Manche Ängste reichen weiter wie z.B. die Angst vor dem Klimawandel, vor Armut und Einsamkeit im Alter, die Angst davor, ein Pflegefall zu werden und nicht zuletzt auch die Angst vor dem Tod.

 

Angst und Furcht also sind Teil unseres Lebens und es fällt uns nicht immer so leicht, der Empfehlung Bonhoeffers zu folgen: der Mensch soll sich nicht fürchten, wir sollen uns nicht fürchten. Vor allem deswegen, weil der Mensch im Unterschied zu allen anderen Kreaturen in aller Angst und Ausweglosigkeit eine Hoffnung weiß und hat. Und diese Hoffnung kommt von Gott und macht sich eben fest in der tröstlichen Zusage: fürchte dich nicht.

 

Wenn Gott uns auffordert: „Fürchte dich nicht!“, dann ist das für mich keine billige Vertröstung nach dem Motto: „Ist doch alles bloß halb so wild.“ Gott will nicht, dass wir die Augen vor der Realität verschließen. Es geht nicht darum, Ängste zu verdrängen und wegzudiskutieren. Es geht vielmehr um die Zusage, dass wir unsere Ängste an ihn abgeben dürfen. Sie sind dann zwar nicht plötzlich weg, aber sie verlieren ihre Macht. Der Blick auf die jeweilige Situation ändert sich. Die Angst steht nicht mehr im Mittelpunkt, sondern Gott, der alles im Griff hat.

 

In diesem Sinne verstehe ich auch den Satz von Bonhoeffer, wenn er auf den Willen Gottes hinweist: dein Wille geschehe. Für mich ist das eine Aufforderung, das Leben mit all seinen Seiten immer wieder Gott anzuvertrauen und die Ängste an ihn abzugeben. Leicht ist das nicht, wir wissen alle, wie beherrschend Ängste sein können. Aber ich bin davon überzeugt, dass es sich lohnt. Ein Weg dafür ist, immer wieder auf die Mut machenden Worte Gottes zu hören, wie wir sie z.B. bei Jesaja lesen: Fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott. Ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit.

 

Diese Worte mögen uns in dieser Woche begleiten und vor allem in den Momenten, wo die Angst nach uns greift.

 

In diesem Sinne Ihnen allen alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.

 

Ihr Pfarrer Frank Wagner

 

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Gedanken für den 2.5.2020

 

„Aus der Erinnerung und Wiederholung lebt Glaube und Gehorsam. Erinnerung wird zur Kraft der Gegenwart, weil es der lebendige Gott ist, der einst für mich gehandelt hat und mich heute dessen vergewissert“.

 

Dietrich Bonhoeffer

 

Neulich fiel mein Blick wieder einmal auf den selbstgestalteten Kalender unserer Tochter mit Bildern aus dem letzten Jahr. Bilder von Sonne, Meer und Strand und dem Urlaub letztes Jahr auf der holländischen Insel Texel. Schnell kommt da die Erinnerung hoch und mit ihr die Sehnsucht, dass man solche unbeschwerte Tage des Urlaubes hoffentlich bald wieder genießen kann und die Sehnsucht nach Meer nicht nur durch die gleichnamige Sendung im Fernsehen gestillt wird.

 

Erinnerungen. Sie sind ein wichtiger Teil unseres Lebens. Meist erinnert man sich an das Gute, das Schöne, aber auch die schlechten Erinnerungen bleiben. Laut einer Studie sind es eher die schlechten Erinnerungen, die wir eher im Gedächtnis behalten als die guten. So sei es leichter, sich an die Fluggesellschaft zu erinnern, die das Gepäck verloren hat als an das Weihnachtsgeschenk aus dem letzten Jahr. Das habe, so die Experten, mit der Evolution zu tun. Schlechte Erfahrungen machen vorsichtiger und helfen leichter zu überleben.

 

Auch im Glauben spielt die Erinnerung eine große Rolle. Sowohl im Judentum als auch im Christentum hat das Erinnern einen festen Platz. Das Passafest bei den Juden zum Beispiel erinnert an den Auszug des Volkes aus Ägypten und die Rettung am Schilfmeer. Im Christentum sind es zahlreiche Feste im Laufe des Kirchenjahres, die sehr häufig an Jesus und sein Wirken erinnern, bis dahin, dass jede Feier des Abendmahles die Erinnerung an das letzte Mahl Jesu ist.

 

Die Erinnerung ist darum auch im Glauben sehr wichtig, vollkommen zu Recht betont darum Bonhoeffer im heutigen Spruch: aus der Erinnerung und Wiederholung lebt der Glaube. Allerdings weniger in dem Sinn, dass man sich im Glauben an des Negative erinnert, sondern vielmehr so, dass man in der Erinnerung an Gott das Gute, das Positive sieht. Und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat, so heißt es dazu in Psalm 103. Juden erinnern sich an den Auszug aus Ägypten und daran, was ihnen Gott Gutes getan hat – nämlich: er hat sie in Freiheit geführt und aus der Hand der Feinde gerettet. Wir Christen erinnern uns an Ostern, das wir vor wenigen Wochen gefeiert haben, an den Sieg Gottes über den Tod in Jesus Christus.

 

Solche Erinnerungen im Glauben sind wichtig, weil sich daraus das ergibt, was Bonhoeffer schreibt: Erinnerung wird zur Kraft der Gegenwart. Gerade im jüdischen Volk ist das ein ganz wichtiger Bestandteil des Glaubens. Die Erinnerung an vergangene Hilfe Gottes, aus der die Kraft erwächst, die gegenwärtige Situation zu bestehen. Ganz nach dem Motto: Gott hat geholfen, Gott wird wieder helfen. Weil es der lebendige Gott ist, der einst gehandelt hat und der wieder für uns handeln wird. Nur so konnten die vielen schweren Zeiten ihrer langen Geschichte überlegen.

 

Erinnerungen im Glauben. Sie sind aber auch für jeden ganz persönlich wichtig, weil jeder darin genau das Beschriebene entdecken kann. Dass ich in der Rückerinnerung sehe: in diesem schweren Moment meines Lebens hat Gott mir geholfen. Und dass ich daraus die Zuversicht und den Glauben ziehen kann: Gott wird im nächsten schweren Moment wieder bei mir sein und wird mir helfen, so wie er es früher getan hat. Der lebendige Gott, der einst für mich gehandelt hat, dieser Gott wird wieder für mich handeln. Darum ist die persönliche Glaubenserinnerung wichtig. Denn aus jeder guter Erinnerung des Glaubens kann mir die Kraft für die Gegenwart erwachsen. Immer wieder und immer wieder neu.  

 

In diesem Sinne Ihnen allen alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.

 

Ihr Pfarrer Frank Wagner

 

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Gedanken für den 1.5.2020

 

„Wo Gottes Wort bei mir ist, finde ich in der Fremde meinen Weg, im Unrecht mein Recht, in der Ungewissheit meinen Halt, in der Arbeit meine Kraft, im Leiden die Geduld.“

 

Dietrich Bonhoeffer

 

Am heutigen 1. Mai feiern viele Länder der Erde den „Tag der Arbeit“. In den meisten ist dieser Tag ein gesetzlicher Feiertag wie z.B. in Deutschland, Österreich, Finnland, Russland, Frankreich, Italien, Portugal und vielen anderen mehr. Seinen Ursprung hat der Tag der Arbeit in den USA des 19. Jahrhunderts. Die Industriearbeiter litten damals unter schlechten Arbeitsbedingungen sowie niedrigen Löhnen. Im Jahr 1886 riefen deshalb Handel- und Arbeitergewerkschaften zu einem mehrtägigen Generalstreik auf, und zwar am 1. Mai des Jahres. Hauptziel war die Verkürzung der Arbeitszeit auf acht Stunden täglich. Grund für die Wahl des Datums war die Tatsache, dass damals in den USA jeweils zum 1. Mai alte Arbeitsverträge ausliefen, neue wurden geschlossen. Deshalb hieß der 1.Mai damals auch „Moving Day“. Rund 400.000 Beschäftigte aus 11.000 Betrieben beteiligten sich am ersten Tag des Generalstreiks. Schließlich erreichten die Gewerkschaften die Umsetzung ihrer Forderung. Ab dem 1. Mai 1890 galt in den USA der 8-Stunden-Arbeitstag.

 

Nachdem die Arbeiterschaft in den USA sich durchgesetzt hatte, wurde der 1. Mai auch in Deutschland und Europa zum Kampftag der Arbeiterklasse für den 8-Stunden-Tag. Am 1. Mai 1890 kam es auch in Deutschland zu einer Streikwelle, dennoch konnte der 8-Stunden-Tag nicht durchgesetzt werden. Das gelang erst im Jahr 1918. Im Jahr 1919 war es dann soweit: Die Nationalversammlung der Weimarer Republik erklärte den 1. Mai zum “Tag der Arbeit” und deutschlandweit zum gesetzlichen Feiertag. Als dauerhaften und deutschlandweiten gesetzlichen Feiertag riefen die Nationalsozialisten den 1. Mai im Jahr 1933 als „Feiertag der Nationalen Arbeit“ aus. Auch nach dem Ende des 2. Weltkriegs und der Aufteilung Deutschlands in die vier Besatzungszonen behielten die Siegermächte den 1. Mai als Tag der Arbeit und gesetzlichen Feiertag bei.

 

Arbeit. Ein wichtiger Teil unseres Lebens. Nicht nur, weil wir durch unsere Arbeit unseren Lebensunterhalt verdienen. Sondern weil die Arbeit unserem Leben – für die meisten zumindest – ein Sinn gibt. Das merken wir gerade in diesen Tagen: froh ist jeder, der im Moment seiner Arbeit nachgehen kann. Das Wort „krisensicherer Job“ bekommt gerade eine ganz besondere Bedeutung. Andere können zur Zeit nur zu Hause arbeiten und merken im Homeoffice, wie schwer es oft ist, Arbeit, Familie und v.a. die Betreuung der Kinder unter einen Hut zu bringen. Wiederum andere sind in Kurzarbeit, wissen nicht, wie es finanziell weitergehen soll und wie das Geld bis zum Monatsende reichen kann. Ganz zu schweigen von denen, die schon vor der Krise keine Arbeit hatten. Und selbst wenn wir Arbeit haben, fällt sie uns nicht immer gleich leicht.

 

Da kann einen dann durchaus das Gefühl beschleichen, von dem Bonhoeffer in heutigen Satz spricht: dass man Kraft in der Arbeit braucht. Er hat für sich auch eine Möglichkeit gefunden, woher er diese Kraft bekommt. Er sieht sie für sich in Gottes Wort. „Wo Gottes Wort bei mir ist“ so schreibt er und für mich gibt es da viele Möglichkeiten, dass Gottes Wort in meinem Leben da ist. Das kann das Lesen solcher Gedanken sein; oder das tägliche Wort der Losungen; Predigten, auf die ich ja auch in diesen Tagen nicht ganz verzichten muss; das Lesen in der Bibel und vieles andere mehr.

 

In Gottes Wort kann ich immer wieder neu Kraft finden und das nicht nur für die Arbeit. Sondern eben auch, wie es Bonhoeffer schreibt, Kraft für den Weg in der Fremde, Geduld im Leiden, Halt in der Ungewissheit. Darum möchte ich Ihnen für den Tag der Arbeit einen kraftvollen Bibelspruch mitgeben aus dem Buch Mose: „Der HERR aber, der selbst  vor euch hergeht, der wird mit dir sein und wird die Hand nicht abtun und dich nicht verlassen. Fürchte dich nicht und erschrick nicht!“

 

In diesem Sinne Ihnen allen alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.

 

Ihr Pfarrer Frank Wagner

 

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Gedanken für den 30.4.2020

 

„Nur aus dem Frieden zwischen zweien und dreien kann der große Friede einmal erwachsen, auf den wir hoffen.“

 

Dietrich Bonhoeffer

 

 

Ein für Dietrich Bonhoeffer wichtiges Thema steht im Zentrum des heutigen Spruches, nämlich das Thema Frieden. Nicht umsonst wird er immer wieder in der Literatur und in Vorträgen als Pazifist bezeichnet. Bis dahin war es freilich ein Weg, den Bonhoeffer gegangen ist. Besonders in den Jahren 1929 bis 1934 hat er sich intensiv mit der Friedensthematik beschäftigt.

 

Am Anfang stand er dabei erst einmal ganz auf der Seite der damals geläufigen Meinung, dass der Krieg etwas Heiliges sei. So schreibt Bonhoeffer im Jahr 1929: „Gott ruft das Volk zum Kampf und Sieg. Gott hat mich meinem Volk gegeben, was ich habe, danke ich diesem Volk; was ich bin, bin ich durch mein Volk, so soll auch, was ich habe, ihm wieder gehören. Die Liebe zu meinem Volk wird den Mord, wird den Krieg heiligen.“

 

Bald darauf freilich vollzieht er eine innere Wende. 1930, nach dem zweiten theologischen Examen und der Habilitation, ist er zu einem Studienaufenthalt in New York. Dort lernt er den französischen Pfarrer Jean Laserre kennen, der leidenschaftlich über das Friedensgebot der Bergpredigt spricht. Diese Begegnung mit Laserre veränderte Bonhoeffer und seine Einstellung zum Frieden nachhaltig. Aus dem Befürworter des Krieges wurde ein Gegner des Krieges, der in seinen Vorlesungen und Veröffentlichungen nicht nur vor Hitler, sondern auch vor einem weiteren Krieg warnt.

 

Ein Meilenstein in seinem Engagement für den Frieden findet sich im Jahr 1934. Als Leiter der deutschen Jugenddelegation nimmt er an einer ökumenischen Tagung auf der Insel Fanö in Dänemark teil. Bonhoeffer warnt vor der drohenden Kriegsgefahr. In einer Morgenandacht hält er dort eine vielbeachtete Friedenspredigt, in der er betont: „Friede muss gewagt werden. Friede ist das Gegenteil von Sicherung. Sicherheiten fordern heißt Misstrauen haben, und dieses Misstrauen gebiert den Krieg. Wie wird Friede? Wer ruft zum Frieden, dass die Welt es hört, zu hören gezwungen ist? Der einzelne Christ kann das nicht. Nur das eine große ökumenische Konzil der Heiligen Kirche Christi aus aller Welt kann es so sagen, dass die Welt das Wort vom Frieden vernehmen muss. Die Stunde eilt, die Welt starrt in Waffen – worauf warten wir noch?“

 

Seine Predigt widerspricht freilich dem Zeitgeist und stößt bei den führenden Theologen Deutschlands auf entschiedene Ablehnung: Bischof Heckel denunziert Bonhoeffer als Pazifisten und Staatsfeind, Bonhoeffer wir daraufhin die Lehrbefugnis für die Berliner Universität entzogen.

 

Friede muss gewagt werden. Dieser Satz war damals ein Aufruf in die Situation seiner Zeit hinein. Aber es ist auch ein Aufruf, der über alle Zeiten hin weiterreicht bis in unsere Tage hinein. Friede – und damit ist ja nicht nur die Abwesenheit von Krieg gemeint – ist bis heute bedroht und muss bis heute immer wieder neu gewagt werden. Und das gilt auch und besonders für den persönlichen Bereich. Denn wie soll in der Welt Friede sein, wenn wir es nicht schaffen, im Kleinen, in unserem Miteinander friedlich zu leben und den Frieden immer wieder neu zu suchen?

 

Auf diesem Hintergrund höre ich die obigen Worte von Bonhoeffer: „Nur aus dem Frieden zwischen zweien und dreien kann der große Friede einmal erwachsen, auf den wir hoffen“. Es ist darum an jedem Einzelnen von uns, das in seinem Leben und in seinem Umfeld zu tun, was in seiner Macht steht, um mitzuhelfen, dass Friede in unserem Miteinander erwächst. Wie sehr Unfriede uns zerstört, das wissen wir alle. Umso mehr sollten wir uns immer wieder neu dafür einsetzen, dass Frieden werde unter uns.

 

In diesem Sinne Ihnen allen alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.

 

Ihr Pfarrer Frank Wagner

 

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Gedanken für den 29.4.2020

 

„Es gibt vor Gott kein lebensunwertes Leben; denn das Leben selbst ist von Gott wert gehalten.“

 

Dietrich Bonhoeffer

 

Heute war ich zum ersten Mal wieder in der Schule. Mit Maske und dem nötigen Abstand, mit dem Desinfizieren und Waschen der Hände beim Betreten des Schulhauses und all den anderen Vorgaben, die in diesen Tagen nötig sind. 2 Stunden Unterricht mit meinen Schülerinnen und Schülern, die in wenigen Wochen unter diesen besonderen Umständen ihren qualifizierten Hauptschulabschluss schreiben. Wir haben heute die Zeit genutzt, um noch einmal genau darauf zu schauen, was denn an Stoff in der Prüfung drankommen wird. Ein Punkt wird Albert Schweitzer sein und sein Thema „Ehrfurcht vor dem Leben“. Das berühmteste Zitat des Arztes und Urwalddoktors, der in Lambarene sein Urwaldhospital gegründet hatte, lautet in diesem Zusammenhang: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will“.

 

Gemeinsam haben wir noch einmal intensiver über diesen Satz und seine Bedeutung nachgedacht und herausgearbeitet, dass es bei diesem Prinzip darum geht, jegliche Art von Leben als anderes Leben zu respektieren und ihm mit Ehrfurcht zu begegnen. Und bei Schweitzer sind es eben nicht nur die Menschen, sondern auch die Tiere: ob nun die Schnecke am Wegesrand, die man leicht zertreten kann – ob nun die Mücke an der Wand, die mich stört: all das ist Leben, vor dem ich Ehrfrucht haben soll und dem ich den nötigen Respekt entgegenbringen soll.

 

Ein Meilenstein in seinem Engagement für den Frieden findet sich im Jahr 1934. Als Leiter der deutschen Jugenddelegation nimmt er an einer ökumenischen Tagung auf der Insel Fanö in Dänemark teil. Bonhoeffer warnt vor der drohenden Kriegsgefahr. In einer Morgenandacht hält er dort eine vielbeachtete Friedenspredigt, in der er betont: „Friede muss gewagt werden. Friede ist das Gegenteil von Sicherung. Sicherheiten fordern heißt Misstrauen haben, und dieses Misstrauen gebiert den Krieg. Wie wird Friede? Wer ruft zum Frieden, dass die Welt es hört, zu hören gezwungen ist? Der einzelne Christ kann das nicht. Nur das eine große ökumenische Konzil der Heiligen Kirche Christi aus aller Welt kann es so sagen, dass die Welt das Wort vom Frieden vernehmen muss. Die Stunde eilt, die Welt starrt in Waffen – worauf warten wir noch?“

 

Ganz Ähnliches wie Albert Schweitzer formuliert Bonhoeffer im heutigen Gedanken: es gibt kein lebens-unwertes Leben vor Gott, so formuliert er es in seiner Ethik. Dieser Satz hat bei ihm freilich noch einmal einen ganz anderen Hintergrund. Lebensunwertes Leben – dieser Begriff spielte in der sog. Rassenhygiene der Nationalsozialisten eine große Rolle. Es ging darum, welches Leben als lebenswert einzustufen sei und welches nicht. Auf diesem Hintergrund verfolgten und ermordeten die Nazis Kranke und Menschen mit Behinderung ebenso wie Juden und andere Gruppen. Sie hielten sie für “lebensunwertes Leben”, für “Parasiten am deutschen Volkskörper”. Die aktuellen Bilder über die Befreiung der Konzentrationslager vor 75 Jahren führen uns deutlich vor Augen, wohin dieses „Programm“ geführt hat.

 

Vor Gott gibt es kein lebensunwertes Leben, alles Leben hat bei Gott seinen Wert. Diesen Satz kann man auch in eine ganz andere Richtung verstehen, wenn man ihn als einen Satz sieht, der mit dem persönlichen Leben von uns Menschen zu tun hat. Denn der Satz führt zur der Frage, die sich jeder unter uns immer wieder stellt, nämlich: was macht mein Leben lebenswert? Wodurch bekommt mein Leben seinen Wert? Für viele Menschen gilt Erfolg als Maß für den Wert des Lebens. Oder Gesundheit. Oder grenzenlose Freiheit. Oder Liebe und Partnerschaft und vieles andere mehr. Sicher fallen ihnen dazu ihre eigenen Beispiele ein. Und wenn das alles nicht eintrifft, ist mein Leben dann nichts mehr wert?

 

Die Bibel zeigt uns hier einen anderen Blick auf unser Leben. In der biblischen Rede von der Schöpfung wird der Mensch als Ebenbild Gottes bezeichnet. Er bekommt von Gott eine besondere Würde des Lebens. Aber diese Würde schließt nicht unmittelbar ein, dass der Mensch deswegen perfekt sein muss. Der Wert des Lebens ist etwas, das an keine Bedingung geknüpft ist. Ich muss nichts leisten, damit mein Leben lebenswert wird, es gilt zu jedem Zeitpunkt meines Lebens. Leben ist ein Geschenk Gottes und in dem Moment, in dem es beginnt, erhält es seine Berechtigung. Das beinhaltet auch die Möglichkeit Fehler zu machen als Teil des Lebens. Der Mensch ist von Gott mit Grenzen geschaffen, aber das heißt nicht, dass deswegen der Mensch nichts wert sei.

 

Ganz im Gegenteil: mein Leben ist lebenswert, egal wie es verläuft, weil mein Leben ein Geschenk Gottes an mich ist. Und darum immer seinen besonderen Wert hat und niemals lebensunwert ist.

 

In diesem Sinne Ihnen allen alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.

 

Ihr Pfarrer Frank Wagner

 

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Gedanken für den 28.4.2020

 

„Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.“

 

Dietrich Bonhoeffer

 

Wäre das nicht schön, wir wüssten im Voraus vor jeder Prüfung, jeder Notsituation, jeder Krise, jeder Krankheit, jeder Herausforderung, jeder Anfeindung und jedem Konflikt, dass Gott uns genügend Kraft zum Widerstand, zum Aushalten geben würde? Leider ist das nicht unbedingt die Erfahrung unseres Lebens. Ganz im Gegenteil. In der Not verlässt uns oft der Mut und die Kraft und wir wissen oft gar nicht, wie wir das Ganze durchstehen können. Und im Blick auf Gott erleben wir Gott als den, der uns gerade keine Kraft gibt, sondern der für uns weit weg zu sein scheint. Aber ist das wirklich so oder hat Bonhoeffer Recht mit seiner Aussage?

 

Dazu möchte ich Ihnen heute in meinen Gedanken von einer Begegnung erzählen, die ich vor langer Zeit bei einem Besuch im Krankenhaus hatte. Ein Mann erzählt mir von seiner Krankheit, die ihn erst einmal völlig aus der Bahn geworfen hat. Im Gespräch und im Nachhinein aber betonte er, dass die Zeit im Krankenhaus für ihn eine gute Zeit war, weil er Zeit hatte, über vieles nachzudenken, was so sein Leben ausmacht. Durch diese Krise habe er gelernt, sein Leben mit neuen Augen zu sehen. Er verstehe auf der einen Seite viel besser, wenn Krankheiten Menschen verzweifeln lassen. Aber er habe für sich in dieser Zeit, in der er auch viel gebetet hat, erfahren, dass ihm damals Kräfte zugewachsen sind, an die er vorher nicht geglaubt habe. Und diese Erfahrung habe ihm gezeigt: es ist nicht umsonst, wenn ich Gott um Kraft bitte. Man müsse sich dabei aber auf alle Fälle bewusst machen, dass nicht alle Dinge so kommen werden, wie man es gerne hätte. Aber er war im Nachhinein sicher, dass die Kraft, die er in dieser Zeit hatte, um diese Situation durchzustehen, dass diese Kraft von Gott gekommen ist. „Gott gibt uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft, wie wir brauchen“ so dazu die Worte von Bonhoeffer.

 

Ein weiterer Bereich, wo Menschen mir von ähnlichen Erfahrungen erzählen, sind Beerdigungen. Auch hier sagen Menschen immer wieder, dass sie in der schweren Situation des Abschiedes Kraft hatten, um diese durchzustehen. Und ich antworte dann immer gerne darauf, dass ich überzeugt bin, dass diese Kraft von Gott kommt.

 

Diese Kraft aber, so sagt Bonhoeffer, die kommt oft erst genau in dem Moment, wo wir mitten in der Not sind. Gott gibt sie uns nicht im Voraus, davon ist Bonhoeffer überzeugt. Auch das ist eine Erfahrung des Lebens. Aber ich verstehe die Sätze Bonhoeffers so, dass er damit zum Ausdruck bringen möchte: Gott hat mit mir eine Geschichte und geht mit mir Wege. Diese werfen mich manchmal aus der Bahn, aber genau in diesen Momenten darf ich besonders zu Gott kommen und ihn um Kraft bitten. Darf ich daran glauben, dass Gott bei mir ist, gerade auch in schwierigen Zeiten.

 

„In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein“, so Bonhoeffer weiter. Müsste, so sagt er, weil er aus eigener Erfahrung weiß, wie das so mit dem Glauben ist. Glaube ist in den seltensten Fällen so, dass er so stark ist, dass ihn nichts aus der Bahn wirft. Ganz im Gegenteil. Zum Glauben gehört immer der Zweifel mit dazu. Aber aus der Erfahrung, dass Gott mir in Krisenzeiten geholfen hat, dass ich da Kraft bekommen habe, kann ich den Glauben schöpfen, dass das in der nächsten Krise wieder so sein wird. Und mich darum erneut voller Vertrauen an meinen Gott wenden, ganz in der Überzeugung und dem Glauben, dass er mir dann wieder die Widerstandskraft geben wird, die ich für diesen Moment brauche. Und dann sollte die Angst vor der Zukunft tatsächlich überwunden sein.

 

In diesem Sinne Ihnen allen alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.

 

Ihr Pfarrer Frank Wagner

 

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Gedanken für den 27.4.2020

 

„Das Vertrauen wird eines der größten, seltensten und beglückendsten Geschenke menschlichen Zusammenlebens bleiben, und es wird doch immer nur auf dem dunklen Hintergrund eines notwendigen Misstrauens entstehen.“

 

Dietrich Bonhoeffer

 

Mit den heutigen Worten spricht Dietrich Bonhoeffer zwei Punkte an, die das Leben von uns Menschen prägen: Vertrauen und Misstrauen. Vertrauen, das ich in andere Menschen habe, Vertrauen, das mir Menschen entgegenbringen; Misstrauen, das ich gegen andere hege, Misstrauen, mit dem mir andere Menschen begegnen. Wir alle kennen beides aus unserem Leben.

 

Prof. Dr. Niels Birbaumer, Neurowissenschaftler und Psychologe, hat dazu in seinem Buch „Vertrauen. Ein riskantes Gefühl“ die These aufgestellt, die da lautet: „Es gibt nichts Mächtigeres als Vertrauen, nichts, was zu mehr Harmonie beiträgt“. Ich denke, diese Erfahrung kennen wir. Vertrauen, das in der Familie, in einer Beziehung herrscht führt dazu, dass Harmonie herrscht. Und Harmonie trägt zum Wohlbefinden und Glück bei. Und ebenso umgekehrt: ein ständiges Misstrauen vergiftet jede Beziehung, führt zur Disharmonie und zum Unglück. Schwer ist es auch, nach einem Vertrauensbruch wieder eine Vertrauensbasis zu finden. Wenn wir jemandem unser Vertrauen schenken, dann machen wir uns verletzlich. Es könnte ja sein, dass das Vertrauen missbraucht und man belogen, betrogen oder verraten wird. Wir geben ein Stück weit Kontrolle an eine andere Person ab. Man hofft, dass diese Person ein Vertrauensträger ist, also eine Person, die unser Vertrauen tragen kann. Aber man geht ein Risiko ein.

 

Trotzdem wünscht sich jeder in seinem Umfeld einen oder mehrere absolut vertrauenswürdige Menschen. Menschen, denen man ganz und gar vertrauen kann, Menschen, denen man blind vertraut. Leider haben aber viele Menschen keine einzige Person, der sie so rückhaltlos vertrauen können. Und machen darin gerade nicht die Erfahrung, die Bonhoeffer beschreibt: Vertrauen ist eines der größten, seltensten und beglückendsten Geschenke, das wir Menschen bekommen.

 

Für Dietrich Bonhoeffer hatte das Wort „Vertrauen“ eine lebenskritische Bedeutung. Er erlebte die Nazi-Diktatur von Beginn an und stellte sich bereits im September 1933 als Mitgründer des Pfarrernotbundes gegen das Regime. Noch vor Beginn des Zweiten Weltkriegs schloss er sich dem Widerstand unter Canaris an. Er stand unter ständiger Beobachtung der damaligen Sicherheitsorgane, die in seiner Verhaftung und Hinrichtung kurz vor Kriegsende mündete. Für Bonhoeffers Leben hatte es unmittelbare Bedeutung, wem er Vertrauen schenkte. Er musste sich zwangsläufig verletzbar machen, denn anders war es nicht möglich, mit anderen Menschen im Widerstand zu kommunizieren und die Kreise des Widerstands auszudehnen. Bonhoeffer musste Denunziation fürchten, mit der Folge der Gefahr für Leib und Leben. Würde er den damaligen Verhörmethoden standhalten können? Würde er unter körperlichen Qualen vielleicht sogar selbst zum Verräter, zum Vertrauensbrecher, werden? Wenn das Vertrauen unter den gegebenen Lebensumständen eine derart überragende Bedeutung hat, dann ist verständlich, dass Bonhoeffer das Vertrauen als eines der größten und beglückendsten Geschenke menschlichen Zusammenlebens empfand.

 

Mir fällt an dieser Stelle ein Spruch aus dem Hebräerbrief ein: werft euer Vertrauen nicht weg, heißt es dort. Im Zusammenhang mit den Worten Bonhoeffers heißt dieser Satz für mich, dass es wichtig ist sensibel mit dem Thema Vertrauen umzugehen und immer wieder darauf zu achten, dass Vertrauen zwischen Menschen nicht missbraucht wird. Weil es eben auch wir immer wieder erleben dürfen, welch großes und beglückendes Geschenk das Vertrauen im Leben ist.

 

In diesem Sinne Ihnen allen alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.

 

Ihr Pfarrer Frank Wagner

 

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Gedanken für den 25.4.2020

 

„Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist.“

 

Dietrich Bonhoeffer

 

„Kirchen dürfen ab 4. Mai wieder Gottesdienste feiern“ so verkündete gestern Staatskanzleichef Florian Herrmann (CSU) am Rande einer Landtagssitzung in München. Allerdings nur unter strengen Auflagen. Dazu gehören Hygiene-Konzepte, das Tragen einer Mund-Nase-Bedeckung sowie Mindestabstände von zwei Metern zwischen den Gottesdienstbesuchern. In ersten Reaktionen von Seiten der Kirchenvertreter war dann auch sogleich von großer Erleichterung die Rede.

 

Verwunderlich ist freilich, dass diese Mitteilung am Rande einer Sitzung verkündet wurde – und nicht offiziell bei einer Pressekonferenz mit Vertretern der Religionsgemeinschaften. Und das zeigt in meinen Augen an, wohin sich Kirche in den Zeiten der Corona-Krise manövriert hat, nämlich an den Rand. Und wenn man sich die letzten Wochen und Monate seit Beginn der Ausgangsbeschränkungen so anschaut, dann muss man sagen, dass die Kirche – und ich möchte hier v.a. von meiner, der evangelischen Kirche sprechen – ein miserables Bild abgegeben hat. So wurde von Seiten der Verantwortlichen ohne große Kritik, ohne irgendein Hinterfragen das Verbot der Gottesdienste hingenommen. Kein Versuch war zu erkennen, hier irgendwie Zwischenlösungen zu finden. Das Ganz oder Gar-Nicht zur Bewältigung der Krise wurde, ohne mit der Wimper zu zucken akzeptiert. Natürlich sind auch im Bereich der Kirche Schutzmaßnahmen nötig gewesen und sind weiter nötig. Aber es ist schon auffällig wie planlos die EKD und ihr Ratsvorsitzender in dieser Zeit aufgetreten sind. Und auch jetzt fragt man sich: warum ist der Mindestabstand überall im Land bei 1,5 Metern und warum muss es in der Kirche 2 Meter sein? Sind Christen ansteckender als andere? Warum nur 50 im Freien, wo gleichzeitig hunderte die Baumärkte stürmen dürfen oder, wie gestern beobachtet, am Alpsee bei Immenstadt ein Betrieb herrscht wie in den Sommermonaten? Man fragt sich, warum die evangelische Kirche so sehr der „Obrigkeit“ folgt und sich dermaßen an den Rand drängen lässt. Nun gut, werden manche sagen, Kirche ist doch präsent. Jeden Tag neue Posts in den sozialen Medien, Fernsehgottesdienste, Live-Streams von vielen Gemeinden und viele andere gute Aktionen mehr. Aber die Frage stellt sich: ist das Wesen der Kirche nur an der Feier von Gottesdiensten ablesbar? Ist die Kirche nicht viel mehr als Fernsehgottesdienste und gemeinsames Singen von Abendliedern auf dem Balkon?

 

Hier hinein spricht heute Dietrich Bonhoeffer, wenn er sagt: Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist. Natürlich ist sie mit den Gottesdiensten für andere da. Aber kann das alles sein? Gerade in den Zeiten der Krise müsste es die Kirche sein, die immer wieder – um noch einmal Bonhoeffer zu zitieren – dem Staat den Spiegel vorhält und ihn auf Ungereimtheiten hinweist. Und Ungereimtheiten gibt es genug und Kirche könnte mannigfaltig die Stimme erheben, um sich für die Schwachen und die, die am meisten unter der Krise leiden, einzusetzen. Um dadurch Kirche für andere zu sein.

 

Ich denke da an all die Familien und vor allem die Alleinerziehenden, deren Kinder nicht in den Kindergarten dürfen, weil die Eltern keinen systemrelevanten Beruf haben. Wie viele haben in diesen Tagen die Sorge, finanziell über die Runden zu kommen? Wie viele können kein Homeoffice machen und müssen vom Kurzarbeitergeld leben? Wenn hier schon die Politik, der die Rettung der Wirtschaft Unsummen wert ist, versagt, dann sollte Kirche, die ja selbst Kindergärten betreibt, hier ihre Stimme erheben und Lösungsvorschläge für die Menschen machen. Kirche für andere. Ich denke an die Menschen in den Heimen, die nicht besucht werden dürfen, an Väter, die nach der Geburt ihres Kindes nicht bei Mutter und Kind bleiben dürfen. Ich habe noch viele weitere Beispiele vor Augen.

 

„Tatenloses Abwarten und stumpfes Zuschauen sind keine christlichen Haltungen”, so hat Bonhoeffer geschrieben und es ist an der Zeit, dass unsere Kirche alle Anstrengungen unternimmt, um in dieser Zeit Stimme derer zu sein, die keine Stimme haben. Sonst wird sie am Ende der Krise da bleiben, wo sie im Moment ist: am Rande.

 

In diesem Sinne Ihnen allen alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.

 

Ihr Pfarrer Frank Wagner

 


Gedanken für den 24.4.2020

 

„Gott geht zu allen Menschen in ihrer Not, sättigt den Leib und die Seele mit Seinem Brot, stirbt für Christen und Heiden den Kreuzestod, und vergibt ihnen beiden.“

 

Dietrich Bonhoeffer

 

Mit den obigen Worten schließt Bonhoeffer sein Gedicht „Christen und Heiden“ ab. Nach den Gedanken zum Thema Gottesbild in der ersten Strophe und den Gedanken über den in der Ohnmacht mächtigen Gott vollzieht Bonhoeffer in der dritten Strophe wiederum einen Perspektivenwechsel. Während die beiden ersten Strophen den Weg der Menschen zu Gott nachzeichnen (Menschen gehen zu Gott in ihrer Not – Menschen gehen zu Gott in seiner Not), geht es nun um den Weg Gottes zu allen Menschen: Gott geht zu allen Menschen in ihrer Not, so schreibt Bonhoeffer.

 

Gott geht zu allen Menschen in ihrer Not. In dieser letzten Strophe leuchtet noch einmal eine ganz neue Seite Gottes auf. Es geht nun um die Beziehung Gottes zu den Menschen. Es geht darum, dass Gott seine Geschöpfe nicht egal sind. Vom Anfang der Bibel an ist das Verhältnis zwischen Gott und Mensch immer eines, wo es nicht nur um die Beziehung des Menschen zu Gott, sondern auch um die Beziehung Gottes zu den Menschen geht. Der Gott der Bibel ist eben kein Gott, der einfach oben im Himmel thront und der nach der Erschaffung der Welt diese sich selbst überlässt. Er ist ein Gott, der sich um die von ihm geschaffene Welt und die Menschen sorgt und kümmert. Gerade im Alten Testament, aber auch darüber hinaus, leuchtet diese Seite Gottes immer wieder auf. Erinnert sei hier nun an Mose, an die Erwählung des Volkes Israel, an den Auszug aus Ägypten und den Weg durch die Wüste, wo Gott sich fürsorglich um das Volk kümmert.

 

Im Neuen Testament ist er dann in Jesus Christus noch einen Schritt weiter gegangen: stirbt für Christen und Heiden den Kreuzestod, so schreibt Bonhoeffer und weist damit darauf hin, dass Gott sich nicht nur um die Menschen sorgt, sondern selber Mensch geworden ist, um sich ganz auf die Seite der Menschen zu stellen, um sozusagen ganz in ihr Leben, mit allen seinen hellen und dunklen Seiten, einzutauchen, sie am eigenen Leib zu erleben. Gott geht zu allen Menschen in ihrer Not. Er selbst, in seinem Sohn.

 

Für mich bedeutet der Satz, bedeutet dieses Geschehen am Kreuz, dass Gott auch bei uns in unseren Leiden da ist, sich uns immer wieder neu gütig und barmherzig zuwendet. Er ist unser Begleiter und gibt uns, was wir zum Leben brauchen. Und er gibt uns vor allem die Gewissheit, dass er immer wieder in unsere Not hineinkommt, dass auch wir ihm nicht egal sind, sondern dass er fürsorglich auch nach uns sieht; und dass er uns in aller Not und in allem Leid nicht allein lässt.

 

Ich gebe zu: es ist keine so ganz einfache Vorstellung von Gott: Gott will unser Glück, aber dieses Glück schließt mit ein, dass wir Leid und Not erleben und auf uns nehmen müssen. Aber wer das Leben von Herzen bejaht, wer das so für sich annehmen kann und sich Gott ganz in die Arme wirft, der wird auch leiden, aber er wird in diesem Leiden Gottes Zuwendung erfahren dürfen. 

 

Eine besondere „Zumutung“ Bonhoeffers möchte ich im Blick auf das Gedicht noch ansprechen, die schon im Titel genannt ist: Christen und Heiden. Bonhoeffer redet nie nur von Christen allein, sondern hat immer auch die im Blick, die nicht der christlichen Gemeinde angehören. Im Blick auf Gott öffnet er hier noch einmal Grenzen, die oft gezogen werden: mein Gott – dein Gott – unser Gott. Der Gott der Christen, der Juden, der Muslime, der Heiden. Gott ist bei Bonhoeffer, so verstehe ich ihn, der Gott aller Menschen, unter welchem Namen sie ihn auch anrufen, zu ihm beten, ihn verehren. Dieses Verständnis sollte auch unseren oft sehr engen Blick weiten und uns immer wieder neu helfen, über unsere oft sehr verengte Vorstellung von Gott nachzudenken.

 

In diesem Sinne Ihnen allen alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.

 

Ihr Pfarrer Frank Wagner

 

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Gedanken für den 23.4.2020

 

„Menschen gehen zu Gott in Seiner Not, finden ihn arm, geschmäht, ohne Obdach und Brot, sehn ihn verschlungen von Sünde, Schwachheit und Tod. Christen stehen bei Gott in Seinen Leiden.“

 

Dietrich Bonhoeffer

 

Die heutigen Worte sind die zweite Strophe von Bonhoeffers Gedicht „Christen und Heiden“. In der ersten Strophe (siehe die Gedanken zum 22.4.2020) hat Bonhoeffer die Suche der Menschen nach Gott in den schwierigen Momenten des Lebens in den Mittelpunkt und gestellt und dabei die Frage nach unserem Bild von Gott aufgeworfen. Gott, der Lückenbüßer, der „deus ex machina“ oder der Gott, auf den ich mich in allen Lebenslagen verlasse und vertraue? so waren seine Fragen bzw. Impulse.

 

Die zweite Strophe führt nun einen radikalen Perspektivenwechsel herbei. Menschen gehen zu Gott – und finden Gott anders, als erwartet, als erhofft. Sie finden Gott in Seiner Not. Finden ihn arm, geschmäht, ohne Obdach und Brot, eingebunden in Sünde und Schwachheit. Ja selbst der Tod macht vor Gott keinen Halt. Nicht mehr das Leiden an der eigenen Not steht hier im Zentrum der Gedanken Bonhoeffers, sondern das Leiden Gottes.

 

Die Rede vom leidenden Gott ist im Christentum schon immer zu Hause, aber in dieser Radikalität hat erst Dietrich Bonhoeffer vom leidenden Gott gesprochen. Ja, der Karfreitag erzählt von einem Gott, der arm, geschmäht, ohne Obdach und ohne Brot ist, verschlungen von Sünde, Schwachheit und Tod. Gott, das ist die unzweideutige Botschaft Bonhoeffers, ist nicht der Allmächtige und Allwirksame, der das Geschehen an Karfreitag aus sicherer Distanz und mit dem Wissen um das Happy End am dritten Tag beobachtet, sondern er selbst ist derjenige, der hier leidet, verzweifelt und stirbt. Bonhoeffer schreibt zu Karfreitag: „Gott läßt sich aus der Welt herausdrängen ans Kreuz, Gott ist ohnmächtig und schwach in der Welt und gerade und nur so ist er bei uns und hilft uns.“

 

Der leidende Gott: er ist der Gott, der die Schattenseiten, die Nöte und Bedrohungen menschlicher Existenz von ganz innen und von ganz unten her kennt.  Der Gott, der sich ganz und gar mitten in das Leben der Menschen hineinbegibt. Er bleibt nicht apathisch und fern, sondern leidet selbst an der Gottlosigkeit der Welt, die verblendet genug ist, in einer furchterregenden Koalition des Versagens von Macht, Recht und Religion einen völlig Unschuldigen und Gerechten ans Kreuz zu nageln. Gott ist in den Leidenden und Geschundenen dieser Welt, er steht nicht abseits von ihnen. Gott leidet selbst am Leiden der Welt, er schaut ihr nicht einfach zu. Im Gekreuzigten ist er den Lei­denden ganz nahe. Für Bonhoeffer ist die Idee vom Leiden Gottes einer der überzeugendsten Lehren des Christentums.

 

Und gleichzeitig ist es eine ganz große Herausforderung an uns und unseren Glauben. Zu glauben an einen Gott, der schwach und ohnmächtig ist und sich aus der Welt drängen lässt. Können wir das? Können wir so einen Glauben haben? Können wir bei Gott in seinem Leiden stehen, wie es die letzte Zeile des Gedichtes sagt? Oder verlassen wir Gott in solchen Momenten?

 

Bonhoeffer war ganz tief davon überzeugt: nur der leidende Gott kann helfen. Nur in der Ohnmacht ist Gott ein mächtiger Gott. Gott hilft kraft seiner Schwachheit und nicht kraft seiner Allmacht. Mich persönlich hat diese Vorstellung in meinem Glauben weitergebracht. Denn diese Vorstellung besagt für mich: gerade in den Ohnmachtsmomenten darf ich daran glauben, dass Gott da und ganz nahe an meiner Seite ist. Und die Kraft, die ich, die wir bekommen, um solche Momente zu durchstehen, diese Kraft kommt von Gott. In der Not zu hoffen, dass Gott kommt und eingreift und alles wird gut – das kann nur zu Enttäuschungen führen. Aber darauf zu vertrauen, daran zu glauben, dass Gott in der Not ganz nah bei mir steht, weil er selbst alle Not dieser Welt durchlebt, erlebt, auf sich genommen hat – dieser Glaube kann Kraft geben und helfen. Und diesen Glauben wünsche ich uns, immer wieder und immer wieder neu.

 

In diesem Sinne Ihnen allen alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.

 

Ihr Pfarrer Frank Wagner

 

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Gedanken für den 22.4.2020

 

„Menschen gehen zu Gott in ihrer Not, flehen um Hilfe, bitten um Glück und Brot, um Errettung aus Krankheit, Schuld und Tod. So tun sie alle, alle, Christen und Heiden“

 

Dietrich Bonhoeffer

 

Die heutigen Worte stammen aus einem Gedicht von Dietrich Bonhoeffer, das den Titel trägt: Christen und Heiden. Entstanden ist es im Jahr 1944 in der Zeit, als Bonhoeffer im Gefängnis war. Von diesem Gedicht möchte ich Ihnen heute die erste Strophe und meine Gedanken dazu vorstellen, die anderen beiden Strophen folgen dann in den nächsten Tagen:

 

  1. Menschen gehen zu Gott in ihrer Not, flehen um Hilfe, bitten um Glück und Brot, um Errettung aus Krankheit, Schuld und Tod. So tun sie alle, alle, Christen und Heiden.

 

In der ersten Strophe beschreibt Bonhoeffer eine ganz typische Bewegung von uns Menschen, die wir vielleicht auch aus dem eigenen Leben kennen. In Zeiten der Not machen sich Menschen auf die Suche nach Gott, um von ihm Hilfe zu erbitten. Glück und Brot, Errettung aus der Not, Krankheit und Tod. Das ist ganz natürlich. So hat Gott die Menschen geschaffen. Jeder will glücklich und zufrieden sein und vor Leid bewahrt werden. Jeder will wieder gesund werden, wenn er ernsthaft krank ist. Jeder will wieder frei werden, wenn er zu Unrecht im Gefängnis sitzt wie Bonhoeffer. Das wünschen sich alle, ob sie sich nun als Christen oder Halbchristen oder als Heiden verstehen. Bonhoeffer streicht die Gemeinsamkeit beider Gruppen explizit heraus: „So tun sie alle, alle, Christen und Heiden.“ Es gibt hier keinen Unterschied. In der Erwartung, dass Gott ihnen hilft, bei ihrer Suche nach Glück sind sich Christen und Heiden zum Verwechseln ähnlich. Gott ist die gemeinsame Adresse unserer Wünsche und Sehnsüchte.

 

Zugleich hat gerade Bonhoeffer darauf beharrt, Gott nicht zum Glücksgaranten herabzuwürdigen und ihn zum Lückenbüßer unsrer unerfüllten Wünsche zu machen. Dazu Bonhoeffer: „Wir leben in einer mündigen Welt. Sie braucht Gott nicht, um irgendwelche Restprobleme zu lösen oder Restbedürfnisse zu erfüllen“. Die Vorstellung eines „deus ex machina“, also eines Gottes, der im richtigen Moment als Helfer in einer Notlage auftaucht und eine überraschende, unerwartete Lösung einer Schwierigkeit bringt, diesen Gott braucht eine wissenschaftlich informierte Welt nicht. „Vor und mit Gott leben wir ohne Gott“, so formuliert es Bonhoeffer.

 

Diese Sätze rühren tief an unser Gottesbild und an unsere Vorstellung, wer Gott für uns ist und wie wir uns Gott vorstellen. Darum heute auch die direkte Frage an Sie: wer ist Gott für Sie? Wie ist Gott für Sie? Wie stellen sie sich Gott vor? Ist er auch für Sie der Gott, zu dem man oft erst geht, wenn man in Not ist? Oder ist Gott Teil ihres ganzen Lebens? Wer ist Gott für Sie?

 

Bonhoeffer selbst – so kann man es in seinen Schriften lesen – glaubt an Gottes Gegenwart und an seine Begleitung in allem, was ihm widerfährt, nicht erst und nicht vor allem an den Grenzen seines Lebens. Er braucht Gott nicht als Lückenbüßer. Er lebt in der Welt, als ob es Gott nicht gäbe und verlässt sich dabei doch ganz und gar auf Gott.

 

Mit Bonhoeffer bin ich davon überzeugt: Gott begegnet mir in der Fülle meines Lebens. In all dem Guten und Schöne, was mir geschenkt wird. All das kommt von Gott und sollte mich dankbar machen, sollte darum auch meine Beziehung zu Gott prägen. Und ich glaube, Gott sollte in unser aller Leben nicht erst dann ins Spiel kommen, wenn ich in Not bin. Gott ist nicht die Feuerwehr meines Lebens, zu dem ich rufe, wenn es brennt, sondern Gott ist der, der mein ganzes Leben bestimmt bzw. bestimmen soll. Kein Lückenbüßer an den Grenzen des Lebens, sondern mitten im Leben gegenwärtig und für mich da.

 

In diesem Sinne Ihnen allen alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.

 

Ihr Pfarrer Frank Wagner

 

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Gedanken für den 21.4.2020

 

„Vergebung ist ohne Anfang und Ende.“

 

Dietrich Bonhoeffer

 

„Du bist Schuld!“ Diesen Satz, diese Worte kennen wir zur Genüge. Er fällt immer wieder in unserem Miteinander. Bei Kindern während des Spielens, zwischen Erwachsenen, die streiten. Unser tägliches Miteinander ist von den Themen Schuld und Schuldzuweisungen geprägt. Auch in der momentanen Corona-Krise ist das ein zu beobachtendes Phänomen im Blick auf die Frage: wer ist schuld an der Ausbreitung? Natürlich die Chinesen, rufen die einen; für die anderen ist es die WHO, die angeblich nicht rechtzeitig vor Corona gewarnt hat. Dass bei uns Masken fehlen, daran ist natürlich die Politik schuld, die ja in den Augen vieler in den letzten Jahren vieles nur falsch gemacht hat. Weitere Beispiele kann ich mir sparen.

 

Schuld ist etwas, was zu unserem Leben dazugehört. Jeder lädt immer wieder Schuld auf sich. Die Frage ist nur, wie ich damit umgehe. Eine Variante ist, dass ich die Schuld immer bei anderen suche, aber niemals bei mir selbst. Schuld sind immer die anderen, die alles falsch machen, aber niemals ich. Eine andere Variante ist genau das Gegenteil, dass es Menschen gibt die immer die Schuld bei sich selber suchen, die bei allem und jedem immer ein schlechtes Gewissen haben. Natürlich gäbe es hier noch viele weitere Varianten zu benennen.

 

Schuld ist freilich etwas, was weiter wirkt. Ich denke da an Schuldgefühle, die man hat; ich denke an die zerstörende Wirkung von Schuldzuweisungen, die nicht nur Ehen und Familien zerstören; ich denke da an viele Konflikte, die allein aus der nicht bearbeiteten Schuld entstehen und weiter wirken. Kein Wunder, dass darum im Vater unser – zumindest für mich – eine der wichtigsten Bitten um das Thema Schuld geht: vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unserem Schuldigen.

 

Gott vergibt uns unsere Schuld, Gott vergibt uns immer wieder, was zwischen ihm und uns falsch gelaufen ist. Gott bringt die Beziehung wieder ins rechte Lot. Und er möchte, dass wir dies auch in unserem Miteinander leben. Dass wir die erfahrene Vergebung an andere weitergeben. Dass wir dadurch die Beziehung zu den anderen ebenfalls wieder ins rechte Lot bringen. Dabei ist das kein einmaliger Vorgang, sondern so wie wir immer wieder Schuld auf uns laden, so sollen wir auch immer wieder vergeben. Denn: Vergebung ist ohne Anfang und ohne Ende.

 

Was aber ist denn nun Vergebung? Das ganze Bonhoeffer-Zitat bringt hier wichtige Impulse: „Wir machen es uns ja so leicht mit den anderen Menschen. Wir stumpfen uns gänzlich ab und meinen, wenn wir gegen jemand keine bösen Gedanken hegen, dann sei das eben dasselbe als hätten wir ihm vergeben – und wir übersehen dabei ganz, daß wir keine guten Gedanken über ihn haben – und vergeben, das könnte doch heißen, lauter gute Gedanken über ihn haben, ihn tragen, wo wir nur können. Und das gerade umgehen wir, – wir tragen den andern Menschen nicht, sondern wir gehen neben ihm her und gewöhnen uns an sein Schweigen, ja nehmen ihn gar nicht ernst – aber aufs Tragen gerade kommt es an – den andern in allen Stücken tragen, in allen seinen schwierigen und unangenehmen Seiten, und sein Unrecht und seine Sünde gegen mich – schweigen, tragen und lieben ohne aufhören, – das käme dem Vergeben nahe. … Vergebung ist ohne Anfang und Ende, sie geschieht täglich unaufhörlich, denn sie kommt von Gott. Das ist Befreiung aus allem krampfhaften im Zusammensein mit dem Nächsten, denn hier werden wir befreit von uns selbst, hier dürfen wir alles eigene Recht aufgeben und dem andern allein helfen und
dienen“.

 

Ich wünsche uns allen immer wieder die Kraft zur Vergebung und dass wir in unserem Leben immer wieder diese befreiende Kraft der Vergebung erleben dürfen.

 

In diesem Sinne Ihnen allen alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.

 

Ihr Pfarrer Frank Wagner

 

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Gedanken für den 20.4.2020

 

„Mit Gott tritt man nicht auf der Stelle, sondern man beschreitet einen Weg“.

 

Dietrich Bonhoeffer

 

„Wir treten auf der Stelle!“ Dieser Satz, diese Redewendung begegnet uns immer wieder in den verschiedensten Bereichen, vor allem dann, wenn wir in einer Entwicklung nicht vorankommen, wenn wir keine Fortschritte erzielen. Das kann in den unterschiedlichsten Bereichen sein: im Sport, im persönlichen Leben, im Beruf, in der Schule oder auch in einer Krise. Wir treten auf der Stelle, wer kennt das nicht.

 

Wir treten auf der Stelle. Diese Redensart stammt im Übrigen aus dem Militär. In der wörtlichen Bedeutung meint der Ausdruck das Heben und Senken der Beine ohne dabei vorwärts zu gehen.  Der preußische Befehl “Auf der Stelle treten!” beim Exerzieren bezeichnete die Marschierbewegung auf demselben Fleck. In übertragener Bedeutung wurde der Ausdruck im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts geläufig.

 

Auf der Stelle treten, nicht vorankommen. Das ist etwas, was keine guten Gefühle bei uns hinterlässt. Wenn man nicht vorankommt, dann kommt schnell Frustration auf. Man bemüht sich, man strengt sich an, man kämpft manchmal sogar – aber irgendwie passiert nichts. Man hat das Gefühl, dass man dem gesteckten Ziel einfach nicht näher kommt. Egal, wie sehr man es auch versucht. Egal, wie sehr man sich auch anstrengt. Egal, wie sehr man sich abstrampelt. Und das Schlimmste dabei ist oftmals zu sehen, wie andere an einem vorbei ziehen, wie andere wie auf der Überholspur an einem vorbei fliegen, wie andere scheinbar leichtfüßig die Erfolge feiern, die man selbst gerne hätte. Auf der Stelle treten kann dazu führen unglücklich zu werden.

 

Zu einem Perspektivenwechsel lädt für diese Momente der heutige Spruch von Dietrich Bonhoeffer ein: mit Gott tritt man nicht auf der Stelle, sondern man beschreitet einen Weg. Dabei ist dieser Spruch sicher nicht so zu verstehen, dass er einen einfachen Mechanismus beschreibt nach dem Motto: wer sich an Gott hält, wer auf Gott vertraut, der wir nie wieder auf der Stelle treten. Der wird immer Erfolg haben, der wird immer der Vorderste, der Schnellste, der Beste sein. So hat ihn Bonhoeffer nicht gemeint.

 

Sondern ich verstehe diesen Spruch von ihm so, dass es natürlich im Leben eines Menschen immer beides geben wird: Momente, in denen man auf der Stelle tritt. Momente, in denen man gut vorankommt. Aber -so Bonhoeffer – „Gott kennt den ganzen Weg, wir wissen nur den nächsten Schritt“. Wir mögen das Gefühl haben, auf der Stelle zu treten, aber bei Gott ist auch das ein Teil unseres Weges. Zur Beschreitung eines Weges gehört es darum eben auch, dass man mal nicht vorwärts kommt, dass Stillstand herrscht. Aber es ist trotzdem immer noch ein Teil des Weges, meines Weges, den ich gehe. Laufen und Stehenbleiben, beides gehört zum Gehen eines Weges hinzu.

 

Mir fällt an dieser Stelle die Geschichte von Abraham aus dem Anfang der Bibel ein. Abraham, der der Vater des Glaubens genannt wird. Auch er erlebte immer wieder diese Momente, wo er das Gefühl hatte, auf der Stelle zu treten: in seiner Heimat Ur, wo er nicht weiterkam; als er die Verheißungen von Land, Sohn und eines großen Namens bekam und sich das Ganze nur nach und nach erfüllte. Auch bei ihm: Momente des auf der Stellestehens. Und trotzdem hat er sich an Gott gehalten, hat er auf Gott vertraut und dadurch für sich entdeckt: auch das Stehen gehört zu einem Weg, auch wenn es schwer fällt, dies so für sich zu sehen. Und vor allem: in allen Momenten ist Gott bei ihm.

 

Mit Gott tritt man nicht auf einer Stelle, sondern man beschreitet einen Weg. Das ist ein Satz auch für jeden Einzelnen von uns. Ein Satz, der uns Mut machen will, gerade in den Momenten, in denen wir nicht vorankommen. Weil er uns sagt: auch diese Momente sind Teil unseres Weges. Teil unseres Weges, bei dem wir Gott stets an unserer Seite wissen dürfen. 

 

In diesem Sinne Ihnen allen alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.

 

Ihr Pfarrer Frank Wagner

 

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Gedanken für den 18.4.2020

 

„Der Christ braucht den Christen, der ihm Gottes Wort sagt, er braucht ihn immer wieder, wenn er ungewiß und verzagt wird; denn aus sich selbst kann er sich nicht helfen, ohne sich um die Wahrheit zu betrügen“

 

Dietrich Bonhoeffer

 

Als in dieser Woche Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Regierungschefs der Länder am 15. April zusammen die weiteren Schritte in der Corona-Krise beraten haben, wurde beschlossen, dass Zusammenkünfte in Kirchen, Moscheen, Synagogen sowie religiöse Feierlichkeiten, Veranstaltungen und die Zusammenkünfte anderer Glaubensgemeinschaften „zunächst weiter nicht stattfinden“ sollen. Inzwischen haben, auch auf Protest der Kirchen, Gespräche zwischen Vertretern der Kirchen und Religionsgemeinschaften stattgefunden, bei denen nun die Möglichkeit eröffnet wurde, dass ab dem 4. Mai wieder Gottesdienste und religiöse Feiern unter bestimmten Voraussetzungen stattfinden können. Dabei ist es schon seltsam, dass mehr oder weniger die Kirchen dazu aufgefordert werden, Möglichkeiten zu präsentieren, wie in Zeiten von Corona die Feier eines Gottesdienstes aussehen darf. Mit Recht fragen darum Gläubige: „Warum darf man am Baumarkt Schlange stehen, aber nicht in die Kirche gehen?“ Oder weiter gefragt: warum sind Kirchen nicht systemrelevant, aber Baumärkte und Gartencenter schon? Sind die Baumärkte inzwischen die modernen Tempel unserer Gesellschaft?

 

Ich denke, diese Stimmen haben Recht. Warum sollte es in Kirchen nicht möglich sein, den vorgegebenen Abstand einzuhalten und auch sonst alle anderen Maßnahmen. Und auch auf das Singen im Gottesdienst kann man ja notfalls auch mal verzichten. So sehr der Staat bemüht ist, alles zu tun, um die Ausbreitung von Corona in den Griff zu kommen, so macht er sich mit manchen Entscheidungen doch relativ einfach. Es reicht eben nicht, nur das eine zu erlauben und das andere zu verbieten, sondern hier wäre jetzt einfach mehr Flexibilität gefordert. Zumal inzwischen wohl jeder verstanden hat, wie ernst die Lage ist.

 

Für mich persönlich geht es in der ganzen Diskussion um das Erlauben von Gottesdiensten freilich noch um viel mehr. Es klingt an im heutigen Zitat von Bonhoeffer: der Christ braucht den Christen, der ihm Gottes Wort sagt und für ihn da ist, wenn er ungewiss und verzagt ist. Wir Christinnen und Christen brauchen einander in dieser Zeit, brauchen die Gemeinschaft, brauchen die gegenseitige Unterstützung. Auf Gottesdienste müssen wir ja nicht verzichten, wir sehen sie im Fernsehen, in Videokanälen, können sie nachlesen etc. – nur halt nicht in der Kirche gemeinsam feiern. Und genau das ist, was in meinen Augen den Menschen am Allermeisten fehlt: Gemeinschaft. Gemeinsam feiern, gemeinsam reden, jemanden zum Gespräch dazu haben, dem ich alles anvertrauen kann, was mich ungewiss und verzagt. Klar kann ich das meinem Seelsorger am Telefon sagen, aber das ist noch einmal eine ganz andere Dimension als das persönliche Gespräch. Darum sollte nicht nur über die Wiederzulassung von Gottesdiensten diskutiert werden, sondern auch über die anderen Formen kirchlicher Arbeit. Gerade auch im Bereich der persönlichen Seelsorge. Von allen Experten werden die zunehmende Einsamkeit und deren Folgen in dieser Zeit beklagt – Kirche und Religionsgemeinschaft können hier weiterhelfen.

 

Bis dahin sollten wir als Christinnen und Christen mit all den Mitteln, die wir haben, darauf schauen, dass wir in unserem persönlichen Umfeld für andere da sind, gerade für die, die in diesen Tagen einsam sind. Um ihnen ein gutes Wort zu sagen, dass sie ermutigt und aufrichtet. Weil man sich solche Worte nicht selbst zusagt, sondern nur zusagen lassen kann. Ein gutes Wort, das weiterhelfen kann in diesen so schwierigen Zeiten. Eines davon möchte ich ihnen heute mitgeben. Es steht im AT im Buch Josua: Sei getrost und unverzagt, lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht; denn der Herr, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst.

 

In diesem Sinne Ihnen allen alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.

 

Ihr Pfarrer Frank Wagner

 

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Gedanken für den 17.4.2020

 

„Mag sein, dass der Jüngste Tag morgen anbricht, dann wollen wir gerne die Arbeit für eine bessere Zukunft aus der Hand legen, vorher aber nicht“.

 

Dietrich Bonhoeffer

 

Stellen sie sich vor, sie haben ein Glas vor sich auf dem Tisch stehen, das zur Hälfte gefüllt ist. Welcher Aussage über das Glas würden sie zustimmen: für mich ist das Glas halb voll. Oder: für mich ist das klar halbleer. Beide Aussagen sind sicher richtig, aber laut den Aussagen von Psychologen entscheidet die Antwort darüber, ob sie ein Optimist oder ein Pessimist sind. Für den Pessimisten ist das Glas natürlich halbleer, während der Optimist deutlich machen würde, dass das Glas natürlich halb voll ist.

 

Ende des Jahres 1942 entstanden Gedanken von Dietrich Bonhoeffer zu diesem Thema. Ein paar Zeilen vor dem obigen Satz schreibt er: „Optimismus ist in seinem Wesen keine Ansicht über die gegenwärtige Situation, sondern er ist eine Lebenskraft, eine Kraft der Hoffnung, wo andere resignierten, eine Kraft, den Kopf hochzuhalten, wenn alles fehlzuschlagen scheint, eine Kraft, Rückschläge zu ertragen, eine Kraft, die die Zukunft niemals dem Gegner lässt, sondern sie für sich in Anspruch nimmt. … . Aber den Optimismus als Willen zur Zukunft soll niemand verächtlich machen, auch wenn er hundertmal irrt. Er ist die Gesundheit des Lebens, die der Kranke nicht anstecken soll“.

 

Optimismus als Lebenskraft. Das ist das, woran ich beim Lesen des Satzes am meisten hängengeblieben bin. Es geht beim Optimismus nicht nur um eine Einstellung, sondern es geht immer auch darum, wie ich mein Leben gestalte und woher ich meine Kraft nehme, mein Leben und meine Zukunft zu gestalten und zu bewältigen. Gerade Christen sind dafür ausersehen, Optimisten zu sein. Menschen zu sein, die aus der Hoffnung leben, weil unser Gott ein Gott ist, der uns immer wieder Hoffnung schenkt; Menschen zu sein, die aus der Verbindung zu Gott und dem Vertrauen auf seine Begleitung Kraft schöpfen, Negatives und Rückschläge zu ertragen und durchzustehen.

 

Der Optimismus eines Christen hat freilich auch den Bezug zur ganz realen Welt. Optimismus im Christentum hat auch immer etwas mit der Sehnsucht nach einer besseren Welt zu tun. Das rührt daher, dass Christen davon überzeugt sind, dass das „Reich Gottes“ mit dem Kommen von Jesus bereits angebrochen ist. In vielen Gleichnissen des Neuen Testamentes kann man davon lesen, wie es im Reich Gottes zugeht, welche Maßstäbe dort herrschen. Und diese Maßstäbe sind oft so ganz anders als in unserer Welt: jeder soll das Gleiche bekommen, es soll Vergebung herrschen, keiner soll aufgrund irgendwelcher Vorleistungen oder Vorbedingungen ausgeschlossen werden. Reich Gottes unter uns bedeutet, dass jeder Christ mithelfen kann und soll, dass diese Maßstäbe unter uns Wirklichkeit werden. Oder wie es Bonhoeffer sagt: arbeiten wir für eine bessere Zukunft. Und zwar so lange, bis dann tatsächlich der Jüngste Tag, also der Tag, an dem das Reich Gottes endgültig errichtet und vollendet wird, da ist. Und dadurch helfen wir mit, dass schon heute ein Stück Himmel auf Erden Wirklichkeit wird.  

 

Der Physiker sagt übrigens: das Glas ist ganz voll. Zur Hälfte mit Luft und zur Hälfte mit Flüssigkeit.

 

In diesem Sinne Ihnen allen alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.

 

Ihr Pfarrer Frank Wagner

 

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Gedanken für den 16.4.2020

 

„Die Kraft des Menschen ist das Gebet. Beten ist Atemholen aus Gott; beten heißt sich Gott anvertrauen“.

 

Dietrich Bonhoeffer

 

Eine direkte Frage: haben Sie heute schon gebetet? Ganz bewusst vielleicht direkt am Morgen beim Glockenläuten oder gleich nach dem Aufstehen? Oder vielleicht unbewusst mit einem Stoßgebet und Seufzer nach oben nach dem Motto „Oh Gott, bitte nicht schon wieder nur schlechte Nachrichten“?

 

Wie halten Sie es überhaupt mit dem Gebet? Beten Sie regelmäßig? Laut oder leise? Oder nur am Sonntag in der Kirche, was ja im Moment auch sehr eingeschränkt ist? Und in welcher Form beten Sie? Stehend, kniend, direkt zu Gott oder zu Jesus? Mehr als Fürbitte oder vielleicht manchmal auch ein Stück weit als Bitte, von Gott etwas erfüllt zu bekommen? Und ist das Gebet für Sie, wie Bonhoeffer schreibt, eine Kraft, aus der Sie schöpfen?

 

Das sind alles ziemlich direkte Fragen, dessen bin ich mir bewusst. Fragen, die vielleicht ein bisschen unangenehm sind. Was in meinen Augen vor allem daher kommt, dass das Gebet – wie vielfach der Glaube allgemein – etwas ist, worüber man nicht so gerne spricht. Und hat nicht auch Jesus schon gesagt, man soll lieber im stillen Kämmerlein beten als draußen auf der Straße große Worte zu machen?

 

Wann beten Sie? Ich denke, es gibt viele Menschen, die beten sehr regelmäßig. Und dann wieder andere, die beten meist nur dann, wenn die Not groß ist und sie dringend Hilfe brauchen. Not lehrt beten, sagt das Sprichwort. Insofern müssten momentan ganz viele Gebete gesprochen werden.

 

Und noch eine Frage: was erwarten Sie von Ihrem Gebet? Dass ganz schnell etwas geschieht, was sie sich wünschen? Mir fällt da immer eine Karikatur aus dem Konfirmandenunterricht ein, wo ein Schüler im Bett liegt und betet: bitte lieber Gott, lass London die Hauptstadt von Frankreich sein, sonst bekomme ich in der Schulaufgabe eine schlechte Note.

 

Sehr erhellend finde ich die drei Halbsätze von Dietrich Bonhoeffer zum Thema Gebet. Zum ersten: die Kraft des Menschen ist das Gebet. Ich verstehe den Satz so, dass er damit betont: ein Gebet ist nicht dazu da, um Wünsche erfüllt zu bekommen, sondern um Kraft zu haben. Kraft für alles, was ansteht. In Bonhoeffers Leben spiegelt sich das ja immer wieder, dass er aus dem Gebet die Kraft schöpfte, um auch die schweren Wege gehen zu können.

 

Zum zweiten: Beten ist Atemholen aus Gott. Beim Beten geht es um die Regelmäßigkeit und die Beziehung zu Gott. Nur ab und zu beten, mag manchmal gut sein, aber das Gebet sollte so regelmäßig sein wie das Atmen. So wie wir ganz selbstverständlich atmen sollten wir auch ganz selbstverständlich beten. Denn dadurch wächst unsere Beziehung und vor allem unser Vertrauen zu Gott und wir können dadurch dahin kommen, dass wir uns im Gebet auch dann von Gott getragen wissen, wenn es nicht unbedingt so kommt, wie wir es gerne hätten und wenn wir Gott manchmal auch als den fernen und fremden Gott erleben.

 

Und das dritte: Beten heißt, sich Gott anvertrauen. Für mich heißt dies zu sehen, dass Beten eine Haltung ist, die davon ausgeht, nicht alles allein schaffen zu müssen. Es gibt keinen Automatismus, dass das Gebet mein Problem löst. Es verändert nicht immer meine Situation, aber es kann meine Einstellung zum Leben verändern. Darum heißt Beten: mit Gott sprechen und darauf vertrauen, dass ich nicht von dem lebe, was ich habe und leiste, sondern von dem, was noch entstehen kann. Und dass ich vieles im Leben darum Gott überlassen kann, der Wege für mich weiß, wo ich keinen Weg mehr vor mir sehe. Weil Gott der ist, der Wege findet, damit mein Fuß gehen kann.

 

In diesem Sinne Ihnen allen alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.

 

Ihr Pfarrer Frank Wagner

 

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Gedanken für den 15.4.2020

 

„Man muss sich durch die kleinen Gedanken, die einen ärgern, immer wieder hindurchfinden zu den großen Gedanken, die einen stärken“.

 

Dietrich Bonhoeffer

 

Heute Morgen beim Zeitungslesen habe ich mich schon zu Beginn des Tages geärgert. Geärgert über die Unvernunft von Menschen in dieser Zeit. War doch tatsächlich dort zu lesen, dass ein Mann mit seinem Rollstuhl am Wochenende auf den Hochgrat hinauf wollte. Eine Reihe älterer Menschen haben sich am Balkon getroffen, um dort eine kleine samstagabendliche Party abzuhalten. Beim Einkaufen gestern traf ich wieder eine Dame, die aufgrund ihrer Vorerkrankungen zu den Risikopatientinnen gehört, aber sich weigert, sich in diesen Tagen helfen zu lassen. Wie unvernünftig kann man sein, wie unvernünftig, wenn man doch weiß, dass wir die Corona-Krise noch lange nicht überwunden haben.

 

Gedanken, die einen ärgern. Ich denke, wir alle kennen sie. Und es sind in der Tat die „kleinen“ Gedanken, die einen immer wieder beschäftigen und auf Trab halten. „Was sollen wir morgen kochen?“ „Wer geht heute Nachmittag bei dem schlechten Wetter mit dem Hund raus?“ „Die Nachbarin von gegenüber war heute wieder mal komisch, Abstand halten ist ja in Ordnung, aber grüßen hätte sie schon können“! Gut, dass – meistens zumindest – uns diese Gedanken oft nur für kurze Zeit beschäftigen. Aber es gibt auch welche darunter, die bleiben hängen, bleiben haften an uns und führen dazu, dass wir dann, wenn sich die Situation wiederholt oder ähnlich ist, bewusst oder unbewusst den Ärger wieder nach oben fließen lassen. Und dann geht man manchmal ganz schnell an die Decke statt gelassen zu bleiben und sich eben nicht zu ärgern.

 

„Man muss durch die kleinen Gedanken, die einen ärgern, immer wieder hindurchfinden“, so der Rat von Dietrich Bonhoeffer. Ich verstehe das so, dass diese kleinen, ärgerlichen Gedanken zwar durchaus ihre Berechtigung und ihren Platz im Leben haben, aber dass sie uns und unser Leben nicht ganz und gar bestimmen sollen. Bestimmen sollen uns die großen Gedanken. Ja mehr noch, sie sollen uns nicht bestimmen, sondern sie sollen uns stärken.

 

Und was sind dann „große Gedanken“?  Welche großen Gedanken stärken? Die Antwort darauf ist nicht leicht, ganz im Gegenteil. Mir fallen erst einmal noch mehr Fragen ein wie „Was stärkt mich in meinem Leben?“, „Was begeistert mich?“, „Was gibt mir Kraft und Energie, auch eine schwierige Zeit durch-zustehen?“. Solche und ähnliche Fragen bringen mich aber auf die Spur der „großen“ Gedanken.

 

Ich möchte nur die letzte Frage aufgreifen, nach dem, was mir Kraft und Energie auch für schwierige Zeiten gibt. Beim Nachdenken sind mir da einige Dinge eingefallen: der Zusammenhalt in der Familie, die Liebe des Partners, der Partnerin, Erinnerungen an die schönen Momente des Lebens, die man erlebt hat. Und für mich auch der Glaube, dass ich mich auf meinem Weg durchs Leben von Gott begleitet weiß und von ihm immer wieder die Kraft kommt, um auch schwere Zeiten durchstehen zu können. Und schon beim Schreiben merke ich, wie mich diese großen Gedanken stärken und wie dadurch die kleinen Gedanken, die mich ärgern, verschwinden.

 

Vielleicht probieren sie es ja auch einfach mal aus. Statt sich über das Kleine zu ärgern, einen Moment innezuhalten und sich an die großen Gedanken des Lebens zu erinnern. Dann bekommen die ärgerlichen Gedanken ein normales Maß und sie werden sich gestärkt fühlen, für das, was kommt.  

 

In diesem Sinne Ihnen allen alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.

 

Ihr Pfarrer Frank Wagner

 

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Gedanken für den 14.4.2020

 

„Freiheit ist eben nicht in erster Linie ein individuelles Recht, sondern eine

Verantwortung, Freiheit ist nicht in erster Linie ausgerichtet am Individuum, sondern am Nächsten“.

 

Dietrich Bonhoeffer

 

„Über den Wolken, muss die Freiheit wohl grenzenlos sein“, so sang einst der Liedermacher Reinhard Mey und beschreibt mit diesem Lied das Gefühl der Freiheit, das keine Grenzen kennt, dass keine Einschränkungen hinnehmen muss. Freiheit – grenzenlos. Im Moment freilich erleben wir das Gegenteil: unsere Freiheiten sind durch den Staat eingeschränkt. Wir erleben derzeit die gravierendsten Freiheitsbeschränkungen seit dem Zweiten Weltkrieg. Betroffen sind unter anderem die Bewegungsfreiheit und das Recht auf Freizügigkeit, die Versammlungs- und Religionsfreiheit sowie das Grundrecht auf Unverletzlichkeit der Wohnung, die Berufsfreiheit und das Grundrecht auf Eigentum. Dazu das Zitat einer Politikerin der FDP: “Was ist das Leben wert, wenn wir uns die Freiheit zu leben nehmen lassen?” Andere Stimmen freilich bemerken das Gegenteil: was nützt uns die Freiheit, wenn wir nicht mehr leben? Wenn wir Alte, Schwache und Kranke einer besonderen Gefahr aussetzen, weil wir Gesunden und weniger Verletzlichen keine Eingriffe in unsere Freiheit hinnehmen wollen?

 

Wie wunderbar doch dahinein die heutigen Worte von Bonhoeffer passen, der sich, wohl auch, weil er ja lange Zeit im Gefängnis eingesperrt, viele Gedanken zur Freiheit machte. Er bringt es sehr treffend auf den Punkt: Freiheit ist nicht nur ein individuelles Recht, nach dem sozusagen jeder tun und lassen kann, was ihm persönlich gefällt. Sondern Freiheit hat immer mit Verantwortung zu tun. Verantwortung für den Nächsten, Verantwortung für den Mitmenschen. Freiheit zu haben und Freiheit zu leben heißt eben in erster Linie nicht, nur auf sich selbst, das eigene Wohlbefinden, die eigene Freiheit zu schauen. Das ist das, was wir Egoismus nennen und der uns bis jetzt in unserer Gesellschaft sehr häufig begegnet ist. Freiheit ist immer ausgerichtet am Nächsten.

 

Dahinter steckt für Bonhoeffer der biblische Freiheitsbegriff. An anderer Stelle hat er dazu geschrieben: „Freiheit bedeutet biblisch: Frei sein für den Dienst an Gott und am Nächsten, Freisein für den Gehorsam gegen die Gebote Gottes“. Und das höchste Gebot in der Bibel, das ist eben das Gebot der Nächstenliebe, das Gebot, dem zu helfen, der meine Hilfe braucht – siehe den barmherzigen Samariter, der dem geholfen hat, der verletzt am Straßenrand lag. Der im Gegensatz zu den anderen auf seine persönliche Freiheit verzichtet hat und für den anderen, den Nächsten, den Mitmensch Verantwortung wahrgenommen hat.

 

In dieser Woche werden unsere Politiker über das Thema Freiheit und Freiheitsbeschränkungen beraten und entscheiden. Ich denke, sie werden das in aller Verantwortung, die sie haben, tun. Welche Lockerungen kommen werden, vermag im Moment noch niemand zu sagen. Aber ganz egal, wie die Entscheidungen sein werden, ganz egal, wann endlich alle Freiheitsbeschränkungen aufgehoben sein werden, im Blick auf das Thema Freiheit können wir das als guten Vorsatz für die Zeit „danach“ mitnehmen. Dass wir Freiheit weniger individuell, als vielmehr auf den Nächsten ausgerichtet verstehen. Weg vom ich und hin zum Du, so wie es im Moment ja schon zu beobachten ist, wo Menschen in diesen Krisenzeiten z.B. ihren Nachbarn beistehen und ihnen helfen, wo es geht. Wo sie eben nicht nur darauf schauen, dass es ihnen gut geht, sondern auch dem Nächsten. Und das ist wahre Freiheit, wie sie Bonhoeffer beschreibt: Freiheit nicht ausgerichtet am Individuum, sondern am Nächsten.

 

In diesem Sinne Ihnen allen alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.

 

Ihr Pfarrer Frank Wagner

 

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Gedanken für den Ostermontag am 13.4.2020

 

„Die Auferstehung Christi macht offenbar, dass wir Zukunft haben. Leiden und Tod verlieren dadurch nichts von ihrer Bitterkeit, aber sie erscheinen in einem neuen Licht.“

 

Dietrich Bonhoeffer

 

In diesen Zeiten von Corona gehört zum unseren Alltag inzwischen dazu, täglich auf die Zahlen zu hören im Blick auf die, die sich neu infiziert haben. Egal welche Nachrichtensendung man schaut, man wird täglich auf den neuesten Stand gebracht. Neben der Zahl der Neuinfizierten kann man die Zahl der Verstorben erfahren und seit ein paar Tagen auch die Zahl derer, die wieder gesund geworden sind. Ländervergleiche zeigen an, in welchen Staaten die meisten Menschen an den Folgen einer Corona-Infektion verstorben sind. Laut dem Robert-Koch-Institut sind es heute Morgen 2799 Tote in Deutschland, auf der ganzen Welt über 100.000. Andere Stellen präsentieren noch weit höhere Zahlen.

 

Nackte Zahlen, hinter denen sich Einzelschicksale verbergen. Jede Zahl ein Mensch, eine unverwechselbare Person. Jede Zahl, Angehörige, die um den geliebten Menschen trauern, die in diesen Tagen oftmals gar nicht richtig Abschied nehmen können. Hinter jeder Zahl Leiden und Tod und Bitterkeit, die das Sterben von Menschen mit sich bringt. Viele kennen das aus der eigenen Erfahrung mit Leid und Tod, die es ja auch schon vor den Zeiten von Corona gab.

 

Sehr realistisch betont Bonhoeffer aber auch, dass trotz dieser Botschaft Leid und Tod nichts von ihrer Bitterkeit verlieren. Das ist eine Realität, die auch mit dem Geschehen an Ostern nicht aus der Welt geschafft wird. Wer Leid und Tod – egal in welcher Form, denn Tod ist ja nicht nur das Ende des Lebens, sondern das kann ja auch das Ende einer Beziehung und vieles andere in diese Richtung sein – wer also Leid und Tod erlebt, den werden all die negative Gefühle begleiten.

 

Aber Auferstehung heißt eben auch, dass wir eine Zukunft haben. Dass es weitergeht. Dass ein Ende nicht das Ende sein muss. Das ist nämlich das besondere Licht, das von Ostern, von der Auferstehung her auf diese bitteren Momente leuchtet: dass wir eine Zukunft haben. Beim Sterben, im Tod, aber auch überall da, wo in unserem Leben etwas zu Ende geht. Dass wir eine Zukunft haben, weil Gott sie uns schenkt. In der Auferstehung seinem Sohn und mit ihm uns allen. Wir haben Zukunft. Das ist die Botschaft von Ostern kompakt zusammengefasst. Wir haben Zukunft. Eine Zukunft von unserem Gott her.

 

Und von dieser Botschaft her dürfen wir daran glauben und darauf vertrauen, dass wir auch in diesen Zeiten Zukunft haben. So schwer das Leben im Moment auch ist, so schwer die Momente des Leides sind, so bitter das Leben – von Gott her haben wir eine Zukunft.

 

Ostern heißt darum für mich: so wie der Tod nicht das letzte Wort hat, so wird auch Corona nicht das letzte Wort haben. Ostern heißt auch in diesen Zeiten: wir haben Zukunft. Wir haben eine Zukunft von unserem Gott her. Darauf dürfen wir vertrauen und ich wünsche, dass auch wir durch diese Zusage die momentane Situation in einem ganz neuen Licht sehen können. Dem Licht der Zukunft von Gott her.

 

In diesem Sinne Ihnen allen alles Gute und Gottes Segen an diesem Ostermontag – und bleiben Sie gesund.

 

Ihr Pfarrer Frank Wagner

 

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Andacht zum Ostersonntag am 12.4.2020

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Gedanken für den 11.4.2020

 

„Jesus Christus ist die Weite unseres Lebens. Jesus Christus ist die Mitte unserer Gemeinschaft. Jesus Christus ist bei uns bis an der Welt Ende. Das danken wir Ostern“.

 

Dietrich Bonhoeffer

 

Ostern 2020. Ein Osterfest, wie es wohl die wenigsten unter uns erlebt haben. Keine Gottesdienste an diesen Ostertagen in unseren Kirchen, am Ostersonntag kein Osterfeuer draußen vor der Kirche, keine gemeinsame Feier der Osternacht und auch auf das beliebte gemeinsame Osterfrühstück im Anschluss an den Osternachtsgottesdienst müssen wir in diesem Jahr verzichten. Die Botschaft von Ostern findet in diesen Tagen auf anderen Wegen zu uns, über das Fernsehen, das Internet, in gedruckter Form und auf vielfältige andere Weise. Und trotzdem ist es ein seltsames Gefühl, die Feiertage auf diese Weise zu begehen.

 

Bei all dem, was wir nicht machen können, sollten wir freilich nicht die Botschaft von Ostern vergessen. Denn sie gilt unabhängig von allen gottesdienstlichen Feiern. Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden – auch wenn wir uns diese Worte in der Osternacht oder im Ostergottesdienst nicht zurufen können, die Wahrheit dieser Botschaft bleibt auch unter diesen Umständen: Jesus Christus ist nach drei Tagen von den Toten auferstanden. Er hat dem Tod, in welcher Form er uns auch immer begegnen mag, die Macht genommen. Er ist die Auferstehung und das Leben, wer daran glaubt, der wird leben.

 

Die Botschaft der Auferstehung. Eines der schwierigsten Themen des christlichen Glaubens. Dass ein Toter wieder lebendig wird, das geht wider alle Vernunft, das kann man nur im Glauben ergreifen. Auferstehung ist eine Sache des Glaubens. Auferstehung ist eine Botschaft, die vielen Menschen gerade in Abschiedsmomenten Trost geben kann.

 

Aber die Auferstehungsbotschaft ist auch eine, die mitten in unser Leben hineinwirken will. Die Worte von Bonhoeffer zeigen es an: „Jesus Christus ist bei uns bis an der Welt Ende. Das danken wir Ostern.“ Aus diesem Satz leuchtet gewissermaßen die Botschaft von Ostern auf: Ostern das heißt eben, dass Jesus uns verspricht, bei uns zu sein. So lange, bis die Welt zu Ende geht. Ostern heißt, dass wir darauf vertrauen dürfen, dass wir unsere Wege nicht alleine gehen, sondern Jesus an unserer Seite ist. Für mich ist das eine Botschaft, die in diesen Tagen sehr viel Tröstliches in sich trägt, gerade in diesen Zeiten der Krise. Weil wir auch jetzt daran glauben dürfen, dass Gott uns und diese Welt nicht allein lässt. Und wenn damals an Ostern in der Auferstehung der Tod nicht das letzte Wort hatte, so bin ich sicher, dass in unseren Tagen Corona nicht das letzte Wort haben wird. Das letzte Wort hat immer Gott und dieses letzte Wort lautet: ich bin bei euch bis an das Ende der Welt. Und mit Bonhoeffer dürfen wir für diese Zusage dankbar sein. Und dankbar das Osterfest feiern, auch wenn es heuer so völlig anders ist.

 

Dazu ein Gebet zur Auferstehung:

 

Herr Jesus Christus, dies ist dein Tag und unser Tag, der Durchbruch nach vorn in die Zukunft,
eine neue Zukunft, die Ewigkeitswert besitzt, die durch den Tod zum Leben geboren wird,
die durch die Tiefe des Grabes in deine Höhe gehoben wird, die Zukunft schlechthin für diese deine Welt,
unsere Zukunft.

 

Du hast die Spur gelegt durch den Tod zum Leben, und in deinen Fußstapfen wollen wir gehen,
Schritt für Schritt heute, morgen und in Ewigkeit. Weil wir darauf vertrauen, dass du bei uns bist alle Tage bis an das Ende der Welt. Amen.

 

In diesem Sinne Ihnen allen alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.

 

Ihr Pfarrer Frank Wagner

 

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Andacht für den Karfreitag am 10.4.2020

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Gedanken für den 9.4.2020 - Gründonnerstag

- 75ter Todestag von Dietrich Bonhoeffer

 

„Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag“

 

Dietrich Bonhoeffer

 

Es ist frühmorgens am 9. April des Jahres 1945 im Gefängnishof des KZ Flossenbürg bei Weiden. Sieben Häftlinge werden an diesem Morgen aus ihren Zellen geführt. Einer von ihnen ist Dietrich Bonhoeffer. Die Gefangenen hören, was ein NS-Standgericht in der Nacht beschlossen hat: das Todesurteil wegen Hochverrat. Einer der zum Tode verurteilten Gefangenen ist Dietrich Bonhoeffer. Nach den Jahren der Inhaftierung in verschiedenen Gefängnissen in Berlin war er über das KZ Buchenwald nach Flossenbürg gekommen. Das Todesurteil wird an diesem Morgen sofort vollstreckt. Bonhoeffer ist der letzte der Gefangenen. Wie die anderen vor ihm muss er seine Kleider ablegen. Dann wird er an einem provisorischen Galgen zu Tode gebracht. Bonhoeffer ist zu diesem Zeitpunkt 39 Jahre alt. Seine letzten Worte an seine Mitgefangenen waren: „Das ist das Ende. Für mich aber der Beginn des Lebens“.

 

Ein paar Monate früher, Ende Dezember 1944, ist jenes Gedicht entstanden, das zum populärsten geistlichen Lied des 20 Jahrhunderts wurde: von guten Mächten. Bonhoeffer befand sich in dieser Zeit im Kellergefängnis des Reichssicherheitshauptamtes in die Berliner Prinz-Albrecht-Straße, also in die „Zentrale des Todes“. Von hier aus wurden die nationalsozialistischen Schrecken geplant und befehligt. Dort entsteht ein Gedicht, das Bonhoeffer seinem letzten Brief, den er seiner Verlobten, Maria von Wedemeyer, noch schreiben kann, für seine Familie beilegt.

 

In seinem Brief vom 19. Dezember 1944 heißt es: „Meine liebste Maria! Ich bin so froh, dass ich Dir zu Weihnachten schreiben kann, und durch Dich auch die Eltern und Geschwister grüßen und Euch danken kann. Es werden sehr stille Tage in unseren Häusern sein. Aber ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht, je stiller es um mich herum geworden ist, desto deutlicher habe ich die Verbindung mit Euch gespürt. Es ist, als ob die Seele in der Einsamkeit Organe bildet, die wir im Alltag kaum kennen. So habe ich mich noch keinen Augenblick allein und verlassen gefühlt. Du, die Eltern, ihr alle, die Freunde und Schüler im Feld, Ihr seid mir immer ganz gegenwärtig. Eure Gebete und guten Gedanken, Bibelworte, längst vergangene Gespräche, Musikstücke, Bücher bekommen Leben und Wirklichkeit wie nie zuvor. Es ist ein großes unsichtbares Reich, in dem man lebt und an dessen Realität man keinen Zweifel hat. … So ist diese Bewahrung am Abend und am Morgen durch gute unsichtbare Mächte etwas, was wir Erwachsenen heute nicht weniger brauchen als die Kinder. Du darfst also nicht denken, ich sei unglücklich. Was heißt denn glücklich und unglücklich? Es hängt ja so wenig von den Umständen ab, sondern eigentlich nur von dem, was im Menschen vorgeht. Ich bin jeden Tag froh, dass ich Dich, Euch habe und das macht mich glücklich froh … Hier noch ein paar Zeilen, die mir in den letzten Abenden einfielen. Sie sind der Weihnachtsgruß für Dich und die Eltern und Geschwister.“ Dann fügt er als Gedicht die berühmten Worte „Von guten Mächten“ an.

 

Inzwischen ist es zum einem der meistgesungenen modernen Kirchenlied über alle Konfessionsgrenzen hinweg geworden. Das liegt sicher auch an der wunderschönen Melodie von Siegfried Fietz, auch wenn ihm Kritiker vorgeworfen haben, dass er aus der 7ten Strophe einfach einen Refrain zu allen anderen Strophen gemacht hat. Gesungen wird es bei vielen Gelegenheiten, ob bei Taufen, bei Trauungen, in Gottesdiensten z.B. beim Jahreswechsel und auch bei Beerdigungen.

 

Dass dies so ist, liegt in meinen Augen nicht nur an der Melodie, sondern daran, dass Bonhoeffer in seinem Gedicht etwas anspricht, was ganz tief in unsere Herzen und unsere Seelen reicht. Es ist das Thema der Geborgenheit. Von guten Mächten wunderbar geborgen: ja, das ist eine tiefe Sehnsucht von uns Menschen, dass wir in unserem Leben Geborgenheit finden. Wenn wir uns geborgen fühlen, dann verspüren wir weder Angst noch Wut, noch Traurigkeit und Einsamkeit. Mit Geborgenheit verbinden wir Schutz, Sicherheit, Vertrauen und inneres Wohlbefinden. Etwas, was uns das Leben – und das spüren wir in diesen Krisentagen besonders – nicht immer bietet, ganz im Gegenteil. Fehlende Geborgenheit, Traurigkeit, Einsamkeit prägen oft unser Leben.

 

Und wenn wir dass das Lied in den oben genannten Momenten singen, dann sind das Augenblicke, wo es auch um dieses Thema geht: am Anfang des Jahres wünschen wir uns, auf dem Weg durch das neue Jahr geborgen zu sein und sicher zu schreiten. Ebenso bei einer Taufe, bei einer Trauung. Erst recht bei einer Beerdigung. Geborgenheit, damit wir diese Situationen gut durchstehen können.

 

Von guten Mächten wunderbar geborgen. In seinem Brief hat Bonhoeffer davon geschrieben, was für ihn diese guten Mächte sind, gute Mächte, unsichtbare Mächte, die er in seiner Erinnerung vor sich sieht: die Kerzen, das Musizieren mit der Familie, die Gemeinschaft mit der Familie über Generationen, die wechselseitigen Gedanken an Freunde und Schüler. Dieses Netz von Beziehungen und Traditionen bildet die „guten Mächte“ in seiner konkreten Lebenswirklichkeit ab. Ich möchte Sie an dieser Stelle dazu einladen, sich kurz die Zeit zu nehmen, um zu überlegen, was für sie ihre guten Mächte sind.

 

Augenblick des Nachdenkens

 

Manchem untern ihnen sind bei diesen Worten vielleicht  Gottes Engel eingefallen, von denen es in Psalm 91,11 heißt: „Er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.“ Andere fühlen sich vielleicht an Psalm 139 erinnert, der sagt, dass Gott uns von allen Seiten behütet und seine Hand über uns hält. (Psalm 139).

 

Von guten Mächten wunderbar geborgen … einer der wichtigsten unter den guten Mächten ist für Dietrich Bonhoeffer Gott selbst. So wie er es in seiner siebten Strophe gedichtet hat, die darum in meinen Augen zu Recht zum Refrain wurde: von guten Mächten wunderbar geborgen erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag. Ja, Gott schenkt Geborgenheit durch alle Zeiten und Situationen hindurch. Bei ihm dürfen wir uns geborgen fühlen. Denn Gott verspricht uns, allezeit an unserer Seite zu sein.

 

Gott ist da. Mit diesen Worten ist die Botschaft des Liedes auf einen Nenner gebracht. Gott ist da. Der Glaube daran, das Vertrauen darauf hat Dietrich Bonhoeffer geholfen seinen Weg zu gehen. Ganz bis ans Ende. Darum ist Bonhoeffer für mich und viele andere ein Vorbild (kein Heiliger), weil er sich bis ganz zum Ende in der Hand Gottes geborgen wusste. Und weil er uns alle ermutigen möchte, das auch zu tun. Ganz und gar auf Gott zu vertrauen, auf die Geborgenheit, die bei Gott zu finden ist. Weil eben bis in unsere Tage und in das Leben jedes Einzelnen von uns diese Zusage gilt: Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag. Amen.

 

In diesem Sinne Ihnen allen einen gesegneten Gründonnerstag, alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.

 

Ihr Pfarrer Frank Wagner

 

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Gedanken für den 8.4.2020

 

„Die dritte Möglichkeit besteht darin, nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen“.

 

Dietrich Bonhoeffer

 

Dem Rad in die Speichen fallen. Diese Worte gehören untrennbar zu Dietrich Bonhoeffer hinzu. Sie stammen aus seinem Aufsatz „Die Kirche vor der Judenfrage“, den er schon bald nach der sog. Machtergreifung Hitlers vor Pfarrerskollegen gehalten und später in der Zeitschrift „Der Vormarsch“ veröffentlicht hat. Einige Teilnehmer verließen aufgrund seiner kritischen Bemerkungen zur Judengesetzgebung des Staates den Raum.

 

Bonhoeffer rückt in seinem Vortrag die Frage nach verantwortlichem Handeln der Kirche im Blick auf den Staat in den Mittelpunkt. Für ihn steht fest, dass das staatliche Handeln von der Kirche nicht einfach akzeptiert werden darf, sondern immer die Frage nach Recht und Ordnung gestellt werden muss. Die Kirche verweist den Staat damit auf seine Verantwortung und Bonhoeffer unterstreicht dies: „Solange der Staat Recht und Ordnung schaffend handelt […] kann sich die Kirche […] nicht unmittelbar politisch handelnd gegen ihn wenden.“ Die Kirche ist an diesem Punkt allerdings dazu da, dem Staat den moralischen Spiegel vorzuhalten und ihn auf Ungereimtheiten hinzuweisen, ihm allerdings nicht explizit hineinzureden.

 

In seinen weiteren Ausführungen eröffnet er dann eine dreifache Möglichkeit kirchlichen Handelns dem Staat gegenüber: erstens die Verantwortlichmachung des Staates für sein Handeln, zweitens der Dienst an den Opfern des Staatshandelns und schließlich als dritte Möglichkeit, nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen. „Solches Handeln wäre unmittelbar politisches Handeln der Kirche und ist nur dann möglich und gefordert, wenn die Kirche den Staat in seiner Recht und Ordnung schaffenden Funktion versagen sieht, d.h. wenn sie den Staat hemmungslos ein Zuviel oder ein Zuwenig an Ordnung und Recht verwirklichen sieht“, so Bonhoeffer in seinem Vortrag.

 

Wenn man diese Worte aus dem Jahr 1933 hört und sich die Lebensgeschichte Bonhoeffers anschaut, mit seinem Engagement für die Juden, für den Widerstand, dann wird deutlich, dass die Worte und seine Taten zueinander passen und er gerade im Blick auf die Politik seinen Worten Taten folgen ließ.

 

Und es wird deutlich, dass er mit seinen Gedanken nicht nur der Kirche damals, sondern auch uns heute ein großes Erbe und große Impulse hinterlassen hat. Auch heute noch gelten in meinen Augen diese Sätze im Verhältnis von Kirche und Staat. So wie bei Bonhoeffer lassen sich die Aufgaben der Kirche gegenüber Staat und Öffentlichkeit auch heute zusammenfassen. Die erste von Bonhoeffer genannte Aufgabe verstehen wir heute als Kultur der Einmischung z.B. durch Denkschriften zu wichtigen gesellschaftlichen Fragen. Die zweite Aufgabe, der diakonische Dienst an den Bedürftigen – und zwar über alle Konfessions- und Religionsgrenzen hinweg – bleibt ohnehin. Dass er heute geleistet wird, zeigt sich, wenn etwa Gemeinden mit großer öffentlicher Zustimmung für den Schutz von Flüchtlingen eintreten oder sich eben mit einem Schiff im Mittelmeer engagieren. Und die dritte Aufgabe – dem Rad in die Speichen fallen – heißt sich für vollmächtigen Protest von Seiten der Kirche gegenüber jegliche Art von Unrecht einzusetzen. Persönlich. In der Öffentlichkeit. Ganz egal.

 

Der Satz vom „Rad in die Speichen fallen“ ist darum aktuell bis heute. Es ist das Erbe Bonhoeffers an uns. Dass er uns sagt:  christlicher Glaube gehört nicht hinter den Mauern der Kirchen versteckt, sondern muss hinausgehen in die Welt. „Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist“. Das sollte uns immer wieder bewusst sein.

 

In diesem Sinne Ihnen allen alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.

 

Ihr Pfarrer Frank Wagner

 

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Gedanken für den 7.4.2020

 

„Wer glaubt, der flieht nicht!“

 

Jesaja 28,15

 

Das heutige Wort ist kein Satz von Dietrich Bonhoeffer, sondern stammt aus dem Buch des Propheten Jesaja im Alten Testament. Aber es hat im Leben von Dietrich Bonhoeffer an entscheidender Stelle eine wichtige Rolle gespielt und seinen weiteren Lebenslauf beeinflusst.

 

Wer glaubt, der flieht nicht. Dieser Satz führt uns im Leben von Dietrich Bonhoeffer zurück in das Jahr 1939. Nachdem seine öffentliche Tätigkeit in Deutschland eingeschränkt war und ein möglicher Krieg drohte, so dass dem bekennenden Pazifist Bonhoeffer die Einberufung zum Militär drohte, war er auf Einladung von Freuden in die USA gereist, um dort eine Vortragsreise zu unternehmen. Seine Freunde dort versuchen ihn dazu zu bewegen, in Amerika zu bleiben und Deutschland zu verlassen. Aber sie können ihn nicht davon überzeugen. Schon wenige Tage später ist er auf dem Rückweg. Mit dem letzten Schiff macht er sich zurück auf den Weg nach Deutschland. Wichtig für seine Entscheidung war die Tageslosung aus dem Buch des Propheten Jesaja: wer glaubt, der flieht nicht.

 

Bonhoeffer schreibt dazu: „Ich bin jetzt überzeigt, dass mein Kommen nach Amerika ein Fehler war. Ich muss diese schwierige Epoche unserer nationalen Geschichte mit den Christen Deutschlands durchleben. Ich habe kein Recht, an der Wiederherstellung des christlichen Lebens nach dem Kriege in Deutschland mitzuwirken, wenn ich nicht die Prüfungen dieser Zeit mit meinem Volke teile.“

 

Wer glaubt, der flieht nicht. Bei Dietrich Bonhoeffer haben der Satz und seine Entscheidung zur Rückkehr dazu geführt, dass er hautnah die Schrecken des Krieges miterlebt und für seinen Einsatz gegen die Hitler-Diktatur mit dem Leben bezahlt hat.

 

Wer glaubt, der flieht nicht. Ein Satz, der auch in unsere Zeit herüberreicht. Weil wir ebenfalls immer wieder solche Situationen erleben, wo wir uns entscheiden müssen. Und das gilt nicht nur für den Glauben. Immer wieder gibt es Situation, wo wir angegriffen werden, wo wir herausgefordert werden, wo wir uns entscheiden müssen. Und aus der Angst heraus entscheiden wir uns immer wieder zu der Möglichkeit der Flucht, ziehen uns aus der Verantwortung, ziehen uns aus einem ehrenamtlichem Amt zurück und viele Beispiele mehr, die mir hier einfallen.

 

Dieses Verhalten begegnet uns auch im Glauben. Gerade in den schwierigen Momenten, wenn unser Lebensboot ins Schlingern gerät, wenn wir Halt suchen und keinen finden, wenn wir Gott als den fernen und fremden Gott erleben, dann fällt es uns schwer, am Glauben festzuhalten, im Glauben zu bleiben und nicht davonzulaufen. Einfach ist das nicht, das gebe ich offen zu.

 

Darum ist es gut, dass wir immer wieder Vorbilder im Glauben haben, nicht nur Bonhoeffer ist einer, es gibt da viele andere auch. Vorbilder, denen es gelungen ist, auch im Schweren an ihrem Glauben festzuhalten. Die eben aus dem Glauben die Kraft geschöpft haben, schwere Situationen und schwere Entscheidungen auszuhalten, ohne davor davon zulaufen.

 

An anderer Stelle hat Bonhoeffer dazu folgenden Satz geschrieben, den ich Ihnen heute mit auf den Weg geben möchte: Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandkraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.

 

In diesem Sinne Ihnen allen alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.

 

Ihr Pfarrer Frank Wagner

 

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Gedanken für den 6.4.2020

 

Wer bin ich? Der oder jener? Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer? … Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott. Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“ 

 

Dietrich Bonhoeffer

 

Seit gut zwei Wochen können Sie in meinen Impulsen Sätze von Dietrich Bonhoeffer lesen. In dieser Woche möchte ich ein bisschen den Schwerpunkt auf Dietrich Bonhoeffer selber legen. Denn in dieser Woche, genauer gesagt am kommenden Donnerstag, jährt sich zum 75ten Mal sein Todestag, als er am Morgen des 9. April 1945 im KZ Flossenbürg hingerichtet wurde. Allerdings möchte ich Ihnen keine großen Lebensdaten liefern, sondern versuchen, verschiedene Facetten von Bonhoeffer, seinem Leben, seinem Wirken aufzeigen. Dazu sollen bekannte Texte und Worte dienen.

 

Am Anfang steht heute Morgen das Gedicht „Wer bin ich?“. Entstanden ist das Gedicht in der Zeit des Gefängnisaufenthaltes Bonhoeffer. Er war verhaftet worden, weil er als „Spion“ für die Abwehr um die Admiräle Oster und Canaris arbeitete. Die Abwehr, die das Ziel hatte, Hitler zu beseitigen und dazu immer wieder Attentatsversuche auf Hitler unternommen hat; das Bekannteste ist das vom 20. Juli 1944. Mit seinen guten Verbindungen ins Ausland sollte Bonhoeffer für die Abwehr ausloten, wie es nach einem Umsturz in Deutschland von den Alliierten her weitergehen soll. Nachdem im März 1943 zwei Attentate auf Hitler misslangen, geriet die Abwehr verstärkt in den Blick der Gestapo und am 5. April 1943 wurde Bonhoeffer und ins Berliner Militärgefängnis gebracht und kam in Isolationshaft.

 

Die Isolationshaft in einer winzigen Zelle versetzte Bonhoeffer einen riesigen Schock. Kein Mensch sprach mit ihm in den ersten zwei Wochen, kein Brief, kein Besuch, keine Andeutung über den konkreten Grund seiner Verhaftung, keine Andeutung, worauf er sich einzustellen hatte. Dazu die bange Ungewissheit über das Schicksal seiner Familie und Freunde. Erst Monate später war es ihm dann erlaubt, wieder Kontakt zu seiner Familie aufzunehmen.

 

In dieser Zeit entstand das berühmte Gedicht „Wer bin ich?“, das zeigt, wie hin- und hergerissen Bonhoeffer war. Wie ihn die anderen sahen, was er von sich selbst hielt. Und welche Zweifel ihn auch umgaben. „Wer bin ich?“ Ein beeindruckendes Zeugnis, das am Ende seine ganz tröstlich Seite entfaltet, wenn Bonhoeffer schreibt: wer ich auch bin – dein bin ich o Gott. Für mich ist das die große Zusage, der große Trost, der aus diesem Gedicht in unsere Zeit herüberreicht, eine, die jedem ganz persönlich gilt: wer du auch bist, wie du dich fühlst, wie sehr dich vielleicht gerade Sorgen und Ängste umtreiben – es ist ganz egal. Du darfst darauf vertrauen, dass du zu Gott gehörst und Gott dich gerade in diesen Fragen und Zweifeln nicht allein lässt. Ja, es gilt bis heute: dein bin ich o Gott.

 

Natürlich möchte ich Ihnen in diesen Gedanken den ganzen Text an die Hand geben:

 

Wer bin ich? Sie sagen mir oft, ich träte aus meiner Zelle gelassen und heiter und feste wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.

 

Wer bin ich? Sie sagen mir oft, ich spräche mit meinen Bewachern frei und freundlich und klar, als hätte ich zu gebieten.

 

Wer bin ich? Sie sagen mir auch, ich trüge die Tage des Unglücks gleichmütig, lächelnd und stolz, wie einer, der Siegen gewohnt ist.

 

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen? Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?

Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig, ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle, hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen, dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe, zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung, umgetrieben vom Warten auf große Dinge. Ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne, müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen, matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen.

 

Wer bin ich? Der oder jener? Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer? Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler und vor mir selbst ein verächtlicher Schwächling? Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer, das in Unordnung weicht vor schon gewonnenen Sieg?

 

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott.

 

In diesem Sinne Ihnen allen alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.

 

Ihr Pfarrer Frank Wagner

 

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Gedanken für den 4.4.2020

 

„Gott lässt sich aus der Welt heraus drängen ans Kreuz, Gott ist ohnmächtig und schwach in der Welt und gerade und nur so ist er bei uns und hilft uns“.

 

Dietrich Bonhoeffer

 

Seit gestern Nachmittag hat das Corona-Virus ein Gesicht. Bisher war Corona für mich und für die meisten unter uns die Zeichnung und systematische Darstellung, die man im Fernsehen und Zeitung sieht. Die Nachrichten und Meldungen und die Bilder aus aller Welt. Und trotz der Gefahr irgendwie wie weit weg, nicht greifbar, ganz anonym. Seit gestern Nachmittag aber hat Corona ein Gesicht. Denn gestern Nachmittag erhielt ich und erhielten viele die Nachricht, dass mein früherer katholischer Kollege, Pfarrer in Ruhe Dr. Johannes Netzer, im Alter von 76 Jahren an den Folgen einer Corona-Infektion verstorben ist. Über lange Zeit haben wir hier in Oberstaufen eng zusammengearbeitet, vieles in ökumenischer Weise vorangebracht, zumal die Ökumene ihm immer ein großes Anliegen war. Aber auch persönlich hatten wir einen guten Draht zueinander und waren uns freundschaftlich verbunden. Viele gemeinsame gefeierte Gottesdienste, oft anlässlich von Jubiläen, sind mir besonders in Erinnerung geblieben. Daneben auch die Kleinigkeiten, über die man sich ausgetauscht und manchmal auch gestritten hat. Nur gut eineinhalb Jahre konnte er seinen Ruhestand genießen. Mit seinem Tod hat das Virus nun ein Gesicht bekommen. Und es macht einen betroffen, wenn man jemanden kennt, der daran verstorben ist. Das Virus bekommt nun plötzlich noch einmal eine ganz andere Gewichtung.

 

Und angesichts dieses, aber auch jeden anderen Todesfalles, den wir zu beklagen haben, machen wir gerade in Bezug auf Gott die Erfahrung, dass wir Gott als ohnmächtig erleben, dass er schwach ist in dieser Welt, dass wir das Gefühl haben, dass wir von ihm verlassen sind. Jetzt, wo wir Gott am allernötigsten hätten, ist er nicht da. Gefühle, Sätze, die gerade in Todesfällen immer wieder zu hören sind.

 

Aber gerade dadurch, dass Gott schwach ist, so Bonhoeffer, ist er uns nahe. Und hilft uns. Dadurch, dass er uns eben in aller Not, in aller Trauer und bei jedem Tod nicht alleine lässt, sondern an unserer Seite ist. Mitleidend, weil er selber gelitten hat. Ein Stück weit ohnmächtig, weil er selber ohnmächtig war. Aber gerade dadurch ist er da und hilft uns und tröstet uns. So wie die Nähe eines jeden Menschen im Leid einem oft mehr hilft als die schönsten Worte. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag, so hat es Bonhoeffer in seinen berühmtesten Worten gedichtet. Und darauf möchte ich mich ganz und gar verlassen: dass Gott bei uns ist, in dieser Zeit der Krise, überall da, wo Menschen am Virus erkrankt sind, überall da, wo Menschen den Tod erleiden, egal in welcher Weise.

 

Gott ist bei uns am Abend und am Morgen. Er war und er ist auch bei Johannes Netzer, um den wir trauern, aber eben auch bei jedem anderen sterbenden Menschen. Er, der in der Ohnmacht so mächtige Gott. Mögen wir alle ihn immer wieder so in unserem Leben erfahren.

 

Beten wir heute mit den folgenden Worten von Dietrich Bonhoeffer für Johannes Netzer, aber auch für alle andere, um die wir trauern:

 

Wir treten aus dem Schatten bald in ein helles Licht.

 

Wir treten durch den Vorhang vor Gottes Angesicht.


Wir legen ab die Bürde, das müde Erdenkleid;

sind fertig mit den Sorgen und mit dem letzten Leid.


Wir treten aus dem Dunkel nun in ein helles Licht.

 

Warum wir’s Sterben nennen? Ich weiß es nicht. Amen.

 

In diesem Sinne Ihnen allen trotzdem alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.

 

Ihr Pfarrer Frank Wagner

 

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Gedanken für den 3.4.2020

 

„Man muss damit rechnen, dass die meisten Menschen nur durch Erfahrungen am eigenen Leib klug werden“.

 

Dietrich Bonhoeffer

 

Es ist unglaublich, wie Worte und Sprüche, die Menschen wie z.B. Dietrich Bonhoeffer schon lange gesagt haben, doch plötzlich wieder ganz aktuell sind. So jedenfalls finde ich das mit diesem Spruch. Ich jedenfalls fühle mich durch diese Worte Bonhoeffers sehr angesprochen. Angesprochen, weil sie genau in die momentane Situation des Umganges mit der Corona-Krise passen. Ohne jemand persönlich nahe treten zu wollen, erscheint mit gerade bei der älteren Generation die Gefahr der Ansteckung und das, was dann folgen kann, nicht angekommen zu sein.

 

Zumindest beobachte ich dies in meinem Umfeld. Hier vor Ort gibt es inzwischen wie an vielen anderen Orten Helferkreise, die Risikopatienten, wie es ältere Menschen nun sind, unterstützen. Doch wen treffen sie beim Einkaufen an? Wer verzichtet auf Hilfe, weil „das bisschen Einkaufen, das schaffe ich schon selbst“? Ich denke, ich kann mir die Antwort ersparen. Man glaubt immer noch um die Gefahr herumzukommen. Mich trifft das schon nicht. Ich gehe ja nur dahin, wo wenige Menschen sind. Nein, einen Mundschutz habe ich nicht nötig. Und absolutes Unverständnis habe ich dafür, wenn zwar in Seniorenheime niemand mehr hinein, aber Bewohner immer noch heraus dürfen und dann ebenfalls selbst noch zum Einkaufen gehen.

 

Aber anscheinend sind wir Menschen so. Anscheinend lernen wir nur, wenn wir etwas am eigenen Leib erleben. In normalen Zeiten ist das ja auch völlig normal, Heranwachsende müssen ihre eigenen Erfahrungen machen, müssen, dürfen und sollen Fehler machen, aus denen sie dann etwas lernen. Erfahrungslernen ist viel nachhaltiger als das, was wir lediglich hören oder lesen. Aus Erfahrung wird man klug, sagt darum das Sprichwort. Grundsätzlich ist das ja nicht falsch. Aber doch nicht in diesen Zeiten. Doch nicht, dann, wenn es um Leben und Tod geht. Denn niemand wünscht sich, diese Erfahrung der Erkrankung mit Corona am eigenen Leid zu erfahren.

 

Was aber hilft? Ich selbst bin im Moment da ziemlich ratlos, da Menschen auf die Bitte, sich selbst zu schützen und zu Hause zu bleiben oder auch einen Mundschutz zu tragen, oftmals richtig aggressiv reagieren nach dem Motto „ich weiß selber, was gut für mich ist, da brauche ich keine Ratschläge von an-deren“. Ein Professor für Alterforschung sagt dazu, dass diese Reaktion ein Zeichen von Überforderung sein kann. Helfen kann wohl nur, genau das hinter diesem Verhalten zu sehen: die Angst des anderen, seine Überforderung, um mit der Situation angemessen umgehen zu können. Da hilft dann nur eines: Freundlichkeit, Geduld, das Ernst-Nehmen des Anderen und der Versuch, gut zuzureden und vielleicht dadurch doch zum Erfolg zu kommen.

 

Wussten Sie übrigens, dass das beschriebene Verhalten ein sehr „biblisches“ Verhalten ist? Gerade im Alten Testament wird immer wieder davon gesprochen, dass das Volk Israel ein halsstarriges Volk sei. Mose zum Beispiel muss sich das von Gott anhören, nachdem sich das Volk um das Goldene Kalb versammelt und es angebetet hatte. Aber immer wieder erzählt die Bibel auch davon, wie Gott trotz allem dieses Volk als sein Volk auserwählt hat, wie er es durch die Geschichte hindurch begleitet hat und mit wieviel Geduld er seine Halsstarrigkeit ertragen hat. So wie wir es in Psalm 103 lesen: barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte.

 

Darum sollten auch wir geduldig sein, uns von der Geduld Gottes im Blick auf unsere Mitmenschen an-stecken. Und mit Geduld und einem Päckchen Güte schaffen wir es ja vielleicht, Menschen davon zu überzeugen, sich doch helfen zu lassen in diesen Tagen und sich dadurch zu schützen. Und ich denke, die Menschen werden durch die Erfahrung, dass es nicht weh tut, wenn man sich Helfen lässt, am eigenen Leib ein Stück weit klüger werden.

 

In diesem Sinne Ihnen allen alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.

 

Ihr Pfarrer Frank Wagner

 

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Gedanken für den 2.4.2020

 

„Je schöner und voller die Erinnerung, desto schwerer ist die Trennung. Aber die Dankbarkeit verwandelt die Erinnerung in eine stille Freude. Man trägt das vergangene Schöne nicht wie einen Stachel, sondern wie ein kostbares Geschenk in sich". 

                                                                    

Dietrich Bonhoeffer

 

Heute meine erste Beerdigung in Zeiten von Corona. Eine der seltsamsten Erfahrungen, die ich bisher gemacht habe. Schon im Vorfeld war nicht klar, ob und vor allem wann die Beerdigung stattfinden kann. Ein erster Termin wurde vorsorglich verschoben. Dann heute der Tag der Beerdigung. Und alles kommt einem dabei so unwirklich vor. Keine Trauerfeier mit Liedern in der Kirche, keine Möglichkeit für den kleinen Chor, zu singen, der das gerne übernommen hätte. Keine Trauergemeinde, nur die engsten Angehörige, wenige Freunde, so viel eben, dass die zulässige Zahl der Gäste nicht überschritten wird. Viele hätten sich heute gerne von dem Verstorbenen verabschiedet, Mitglieder aus der Kirchengemeinde, Nachbarn und Vereinskollegen, weitere Verwandten, die entfernt vom Beerdigungsort wohnen. Unwirklich auch, dass der Termin der Beerdigung nicht veröffentlicht werden durfte.

 

Die Beerdigung selber nur an der Urnenwand, alle sind auf Abstand bedacht, keine Umarmung, kein Händeschütteln. Am Ende die Verabschiedung auf Abstand, ein Treffen im Anschluss an die Beerdigung ist ja auch nicht möglich. Beerdigung in Zeiten von Corona.

 

Bei der Beerdigung selber habe ich die oben stehenden Worte von Dietrich Bonhoeffer in den Mittelpunkt gestellt. Sie passen in meinen Augen wunderbar zu einer Beerdigung und zu einem Abschied, gerade über das Stichwort der Erinnerung und der Trennung. Aber für mich sind es Worte, die auch ganz allgemein Erfahrungen des Lebens ansprechen, auch und gerade in Krisenzeiten. Denn die Erfahrung der Erinnerung verbunden mit einer Trennung, die machen wir ja nicht nur im Zusammenhang mit einem Todesfall. Erinnerungen müssen wir immer wieder hinter uns lassen, müssen uns von Menschen, Dingen, Umständen trennen und spüren, wie schwer das ist. Im Augenblick erleben wir es ja: wie schön war es noch vor ein paar Wochen, dass man raus konnte, dass man einen ganz normalen Alltag hatte, Einkaufen, Bummeln, Flanieren. Im Moment nicht möglich. Schmerzliche Zeiten, schmerzliche Erfahrungen, von denen wir nicht wissen, wann sie vorüber sind.

 

Bonhoeffers Weg zum Umgang mit diesen Erfahrungen ist der Weg der Dankbarkeit. Das erlebe ich bei Beerdigungen auch immer wieder. „Wissen Sie, Herr Pfarrer, wir sind dankbar, dass uns trotz der Krankheit meines Mannes noch ein paar schöne Jahre geschenkt wurden“. Dankbarkeit findet sich in diesen Worten, Dankbarkeit, durch die die Erinnerung nicht mehr nur schmerzhaft ist, sondern zu einer stillen Freude wird. Freude über das Erlebte, über gemeinsame Erfahrungen, über geschenkte Zeit. Und dann kann über die Dankbarkeit auch das kommen, was Bonhoeffer schreibt, dass nämlich das vergangene Schöne nicht mehr schmerzt wie ein Stachel, sondern wie ein kostbares Geschenk ist.

 

Ich selber bin davon überzeugt, dass Dankbarkeit auch in Zeiten der Krise hilft. Nicht zurückblicken und jammern, was im Moment alles nicht geht, sondern zurückblicken und dankbar sein, für das, was wir bisher Gutes erfahren haben. Und auch dankbar sein, dass es uns im Moment im Großen und Ganzen trotz der Beschränkungen gut geht. Gerade wenn man in andere Ländern wie Italien und Spanien schaut.

 

Mit Dankbarkeit wird dann für uns auch ganz, ganz Vieles zu einem kostbaren Geschenk werden.

 

In diesem Sinne Ihnen allen alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.

 

Ihr Pfarrer Frank Wagner

 

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Gedanken für den 1.4.2020

 

„Den größten Fehler, den man im Leben machen kann, ist, immer Angst zu haben, einen Fehler zu machen“

 

Dietrich Bonhoeffer

 

Kennen Sie das auch? Diese Angst im Leben, in irgendeiner Situation etwas falsch zu machen? Nicht das Richtige zu tun? Einen Fehler zu begehen und zu scheitern? So wie es Bonhoeffer im heutigen Spruch sagt: der größte Fehler des Lebens ist immer Angst zu haben, einen Fehler zu machen.

 

Psychologen schreiben dazu, dass sich die Angst vor Fehlern auf das komplette Leben auswirken kann. Dann seien Schweißausbrüche, Appetitlosigkeit, schlaflose Nächte, Blackouts in wichtigen Situationen und sogar Atemnot die Folgen. Mitunter führe die permanente Angst sogar zu Burnout und Depressionen, so die Experten.

 

Die Angst einen Fehler zu machen. Sie kommt oftmals davon, dass Menschen gerne perfekt sein wollen. Oder das Gefühl haben, perfekt sein zu müssen. Das wird uns ja von den Medien und der Werbung so dargestellt. Immer wird nur der Beste gesucht: Dancing-Star, der neue Superstar, Germanys nächstes Top-Modell. Dabei zählen hier und in vielen anderen Bereichen eben nur der Erfolg, die Leistung, das gute Aussehen und vieles mehr. Und wer Fehler macht, der wird gnadenlos aussortiert. Oder um es mit den Worten von Heidi Klum zu sagen: ich habe heute leider kein Bild für dich.

 

Der Gedanke, dass Fehler schlimm sind, kommt im Übrigen nicht von ungefähr. Unsere ganze Erziehung basiert auf dieser Logik. Jeder Schüler weiß das: bei einer eins bekomme ich natürlich mehr Lob als bei einer vier. Wenn ich als Kind etwas falsch gemacht habe, dann werde ich dafür geschimpft. Ich sollte daraus lernen, es beim nächsten Mal besser machen und Fehler vermeiden. Ja und das kann dann eben genau zu der oben erwähnten Situation: dass ich im Leben immer Angst habe, einen Fehler zu machen. Ein Kreislauf, aus dem ich nur schwer wieder heraus komme.

 

Bonhoeffer beurteilt diese Vorgehensweise als den größten Fehler im Leben, den man machen kann. Wenn man solche Sätze liest oder hört, fragt man sich, ob das ein Mensch nicht nur so sagt oder ob er es tatsächlich in seinem Leben dann auch verwirklicht. Ich denke, Dietrich Bonhoeffer war einer, der solche Sätze nicht nur schrieb, sondern auch das, was er schrieb, so erlebt hat. Gerade in der Zeit des Gefängnis-ses dürfte er diese Angst, etwas falsch zu machen und dadurch z.B. seine Familie zu belasten, durchaus gespürt und auch erlebt haben. Auch in der Zeit vorher, als er bei der Abwehr gearbeitet hat. So war er sicher auch nicht frei von solchen Ängsten.

 

Aus seiner Zeit im Gefängnis sind uns viele seiner Texte überliefert. Einer der bekanntesten ist das Gedicht „Wer bin ich?“ In diesem Gedicht schildert er eindrücklich seine Ängste, seine Gefühle der Ohn-machtlosigkeit. Aber er schreibt am Ende des Gedichtes einen Satz, der für mich das beinhaltet, was Bonhoeffer in allen seinen Ängsten geholfen hat und was das Gegenstück zu der Angst vor den Fehlern ist nämlich: „Wer ich auch bin, dein bin ich, o Gott.“

 

Dein bin ich o Gott. Für mich bedeutet dieser Satz, dass Gott zu mir steht, auch wenn ich nicht perfekt bin. Ganz im Gegenteil: bei ihm gilt „Fehler machen erlaubt“. Weil er einer ist, der uns nicht auf unser Aussehen und unseren Erfolg festlegt, sondern der hinter mir steht, egal wie es läuft, egal wie erfolgreich ist bin. Ein modernes Lied sagt dazu: du bist ein Gedanke Gottes, ein genialer noch dazu. Du bist du.

 

Sich darauf zu verlassen, das kann uns helfen, diesen größten Fehler des Lebens, nämlich immer  Angst zu haben, einen Fehler zu machen, zu vermeiden. Und selbst wenn ich Fehler mache, darf ich glauben: Gott steht zu mir und Gott steht an meiner Seite. Bei ihm gibt es immer ein Bild für mich.

 

In diesem Sinne Ihnen allen alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.

 

Ihr Pfarrer Frank Wagner

 

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Gedanken für den 31.3.2020

 

„Wir müssen aus unseren Sorgen für den Anderen Gebete werden lassen“

 

Dietrich Bonhoeffer

 

„Hamburger Schulbehörde richtet Corona-Sorgentelefon für Eltern ein“, so las ich in diesen Tagen in einer großen deutschen Tageszeitung. Die Schulbehörde, so war weiter zu lesen, wolle damit auf die zu-nehmenden Zahlen der Ansteckungen und auch der steigenden Zahlen derer, die in Folge der Ansteckung mit dem Coronavirus verstorben sind, reagieren. Denn „was tun Eltern, wenn sie selbst noch zur Arbeit müssen oder sie plötzlich von daheim arbeiten müssen und ihre Kinder nicht ohne Schwierigkeiten betreuen können? Wie sollen sie den Unterricht selbst gestalten? Was wenn der Lagerkoller droht – auch weil Kinder keine Freunde mehr sehen können oder ihre gewohnten sportlichen Aktivitäten ausfallen?“ Bei all diesen Fragen biete die Schulbehörde nun Unterstützung an.

 

Sorgen in Zeiten von Corona bewegen im Moment viele Menschen. Nicht nur Schüler und Eltern kann man hier anführen, sondern auch die Kinder und Enkel, die sich Sorgen um die Opa und Oma machen und keinen Kontakt zu ihnen haben dürfen. Ganz schwer und sorgenvoll ist die Situation für die Menschen, deren Angehörigen im Moment im Krankenhaus sind. Keine Besuche, keine direkten Kontakte sind mehr erlaubt. Man darf, so erzählte mir mein Cousin, dessen Mutter gerade in einem Krankenhaus liegt, unten im Eingangsbereich etwas abgeben, dass dann aufs Zimmer gebracht wird, aber ein Besuch ist nicht erlaubt. Kontakte gehen nur noch auf per Telefon. Und dabei würde man doch gerade in so einer Situation dem Angehörigen besonders nahe sein wollen und ihn nicht allein auf seinem Zimmer liegen lassen.

 

Ja, die Zeit der Corona-Pandemie lässt die Sorgen wachsen, auch und gerade die Sorgen, die wir uns um Andere machen. Nicht nur die um uns selbst. Und irgendwo muss ich damit hin, mit irgendjemandem muss ich meine Sorgen teilen. Nur alles in mich „hineinfressen“ hilft hier nicht. Gut, dass es da solche Sorgentelefone wie oben beschrieben gibt. Die Telefonseelsorge ist ebenso eine Anlaufstelle. Und auch wenn die Kirchen gerade keine Gottesdienste feiern und Veranstaltungen abgesagt sind, wir Pfarrerinnen und Pfarrer stehen weiterhin für seelsorgerliche Gespräche zur Verfügung. Diese kann man ja auch per Telefon führen.

 

Dietrich Bonhoeffer bringt mit seinem Wort eine weitere Möglichkeit zum Klingen. Aus der Sorge um den Anderen Gebete werden lassen. Auch das ist eine Möglichkeit, die wir gerade als Christinnen und Christen haben. Nämlich das Gebet. Das Gespräch mit Gott, am Morgen, am Abend, im Laufe des Tages. Das Gebet, mit dem ich Gott die Menschen ans Herzen legen kann und darf, um die ich mir Sorgen mache. Die mir wichtig sind. Mit denen ich im Moment keinen persönlichen Kontakt haben kann. Auf diese Weise habe ich die Möglichkeit, all das, was mich an Sorgen bekümmert und belastet, los zu wer-den. Es wird sich dadurch zwar die Situation nicht ändern, aber ein Gebet kann dazu führen, dass es mir leichter ums Herz ist. Und durch das Gebet bin ich unsichtbar ja auch mit dem verbunden, um den ich mir Sorgen mache.

 

Aus den Sorgen für Andere Gebete werden zu lassen. Das möchte ich uns in diesen Zeiten ans Herz legen. Auch weil ich darum weiß, wie gut es tut, wenn jemand für einen betet.

 

Und so möge das folgende Gebet Bonhoeffers uns durch den Tag begleiten:

 

Vater im Himmel, Lob und Dank sei dir für die Ruhe der Nacht, Lob und Dank sei dir für den neuen Tag.

 

Lob und Dank sei dir für alle deine Güte und Treue in meinem vergangenem Leben. Du hast mir viel Gutes erwiesen, lass mich nun auch das Schwere aus deiner Hand hinnehmen. Du wirst mir nicht mehr auflegen als ich tragen kann. Lass deinen Kindern alle Dinge zum Besten dienen. Herr, was dieser Tag auch bringt – dein Name sei gelobt. Amen.

 

In diesem Sinne Ihnen allen alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.

 

Ihr Pfarrer Frank Wagner

 

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Gedanken für den 30.3.2020

 

„Wir müssen lernen, die Menschen weniger auf das, was sie tun und unterlassen, als auf das, was sie erleiden, anzusehen“

 

Dietrich Bonhoeffer

 

„Krisen sind ein unvermeidlicher Bestandteil des Lebens. … Lebenskrisen und unangenehme Veränderungen reißen uns aus dem Alltagstrott und werfen uns oftmals aus der Bahn. Wir sind unvorbereitet und wissen nicht, wie wir mit der Veränderung umgehen sollen. Wir fühlen uns überfordert und hilflos. Das ist völlig normal“, so die Worte eines Psychologen, die ich in der Vorbereitung auf diesen Artikel gelesen habe. Was er schreibt, erleben wir gerade in unseren Tagen und all das Angesprochene finden wir im ei-genen Leben wieder: es sind unangenehme Veränderungen, denen wir unterliegen, man denke nur an die Ausgangsbeschränkungen. Der Alltag ist so nicht mehr, wie wir ihn kennen und wir merken, wie sehr uns der ganz normale Alltag fehlt. Wer hätte vor ein paar Wochen gedacht, dass sich Schüler nach 2 Wochen Schulschließung und Unterricht zu Hause danach sehen, wieder in die Schule gehen zu dürfen.

 

Auf manches in diesen Tagen sind wir unvorbereitet und wissen tatsächlich nicht so genau, wie wir mit der Veränderung umgehen sollen. Bei manchen Mitmenschen, die am Wochenende wieder massiv zu Ausflügen aufgebrochen sind, hat man den Eindruck, dass sie überzeugt sind: ignorieren bedeutet, dass mir das Virus nichts anhaben kann. Andere wiederum reagieren panisch und tragen mit ihrer „Panik-mache“ und ihren Schilderungen, was noch alles kommen wird dazu bei, dass sich Menschen verunsichert fühlen, Ängste ihr Leben bestimmen und dann eben auch überfordert und hilflos sind.

 

„Krisen können aber auch eine Chance sein“ so der Psychologe weiter. Genau das ist in dieser schweren Zeit auch schon zu sehen, wenn Politik damit anfängt, zu überlegen, was aus so einer Krise zu lernen ist.

 

Mein heutiger Spruch von Dietrich Bonhoeffer ist für mich einer, der auch in diese Richtung geht. Die Krise als Chance, unseren Umgang miteinander zu bedenken. Mit seinen Worten spricht er ja auch typische Verhaltensmuster von uns Menschen an. Im Umgang miteinander, in der Beurteilung eines an-deren Menschen ist für uns oft das Wichtigste, was der andere tut und was nicht. Was er sagt, wie er sich nach außen gibt, wie er auf einen persönlich wirkt. Aus diesen Beobachtungen heraus fällen wir unser Urteil und teilen Menschen danach ein, ob sie mir sympathisch sind oder nicht.

 

In der momentanen Krise haben freilich viele schon angefangen, das zu ändern, wenn auch eher unterbewusst. Zu ändern, wenn sie anfangen, darauf zu schauen, wie es dem Nachbarn geht und wo er vielleicht Hilfe brauchen kann. Menschen, mit denen man lange keinen Kontakt hatte, werden wieder angerufen und man frägt nach, wie es dem anderen geht. Man schaut, um es mit Bonhoeffer zu sagen, auf das, was sie erleiden und entwickelt etwas, das vielfach in unserer Zeit fehlt: Mitgefühl und Solidarität mit dem anderen. Den Blick dafür, nicht nur darauf zu schauen, dass es mit gut geht, sondern auch, dass der andere jemand ist, der immer wieder meine Hilfe braucht.

 

Wenn nun Krisen tatsächlich eine Chance sind, dann wäre doch dieses Verhaltens des Miteinanders etwas, was wir aus der Krise in die Zeit danach mitnehmen sollten und könnten. Nicht nur in der Zeit der Not und der Krise, sondern auch in der Zeit danach das zu tun, was Bonhoeffer schreibt: den anderen nicht auf das festlegen, was er tut und unterlässt, sondern auf das, was er erleidet; darauf schauen, wie es ihm geht. Mitgefühl, Solidarität und Nächstenliebe zu üben. Ganz nach dem Motto von Jesus: was ihr einem meiner geringsten Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan!

 

In diesem Sinne Ihnen allen alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.

 

Ihr Pfarrer Frank Wagner

 

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Gedanken für den 28.3.2020

 

„Nicht nur die Angst ist ansteckend, sondern auch die Ruhe und die Freude, mit der wir dem jeweils Auferlegten begegnen“

 

Dietrich Bonhoeffer

 

„Mensch Papa, chill doch mal deine Base“ meinte neulich meine Tochter zu mir, als ich mich wieder einmal über das unvernünftige Verhalten mancher Mitbürger angesichts von Corona aufregte. „Chill mal deine Base“, das heißt nichts anderes wie „bleib doch einfach mal locker, reg dich nicht auf“. Und siehe da: die mahnenden Worte meiner Tochter halfen weiter und meine Aufregung war nicht weg, aber deutlich geringer wie vorher.

 

Das Beispiel ist mir eingefallen angesichts der heutigen Worte von Bonhoeffer. Worte, in denen es um das Thema der „Ansteckung“ geht. „Nicht nur Angst ist ansteckend, sondern auch die Ruhe und die Freude“. Was für ein Wort! Und wie treffend für diese Tage der Krise. Denn vor allem das erste erlebe ich in diesen Tagen massiv. Das Thema der Angst, die Menschen ergriffen hat. Grundsätzlich ist Angst ja nichts Schlechtes, ganz im Gegenteil. Angst ist so etwas wie ein Schutzmechanismus, der uns erst einmal vorsichtig sein lässt, der uns vor möglichen Gefahren warnt. Gerade in diesen Tagen ist es darum sicher nicht falsch, ein wenig Angst zu haben und nicht blauäugig und unbedarft an die Situation heranzugehen. Aber Angst kann einen natürlich auch lähmen und alle Handlungen völlig einschränken.

 

Und Angst ist ansteckend: wenn ich meine Ängste, meine Bedenken, meine Sorgen weitergebe, dann kann das auch bei anderen genau dies bewirken. In dieser Zeit der Krise und der Angst ist das deutlich zu beobachten: gerade in den sozialen Medien werden mehr und mehr Ängste geschürt, Horrorszenarien gemalt, Menschen, die auf ihre Art und Weise versuchen zu helfen, werden belächelt. Auf vielfältige Art und Weise werden Angst und manchmal auch Panik geschürt. Warum hätten wir sonst auch so viele Hamsterkäufe?  Ja, Angst ist ansteckend und das sollten wir uns bei allem, was wir im Moment, sagen, machen und tun, deutlich vor Augen führen.

 

Gut, dass der Satz und der Gedanke von Bonhoeffer weitergeht: auch die Ruhe und die Freude, mit der wir dem Auferlegten begegnen, sind ansteckend, so sagt Bonhoeffer. Und ich finde er hat Recht – siehe das Beispiel von oben. Nicht nur Angst, sondern auch Ruhe und Freude sind ansteckend. Darum sollten wir in diesen Tagen genau das gegen alle Ängste, die geschürt werden, einbringen: Ruhe und Freude. Die ganze Sache ruhig angehen lassen. Sich nicht von Angst und Panik beherrschen lassen. In der Ruhe liegt die Kraft, so sagt das Sprichwort und aus der Ruhe heraus schaffe ich es leichter, mit dem Auferlegten umzugehen als mit Angst und Panik.

 

Neben der Ruhe ist auch die Freude ansteckend: wenn ich mich freue und fröhlich bin, kann ich das auch auf andere übertragen, anderen weitergeben. Und ich meine, dass dies in dieser Zeit so wichtig ist. Freude und Mut, Ruhe und Kraft weiterzugeben anstatt Ängste zu schüren.

 

Darum möchte ich Sie mit meinen Gedanken heute dazu auffordern: lassen wir heute doch einfach mal alle Ängste Ängste sein und schauen lieber darauf, was uns Freude macht. Ich zum Beispiel sitze beim Schreiben dieser Zeilen im Büro und schaue durch mein Fenster hinaus in einen sonnigen Tag und auf eine traumhafte Landschaft, an der ich mich freuen kann. Und weil Freude ansteckend ist, möchte ich die Freude mit allen teilen, die diese Zeilen lesen. Suchen sie sich doch auch etwas, was ihnen Freude macht und schicken sie dies einem lieben Menschen ganz in dem Sinn des Spruches von Bonhoeffer: Freude ist ansteckend und kann helfen dem Auferlegten zu begegnen.

 

In diesem Sinne Ihnen allen alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.

 

Ihr Pfarrer Frank Wagner

 

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Gedanken für den 27.3.2020

 

„Wo Gottes Verheißung vernommen und ernst genommen wird, dort wird Kirche“

 

Dietrich Bonhoeffer

 

Gemeinde und Kirche in den Zeiten von Corona. Gottesdienste, Veranstaltungen, Gruppen und Kreise, selbst Besprechungen im Kirchenvorstand – alles ist abgesagt. Gemeinde im Notbetrieb – wie die Corona-Krise die Kirche verändert, so titelte in einer seiner letzten Ausgaben das bayerische Sonntags-blatt. Das gilt auch für unsere Gemeinde und wir in unserer Gemeinde feiern im Moment ebenfalls keine Gottesdienste und das wird auch noch eine ganze Weile so bleiben. In meinen Augen mehr als vernünftig, da gerade ältere Menschen den Gottesdienst besuchen und diese besonders zur Risikogruppe gehören.

 

Und doch sind schon Stimmen laut geworden, die an dieser Vorgehensweise Kritik üben. Kirche habe sich viel zu schnell zurückgezogen statt Präsenz zu zeigen. Gerade jetzt brauchen die Menschen Zuspruch und Trost und gerade jetzt lasse Kirche die Gläubigen gerade mit der Absage von Gottesdiensten allein. Schließlich gebe es auch kein virtuelles Abendmahl, so dass Menschen in dieser Situation auch nicht auf diese Stärkung zurückgreifen können.

 

Diesen Stimmen möchte ich widersprechen, weil das so nicht richtig ist. Ich denke, wir in den Kirchen lassen die Menschen nicht allein, sondern versuchen auf andere Weise Menschen zu erreichen. Zum Beispiel eben durch Artikel wie diesen, den wir auf unserer Internetseite und bei Facebook veröffentlichen. Den Bewohnern des Seniorenzentrums habe ich Anfang der Woche meine Sonntagspredigt kopiert und auf dem guten alten Postweg zukommen lassen. Und für Ostern überlegen wir uns im Moment im KV eine Aktion, wie wir Ostern, unter Einhaltung aller Vorsichts- und Schutzmaßnahmen, zu den Menschen bringen können.

 

Kirche hat sich gerade nicht zurückgezogen, sondern versucht auf kreative und phantasievolle Weise den Menschen in dieser Situation nahe zu sein und Trost zu spenden. Und wenn ich es richtig gelesen habe, dann ist ja auch die Zahl derer, die Gottesdienste im Fernsehen feiern, deutlich nach oben gegangen. So sucht Kirche, suchen die Kirchen neue und andere Wege, die vielleicht auch nach der Krise noch begangen werden.

 

Hinter all den Diskussionen steht in meinen Augen auch die Frage, was wir denn eigentlich unter Kirche verstehen. Kirche, das ist für die meisten das oben Beschriebene: Gottesdienste am Sonntag, Gruppen und Kreise, Diakonie und soziale Arbeit und vieles mehr. Das ist sicher richtig, aber Kirche ist mehr. Dietrich Bonhoeffer, der sich in seiner Zeit viele Gedanken über das Thema der Kirche gemacht hat, gibt uns mit dem heutigen Spruch einen wichtigen Hinweis darauf, was Kirche ist: wo Gottes Verheißung vernommen und ernst genommen wird, dort wird Kirche. Also überall dort, wo wir – auf welche Weise auch immer – auf Gottes Wort hören, wo wir auf seine Zusagen an uns vertrauen, überall da ist Kirche. Und das ist eben nicht an ein Kirchengebäude gebunden, sondern kann an jedem Ort geschehen. Zu Hause, in den Heimen, wo ich solche Zeilen wie diese lese oder wo ich im Fernsehen auf Gottes Wort höre, wo ich beim Abendläuten mein Gebet spreche oder beim Spaziergang mich an Gottes guter Schöpfung erfreue. Überall da wird Kirche. Überall da begegnet uns Gott. Überall da, dürfen wir seine guten Worte an uns hören, wenn auch vielleicht anders als in der gewohnten Sonntagspredigt im Gotteshaus. Ganz so, wie es Jesus einmal sagte: Wo  zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind, da bin ich mitten unter ihnen.

 

In diesem Sinne Ihnen allen alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.

 

Ihr Pfarrer Frank Wagner

 

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Gedanken für den 26.3.2020

 

„Nicht die Angst vor dem Tag, nicht die Last der Werke, die ich zu tun vorhabe, sondern der Herr weckt mich alle Morgen“

 

Dietrich Bonhoeffer

 

Geht es Ihnen manchmal auch so? Dass Sie am Morgen schon unruhig im Bett sind und wach sind, noch bevor der Wecker klingelt oder das Gebetsläuten zu hören ist? Und dass sie sich dann von einer auf die andere Seite drehen? Und weil man dann eh nicht mehr schlafen kann, gehen einem meist am frühen Morgen schon so viele Gedanken durch den Kopf. Viele davon gehen genau in die Richtung, von der Dietrich Bonhoeffer heute schreibt: die Angst vor dem Tag lässt mich nicht mehr schlafen, die Fragen, was heute alles auf mich zukommt und was heute werden wird, treiben mich um. Ebenso das Thema mit der Last der Werke: schon vor dem Aufstehen haben viele unter uns im Kopf, wie ihr heutiger Tagesplan aussehen wird, was sie alles zu erledigen haben, was alles zu tun ist. Wie ein Berg steht darum oft so ein Tag vor uns und noch bevor wir aufstehen, sind wir schon zermürbt, weil wir nicht wissen, wie wir das alles schaffen und den Tag bewältigen sollen.

 

Dietrich Bonhoeffer hat dafür einen Ratschlag parat, der uns in dieser Situation helfen kann. Er meint nämlich, dass wir uns am Morgen nicht von all dem, was wie ein Berg vor uns steht, wecken lassen sol-len, sondern von Gott unserem Herrn. Gott, der Herr, weckt mich alle morgen. Ich persönlich empfinde das wie einen Perspektivenwechsel beim Blick auf den Tag: ich schaue nicht auf das, was alles kommen wird, sondern ich schaue erst einmal auf Gott. Das kann ja ganz unterschiedlich sein: beim Läuten der Glocken kann ich ja auch ein Gebet sprechen und Gott dankbar dafür sein, dass ich gesund und munter wieder aufgewacht bin. Morgens bei meinem Spaziergang mit unserem Hund genieße ich im Moment die Ruhe und die Stille, das kalte, traumhafte Wetter, den Blick in die Berge und all das lässt mich dankbar werden für alles, was ich von Gott geschenkt bekommen habe. Und es hilft eben auch die Blickrichtung auf den Tag zu ändern: zuerst das Gute und Schöne zu sehen, das, wofür ich dankbar sein kann, dankbar meinem Gott. Und dann aus dieser Dankbarkeit heraus die Arbeit angehen, egal, was da kommen mag. Und ich bin sicher, diese Änderung in der Blickrichtung kann helfen, die Angst vor dem Tag und die Last der Werke nicht so groß werden zu lassen, dass sie meinen ganzen Tag bestimmen. Denn wenn ich mei-nen Tag mit Gott anfange, dann darf ich mir auch sicher sein, dass Gott an diesem ganzen Tag, in aller Arbeit und aller Werke Last mit dabei und an meiner Seite ist.

 

Zu dem heutigen Spruch ist mir ein Gesangbuchlied eingefallen, das nicht von Dietrich Bonhoeffer, son-dern von Jochen Klepper stammt: er weckt mich alle Morgen. Dieser Text (in Auswahl) soll uns heute als Gebet durch diesen Tag leiten:

 

Er weckt mich alle Morgen, er weckt mir selbst das Ohr. Gott hält sich nicht verborgen, führt mir den Tag empor, dass ich mit Seinem Worte begrüß das neue Licht. Schon an der Dämmrung Pforte ist er mir nah und spricht.

 

Er spricht wie an dem Tage, da er die Welt erschuf. Da schweigen Angst und Klage; nichts gilt mehr als sein Ruf. Das Wort der ewgen Treue, die Gott uns Menschen schwört, erfahre ich aufs Neue so, wie ein Jünger hört.

 

Er will mich früh umhüllen mit Seinem Wort und Licht, verheißen und erfüllen, damit mir nichts ge-bricht; will vollen Lohn mir zahlen, fragt nicht, ob ich versag. Sein Wort will helle strahlen, wie dunkel auch der Tag.

 

In diesem Sinne Ihnen allen alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.

 

Ihr Pfarrer Frank Wagner

 

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Gedanken für den 25.3.2020

 

„Die Zehn Gebote enthalten kein Gebot zu arbeiten, aber ein Gebot, von der Arbeit zu ruhen. Das ist eine Umkehrung von dem, was wir zu denken gewohnt sind“

 

Dietrich Bonhoeffer

 

Wie wahr doch in diesen Zeiten die Worte von Dietrich Bonhoeffer sind. Wie sehr wir doch gerade die Wahrheit dieser Worte erleben. Eine Wahrheit, die gezwungenermaßen das Leben von vielen von uns auf den Kopf stellt. Denn wie viele untern uns sind gezwungen, von der Arbeit zu ruhen. Oder beschränkt von zu Hause aus zu arbeiten. In vielen Firmen herrscht Kurzarbeit und viele Betriebe und Arbeitgeber wissen nicht, wie sie die nächsten Wochen, ja vielleicht Monate überstehen sollen. Selbständige haben im Moment kein Einkommen, der Einzelhandel, die Hotels, die Gaststätten – alle geschlossen, alle ohne Arbeit. Für viele eine sehr bedrängende Situation. In dieser Zeit merken wir, wie wertvoll für uns Arbeit ist und mancher ist dankbar, im wahrsten Sinne des Wortes einen krisensicheren Job zu haben.

 

„Es gibt nichts Schlechtes, an dem nicht auch etwas Gutes ist“, so lautet ein altes griechisches Sprichwort, das ich einst im Griechisch-Leistungskurs übersetzt habe. Und so ist es auch im Moment in unserer Zeit der Krise. Denn Krisen bieten immer Chancen, den Blick nach vorne zu richten, den Blick zu richten auf die Zeit danach. Krisen haben auch etwas Gutes an sich. Das Gute, das ich vom Spruch Bonhoeffers her sehe ist ein Doppeltes: zum einen sollte in den Zeiten danach die Arbeit von Menschen, die Leistung, die sie bringen, viel mehr geschätzt und besser bezahlt werden. Gerade im Gesundheitswesen, aber auch in vielen anderen Bereichen müssen wir weg von diesen unterbezahlten Jobs, von denen Menschen kaum leben können, wenn sie nicht noch einen weiteren Job daneben haben. Und auch wenn es kein Gebot zum Arbeiten gibt, sollte es Gebote geben, die regeln, dass Arbeit etwas Wertvolles und Wichtiges ist.

 

Und das zweite: gerade weil wir in diesen Tagen merken, wie wertvoll und wichtig Arbeit ist, sollten wir in der Zeit danach noch viel mehr den Blick darauf richten, dass wir das Ruhen von unserer Arbeit bewusster in unser Leben einbauen. Denn das ist in meinen Augen ein Problem unserer Zeit: durch das dauernde Arbeiten, durch fehlende Ruhe verliert die Arbeit ihren wichtigen Wert. Darum sollten wir für die Zeiten danach überlegen, ob wir wirklich verlängerte Ladenöffnungszeiten brauchen, ob immer und überall auch Sonntags offen sein muss, ob jeder Ort seinen verkaufsoffenen Sonntag braucht. Oder ob wir eben nicht wieder mehr Wert darauf legen, zu sagen: Ruhe und Freizeit haben ihren Sinn und ihren Wert und sind mindestens genauso wertvoll und wichtig wie Arbeit. Und Ruhe und Freizeit helfen eben auch, den Wert der Arbeit wieder höher zu schätzen.

 

In diesen Tagen kann man viel davon lesen, wie Menschen wieder anfangen, Briefe zu schreiben, Kontakte wieder aufzunehmen, die man schon lange aus den Augen verloren hat. Familien nehmen sich Zeit, spielen miteinander, unternehmen gemeinsam das, was möglich. Dies alles aber sollten wir uns für die Zeit „danach“ vornehmen und nicht wieder zurück in den alten Trott fallen. Denn dann setzten wir um, was an Gutem in diesem Gedanken von Bonhoeffer steckt: es ist gut, von der Arbeit zu ruhen, auch wenn das eine Umkehrung unserer Denkweise ist.

 

In diesem Sinne Ihnen allen alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.

 

Ihr Pfarrer Frank Wagner

 

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Gedanken für den 24.3.2020

 

„Gott ist kein zeitloses Fatum, er wartet und antwortet auf aufrichtige Gebete“

 

Dietrich Bonhoeffer

 

Dieses Wort meiner heutigen Gedanken schrieb Dietrich Bonhoeffer 1943 unter dem Titel: “Nach zehn Jahren”. Es ist ein Teil eines längeren Textes, der überschrieben ist mit den Worten „Einige Glau-benssätze über das Walten Gottes in der Geschichte. 1943 –  das war zehn Jahre nach Adolf Hitlers Machtergreifung und nach Beginn des innerkirchlichen Streits um die richtige Positionierung der Pro-testanten gegenüber dem nationalsozialistischen Staat. Dieser innerkirchliche Streit führte dann zur Gründung der Bekennenden Kirche.

 

„Gott ist kein zeitloses Fatum“. Fatum bedeutet übersetzt zeitloses Schicksal oder auch dem Mensch be-stimmtes Schicksal, aufgrund dessen quasi alles im Leben vorgeschrieben ist oder schon feststeht, ohne dass der Mensch etwas machen oder Einfluss darauf nehmen könnte. In Bezug auf Gott bedeutet es, dass Gott einer ist, bei dem schon alles feststeht und der alles schon festgelegt, der nicht mehr abweicht von dem, was beschlossen wurde. Dahinter steckt das Gottesbild der Philosophen, dass Gott, wie es Aristo-teles nannte, ein „unbewegter Beweger“ ist, also einer, der alles in Bewegung brachte, das Schicksal und den Lauf der Welt angestoßen hat und sich dann gewissermaßen um nichts weiteres mehr kümmert.

 

Der Gott der Bibel aber ist anders, er ist eben kein zeitloses Fatum, keiner, der sich von der Welt ver-abschiedet und die Welt sich selber überlassen hat. Ich denke, dass genau dies Bonhoeffer mit seinen Ge-danken hervorheben will. Und weil Gott eben kein unveränderliches Schicksal ist, darum ist er einer, der für uns Menschen ansprechbar, anrufbar ist, zu dem man kommen und den man bitten kann. Und dem es eben nicht egal ist, wie es uns Menschen geht und welches Schicksal wir erleiden, welchen Weg wir gehen. Von Anfang der Bibel ist unser Gott ein mitgehender Gott, einer, der eine enge Beziehung zu den Menschen hat, einer, der sich immer wieder ändert und wandelt und der sich in Jesus dann sogar ganz und gar auf diese Welt einlässt. Und genau darum ist er auch ein Gott, der immer wieder auf unsere Gebete wartet und zu dem wir mit unseren Gebeten zu allen Zeiten kommen können. In den guten Tagen, aber auch und gerade dann, wenn es das Leben uns schwer macht. Und eines ist gewiss: Gott antwortet auf unsere Gebete, vielleicht nicht immer so, wie wir es gerne hätten, aber doch so, dass wir wissen dürfen: unsere Gebete sind bei ihm gut aufgehoben und Gott wird sie erfüllen, auch wenn es dann manchmal ganz anders kommt. Darum bin ich sicher, dass unsere Gebete auch in diesen Zeiten, keine verlorenen Worte sind, sondern von Gott gehört und erfüllt werden.

 

Die kompletten Glaubenssätze von Bonhoeffer mögen uns an diesem und an allen anderen Tagen Kraft geben:

 

Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.

 

Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. in solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.

 

Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten.

 

Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.

 

 

In diesem Sinne Ihnen allen alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.

 

Ihr Pfarrer Frank Wagner

 

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Gedanken für den 23.3.2020

 

„Es gibt erfülltes Leben trotz unerfüllter Wünsche“

 

Dietrich Bonhoeffer

 

Die heutigen Worte schrieb Dietrich Bonhoeffer am 19. März 1944 aus dem Gefängnis an seinen Freund Eberhard Bethge. Am 5. April 1943 war Dietrich Bonhoeffer verhaftet worden und verbrachte von da an sein Leben im Untersuchungsgefängnis der Wehrmacht in Berlin-Tegel. Nachdem er in der ersten Zeit Kontaktverbot hatte, wurde ihm später erlaubt, Besuche zu empfangen und Briefe zu schreiben. Gerade aus den Briefen sind uns viele Gedanken und Sätze von Bonhoeffer überliefert.

 

„Es gibt erfülltes Leben trotz unerfüllter Wünsche“. Schaut man sich die Situation Bonhoeffers an, in der er den Satz geschrieben hat, sind es wieder einmal sehr herausfordernde Sätze. Denn das ist doch das Ziel der meisten unter uns: ein erfülltes, ein glückliches Leben zu führen. Und dazu gehört eben oft, dass man bestimmte Wünsche hat, die man gerne erfüllt bekommt oder sich selber gerne erfüllt. Ein Aufenthalt im Gefängnis freilich, wie es Bonhoeffer erlebt hat, schränkt diese Möglichkeiten freilich rapide ein. Da geht es einfach nicht so einfach und nicht so schnell, dass man sich das erfüllt, was man gerne hätte.

 

Genau das erleben wir in unseren Tagen auch. Einschränkungen des alltäglichen Lebens. Dinge, die vorher selbstverständlich waren, können im Moment nicht verwirklicht werden. Reisemöglichkeiten sind ein-geschränkt, soziale Kontakte reduziert. Und manche Menschen fühlen sich vielleicht gerade ein Stück weit wie in einem Gefängnis, auch wenn sie nicht hinter schwedischen Gardinen sitzen.

 

„Es gibt erfülltes Leben trotz unerfüllter Wünsche“. Mit diesem unscheinbaren und kurzen Satz wirft Dietrich Bonhoeffer tiefgründige Fragen auf, die uns heute direkt ansprechen: was verstehen wir unter einem erfüllten Leben? Welche Wünsche haben wir an das Leben? Was macht mein Leben reich? Was macht mich zufrieden? Darüber nachzudenken, möchte ich sie heute mit meinen Gedanken einladen. Nehmen sie sich doch dafür einfach ein bisschen Zeit.

 

„Es gibt erfülltes Leben trotz unerfüllter Wünsche“. Zu diesem Satz habe ich folgende Worte in einer Predigt von Heinrich Bedford-Strohm gelesen: „In unseren Sehnsüchten und Wünschen immer wieder von neuem den Kontakt mit Gott zu suchen, all das, was uns bewegt, in Gottes Hand zu legen, zu spüren, dass Gott mit uns geht in den guten und in den schweren Zeiten, Frieden zu finden mit Gott und mit uns selbst, das ist erfülltes Leben“ .

 

Ein weiteres Gebet von Dietrich Bonhoeffer möge uns heute durch diesen und alle kommenden Tage leiten:

 

Ich traue deiner Gnade und gebe mein Leben ganz in deine Hand.

 

Mach du mit mir, wie es dir gefällt und wie es gut für mich ist.

 

Ob ich lebe oder sterbe, ich bin bei dir und du bist bei mir, mein Gott.

 

Herr ich warte auf dein Heil und auf dein Reich. Amen.

 

 

In diesem Sinne Ihnen allen alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.

 

Ihr Pfarrer Frank Wagner

 

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Gedanken für den 21.3.2020

 

„Gott liebt den Menschen. Gott liebt die Welt. Nicht einen idealen Menschen, sondern den Menschen, wie er ist, nicht eine Idealwelt, sondern die wirkliche Welt“

 

Dietrich Bonhoeffer

 

Die heutigen Worte Dietrich Bonhoeffers sind sehr tröstliche Worte hineingesprochen in eine Welt, in der scheinbar alles auf dem Kopf steht. Aber diese Worte passen nicht nur zu den gerade erlebten Zeiten, sondern sind auch darüber hinaus gültig. Gott liebt diese Welt. Gott liebt den Menschen. Diese Wort gelten, seid Gott die Welt geschaffen hat und seit es Menschen gibt, die diesen Gott anrufen. Gott liebt die Welt, Gott liebt den Menschen. Und Bonhoeffer macht deutlich, dass diese Liebe Gottes keine Grenzen kennt. Damit unterscheidet sich Gott massiv von dem, wie wir Liebe kennen und wie wir Liebe üben.

 

Gott liebt den Menschen und der muss nicht ideal sein. Bei uns Menschen schon. Wir lieben, wenn wir sympathisch finden, für den wir ein Herz haben, der unserem Idealbild entspricht. Und wer in dieses Schema, in diese Schublade, die wir da ganz schnell aufmachen, nicht hinein passt, den lieben wir dann eben nicht. Der ist uns unsympathisch, mit dem wollen wir nichts zu tun haben, da wollen wir auch nicht hingehen und helfen, wenn der andere unsere Hilfe braucht.

 

Gott liebt die Welt und diese muss keine Idealwelt sein, sondern die wirkliche Welt. Auch wir lieben die Welt vor allem, wenn alles gut und glatt geht, wenn alles passt, alles reibungslos ist. Aber wehe, die Welt gerät irgendwie aus den Fugen, dann verstehen wir im wahrsten Sinne des Wortes Gott und die Welt nicht mehr. Dann tun wir uns schwer damit diese Welt und das, was wir in ihr erleben, zu lieben.

 

Gott liebt den Menschen, Gott liebt die Welt. Den Menschen, so wie er ist, keine Idealwelt, sondern die wirkliche Welt. Und diese Liebe Gottes steht und bleibt, egal was kommt, egal wie es mit jedem unter uns weitergeht. Gottes Liebe steht und bleibt und darauf dürfen wir uns verlassen. Und mit dem Vertrauen auf Gottes Liebe dürfen wir in dieser Welt und zusammen mit allen Menschen leben. In der realen Welt mit all den ganz realen Menschen. Egal, was kommt, egal, was sein wird.

 

Ein weiteres Gebet von Dietrich Bonhoeffer möge uns darum heute durch diesen und alle kommenden Tage leiten:

 

Herr Jesus Christus,
du warst arm und elend, gefangen und verlassen wie ich.
Du kennst alle Not der Menschen,
du bleibst bei mir, wenn kein Mensch mir beisteht
du vergisst mich nicht und suchst mich,
du willst, dass ich dich erkenne und mich zu dir kehre
Herr, ich höre deinen Ruf und folge.
Hilf mir!
Heiliger Geist,
gib mir den Glauben, der mich vor Verzweiflung und Laster rettet
Gib mir die Liebe zu Gott und den Menschen, die allen Haß und alle Bitterkeit vertilgt,
gib mir die Hoffnung, die mich befreit von Furcht und Verzagtheit.
Lehre mich Jesus Christus erkennen und seinen Willen tun. Amen.

 

In diesem Sinne Ihnen allen alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.

 

Ihr Pfarrer Frank Wagner

 

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Gedanken für den 20.3.2020

 

„Gott gibt Zeiten der Sorge und Angst und Gott gibt Zeiten der Freude“

 

Dietrich Bonhoeffer

 

Die heutigen Worte Dietrich Bonhoeffers sind offen und ehrlich und realistisch und zugleich enthalten sie auch viel Trost. Offen und ehrlich und realistisch, weil es genauso ist in unserem Leben: da gibt es Zeiten der Sorge und der Angst, so wie wir sie im Moment erleben. Viele unter uns sind voller Sorge und Angst, was noch alles auf uns zukommen wird. Welche weiteren Einschränkungen werden wir in den nächsten Tagen noch auf uns nehmen müssen? Wird es vielleicht sogar eine Ausgangssperre geben? Und wenn ich erkranken sollte, wird dann die nötige medizinische Versorgung vor Ort sein? Wie lange wird überhaupt alles noch dauern und was wird dann die Zukunft bringen? Viele solcher und anderer Fragen beschäftigen die Menschen unserer Tage. „Gott gibt Zeiten der Sorge und der Angst“. Ja, das gehört nicht nur in diesen Tagen zu unser aller Leben hinzu, dass wir, auch wenn wir es nicht wollen, immer wieder schwere Zeiten zu durchleben haben.

 

Ob Dietrich Bonhoeffer bei seinen Worten an den Prediger Salomo aus dem Alten Testament gedacht hat? Schon bei ihm heißt es, wenn auch in anderen Worten: alles hat seine Zeit. Und dann beschreibt auch er, dass es im Leben von Menschen die unterschiedlichsten Zeiten gibt: lachen und weinen, geboren werden und sterben, suchen und verlieren, klagen und tanzen und vieles andere mehr. Schon bei ihm findet sich dieser realistische Blick auf unser Leben, dass es eben immer zwei Seiten in unserem Leben gibt.

 

Das Schöne an Bonhoeffers Wort ist, dass es auch ein Wort des Trostes ist, gerade in diesen Zeiten: Gott gibt – und ich ergänze auch wieder – Zeiten der Freude. Ja, ich bin davon überzeugt, dass die dunklen Tage irgendwann ein Ende haben und Gott uns wieder Freude schenken wird. Dass nach dem Dunkel der Nacht ein neuer Morgen anbrechen wird. Und auch wenn wir nicht absehen können, wann diese Zeit da sein ist, für mich ist eines sicher und gewiss: ganz egal, welche Zeiten wir durchleben, es sind immer Zei-ten, in denen Gott an unserer Seite ist. Denn all unsere Zeit steht allein in Gottes Händen. In denen dürfen wir uns geborgen fühlen, ganz egal, welche Zeiten wir durchleben.

 

Ein weiteres Gebet von Dietrich Bonhoeffer möge uns darum heute durch diesen und alle kommenden Tage leiten:

 

Vater im Himmel,

Lob und Dank sei dir für die Ruhe der Nacht,

Lob und Dank sei dir für den neuen Tag.

Lob und Dank sei dir für alle deine Güte und Treue

in meinem vergangenem Leben. Du hast mir viel Gutes erwiesen,

lass mich nun auch das Schwere aus deiner Hand hinnehmen.

Du wirst mir nicht mehr auflegen als ich tragen kann.

Lass deinen Kindern alle Dinge zum Besten dienen.

Herr, was dieser Tag auch bringt –  dein Name sei gelobt. Amen.

 

In diesem Sinne Ihnen allen alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.

 

Ihr Pfarrer Frank Wagner

 

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Gedanken für den 19.3.2020

 

„Ich bin kleinmütig, aber bei dir ist die Hilfe, ich bin unruhig, aber bei dir ist Frieden.“

 

Dietrich Bonhoeffer

 

Die heutigen Worte meiner Gedanken hat Dietrich Bonhoeffer als Morgengebet in seiner Zeit im Gefängnis formuliert. Was mir dabei sofort ins Auge sticht ist dieses Wort „kleinmütig“. Ein Wort, das mir in meiner Umgebung und meinem Wortschatz selten bis gar nicht begegnet. Was mir begegnet, das ist das, was sich dahinter verbirgt: Kleinmut bezeichnet Angst, Ängstlichkeit. Kleinmut ist ein Mangel an Mut, ein Mangel an Entschlusskraft. Kleinmut ist eine etwas abgeschwächte Form der Mutlosigkeit. Und das wiederum ist etwas, was ich, was wir alle aus unserem Leben kennen. Und das nicht nur seit der Zeit der Krise durch Corona. Ich glaube, da hat jeder unter uns so seine eigenen Situationen vor Augen, in denen ihn diese Gefühle betreffen.

 

Situationen, in denen wir kleinmütig sind, sind Situationen, in denen wir Hilfe brauchen. Dietrich Bon-hoeffer hat in seinen Momenten des Kleinmutes seine Hilfe bei Gott gefunden: „aber bei dir ist die Hilfe“. Trotz seiner schweren Zeit im Gefängnis trotz allen Kleinmutes, trotz aller Verzweiflung, trotz aller Fra-gen über die Zukunft hat er Gott nicht aufgegeben, sondern sich an ihn gewandt. In dem Glauben und dem Vertrauen, dass Gott auch in diesen schweren Tagen an seiner Seite ist. Gerade das Gebet war für ihn so etwas wie eine „Versicherung“, dass Gott da ist, dass Gott ihn nicht alleine lässt, dass Gott ihm die Kraft gibt, das zu bestehen, was vor ihm liegt.

 

Mit Dietrich Bonhoeffer dürfen aber auch wir in unseren Tagen an diese Versicherung im Gebet glauben, uns mit unserem Kleinmut, der Not, der Verzweiflung an Gott wenden, weil auch wir darin die Nähe und Begleitung durch Gott erfahren dürfen, der auch uns nicht alleine lässt, sondern an unserer Seite steht, egal was kommt.

 

Das ganze Gebet Bonhoeffers möge uns darum heute durch diesen und alle kommenden Tage leiten:

 

Gott, zu dir rufe ich in der Frühe des Tages.

Hilf mir beten und meine Gedanken sammeln zu dir, ich kann es nicht allein.

In mir ist es finster, aber bei dir ist Licht;

ich bin einsam, aber du verlässt mich nicht;

ich bin kleinmütig, aber bei dir ist die Hilfe;

ich bin unruhig, aber bei dir ist der Friede;

in mir ist Bitterkeit, aber bei Dir ist die Geduld;

ich verstehe deine Wege nicht, aber du weißt den Weg für mich.

Vater im Himmel, Lob und Dank sei dir für die Ruhe der Nacht, Lob und Dank sei dir für den neuen Tag. Lob und Dank sei dir für alle deine Güte und Treue in meinem vergangenen Leben.

Du hast mir viel Gutes erwiesen, lass mich nun auch das Schwere aus deiner Hand hinnehmen.

Du wirst mir nicht mehr auflegen, als ich tragen kann.

Du lässt deinen Kindern alle Dinge zum Besten dienen.

Herr, was dieser Tag auch bringt, dein Name sei gelobt! Amen.

 

In diesem Sinne Ihnen allen alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.

 

Ihr Pfarrer Frank Wagner

 

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Gedanken für den 18.3.2020

 

„Es gibt zwei Möglichkeiten, einem Menschen, der von einer Last gedrückt wird, zu helfen. Entweder man nimmt ihm die ganze Last ab, so dass er künftig nichts mehr zu tragen hat. Oder man hilft ihm tragen, in dem man ihm dies Tragen leichter macht. Jesus will nicht den ersten Weg mit uns gehen.“

 

Dietrich Bonhoeffer

 

Corona-Krise in aller Munde. Menschen werden von einer schweren Last gedrückt, von der Bonhoeffer spricht. Bei uns vor Ort: Geschäfte geschlossen, Gaststätten öffnen zu beschränkten Zeiten. Touristen werden aufgefordert, nach Hause zu fahren, ja mehr noch, es ist ihnen verboten, länger zu bleiben. Hotels schließen, Mitarbeiter werden in Zwangsurlaub geschickt, manche in Kurzarbeit, manche sogar entlassen. Geschäftsleute müssen ihre Geschäfte schließen und viele drückt die Last, ob es nach der Corona-Krise mit ihrem Geschäft weitergehen wird. Existenzen sind in Gefahr.

 

Die momentanen und sicher auch nötigen Maßnahmen der Beschränkung zwingen jeden zum Umstellen der Lebensweise. Dabei ist zu beobachten, dass es die einen ganz locker nehmen: soziale Kontakte wer-den weiterhin uneingeschränkt aufrecht gehalten, Orte, an denen die Ansteckungsgefahr groß ist, trotz-dem aufgesucht und warum soll ich in diesen Tagen zu Hause bleiben? Die anderen freilich sind voller Sorge, die Last dieser Krise drückt schwer, was sich nicht nur in den Hamsterkäufen zeigt. Viele fragen sich, wie es persönlich sein wird, wenn noch mehr Einschränkungen kommen. Und was wird sein, wenn ich wirklich am Corona-Virus erkranke? Kann mir die Medizin helfen? Werde ich ganz und gar allein zu Hause bleiben müssen.

 

Ja, die Last dieser Tage drückt und betrifft uns alle. Und sie fordert von uns Solidarität, gerade mit den Schwachen und Anfälligen. “Wir werden diese Situation bewältigen, wenn wir zusammenstehen, wenn wir besonnen bleiben und aufeinander Acht geben”, sagte dazu Gesundheitsminister Jens Spahn. Und das geht genau in die Richtung, von der Bonhoeffer schreibt, wenn Menschen eine Last drückt. Denn die aktuelle Situation zeigt, dass wir das eine zumindest im Moment gar nicht können: Menschen die ganze Last abnehmen. Das können wir gar nicht, weil wir dazu viel zu eingeschränkt sind. Aber das zweite, das können wir: helfen und das Tragen leichter machen. Das beginnt da, wo wir gerade in diesen Zeiten nicht nur auf uns blicken, sondern den anderen, den Mitmenschen im Blick haben. Hamsterkäufe helfen mir, aber nicht dem, der vielleicht von seiner schmalen Rente auf günstige Angebote angewiesen ist. Ich mag in einer harmonischen Familie leben, die mir den nötigen Halt gibt, aber andere sind gerade jetzt besonders einsam und allein. Meine Kinder sind gut versorgt oder alt genug, sich selber zu versorgen, so dass für mich das Thema der Schulschließung kein Problem ist. Andere aber wissen nicht, wo sie ihre Kinder unterbringen können, weil Opa und Oma als Risikogruppe ausfallen. Genau darum sind wir jetzt alle gefragt, wo wir – im Rahmen der vorgegebenen Möglichkeiten – dem Nächsten helfen können, seine Last zu tragen. Ganz viele bieten inzwischen an, für andere einzukaufen. Das ist schön und gut, aber das allein reicht nicht, wenn jemand zu Hause für ganz banale Dinge des Alltags Hilfe braucht. Auch da ist unsere Hilfe und Solidarität gefordert. Und besonders wichtig finde ich, dass die sozialen Kontakte jetzt nicht abbrechen, sondern über so ganz alte Mittel wie Telefon oder ähnliches aufrecht erhalten werden. Wenn wir darüber nachdenken, dann fallen uns da noch viele, viele andere Möglichkeiten und Beispiele ein.

 

Und damit sind wir dann auch in der Nachfolge von Jesus, der, wie es Bonhoeffer schreibt, genau das von uns möchte: dem anderen tragen helfen und ihm das Tragen seiner Lasten dadurch leichter zu machen. Das ist Nachfolge in unseren Tagen und diese Nachfolge kann jeder verwirklichen, ob getaufter Christ oder nicht, ob in der Kirche und im Glauben verwurzelt oder eher distanziert. Du wichtig ist auch auf den Schlusssatz von Bonhoeffer zu hören: Jesus will und wird diesen Weg mit uns gehen. Oder anders gesagt: in diesen Zeiten der Last dürfen wir darauf vertrauen, dass Jesus ganz an unserer Seite ist. So wie er es versprochen hat: siehe ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

 

In diesem Sinne Ihnen allen alles Gute und Gottes Segen – und bleiben Sie gesund.

 

Ihr Pfarrer Frank Wagner

 

Hier auch nochmal zum Nachlesen:

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