"Das Gesetz ändert sich, das Gewissen nicht"

Predigt im Gottesdienst anlässlich des 100ten Geburtstag von Sophie Scholl - Rogate - 9.5.2021


Vorbemerkung Heute am 9. Mai ist vor 100 Jahren Sophie Scholl geboren. Sie war im 3. Reich als Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus tätig und gehörte der Widerstandsgruppe „Die weiße Rose“ an. 1943 wurde sie verhaftet und wenige Tage später hingerichtet. An sie erinnert heute die Predigt, an ihr Leben, an ihr Engagement, an ihren Glauben, an ihre Ideale. Darum gibt es vorab einen kleinen Überblick über das Leben von Sophie Scholl und hinführende Zitate von ihr.

 

 

Aus dem Leben von Sophie Scholl

1921

 

 

Am 9. Mai 1921 wird Sophie Scholl in Forchtenberg im württembergischen Kochertal geboren als Tochter des liberalen Bürgermeisters Robert Scholl und dessen Frau Magdalena. Sie hat fünf Geschwister: Hans, Elisabeth, Inge, Werner und Traute. Nach Ablauf der Amtszeit des Vaters in Forchtenberg zog die Familie Scholl 1930 zunächst nach Ludwigsburg und 1932 nach Ulm, wo Robert Scholl (1891 - 1973) als Steuerberater und Wirtschaftsprüfer arbeitete.

1932

 

 

 

Sophie Scholl wächst in Ulm auf, ab 1932 erfolgt der Besuch der Oberrealschule.

Sie wird in christlich-humanistischem Geist erzogen. Wie ihr Bruder Hans glaubt sie zunächst an das von der NSDAP propagierte Gemeinschaftsideal und tritt dem Bund Deutscher Mädel (BDM) bei. Aus anfänglicher Begeisterung wird bald Kritik. Sie bemerkt die andere politische Orientierung ihres Vaters und von Freunden. Die politische Haltung wird für sie nun wichtig bei der Wahl von Freundschaften.

1937

 

 

 

Die Verhaftung ihres Bruders und dessen Freunden, die sich in der Bündischen Jugend engagieren, im Jahre 1937 prägt sich ein. Sie selber wird auch von der Gestapo verhört. Zeichnen und Malen gehen ihr leicht von der Hand. Sie findet ersten Kontakt zu so genannten "entarteten" Künstlern. Sie beschäftigt sich stark mit Literatur, mit zunehmender Neigung zur Philosophie und Theologie. Hier findet sie ihre Gegenwelt zum Nationalsozialismus.

1940

 

 

Sophie Scholl beginnt eine Ausbildung zur Kindergärtnerin. Durch Eindrücke während des Arbeits- und Kriegshilfsdienstes entwickelt sich ihre Abwehrhaltung gegenüber dem NS-Regime weiter. Im Mai beginnt ihr Biologie- und Philosophie-Studium in München und sie lernt den Freundeskreis ihres Bruders Hans mit Alexander Schmorell kennen. Im Som-mer besucht sie mit ihrem Bruder die Leibnitz-Vorlesungen von Professor Kurt Huber an der Münchner Uni. Willi Graf und Kurt Huber stoßen zum Freundes-und Gesprächskreis von Hans Scholl und Alexander Schmorell hinzu.

 

1942

 

 

Hans Scholl und Alexander Schmorell entwerfen und verbreiten vom 27. Juni bis zum 12. Juli die ersten vier Flugblätter der Weißen Rose. Wahrscheinlich sind Christoph Probst und Sophie Scholl im Sommer bereits eingeweiht.

Ab 23. Juli absolvieren Hans, Alexander und Willi Graf ihre „Frontfamulatur“ an der Ostfront. Dabei werden sie auch Beobachter des Leids im Warschauer Ghetto.

1942

 

 

 

Robert Scholl, der Vater von Hans und Sophie Scholl, wird im Oktober wegen Bemerkungen gegen Hitler inhaftiert und erhält anschließend Berufsverbot. Scholl hatte Hitler in seinem Büro als eine „große Gottesgeißel“ bezeichnet und prophezeit, wenn Deutschland den Krieg nicht beende „werden in zwei Jahren die Russen in Berlin stehen“. Dies führte bei Sophie Scholl mit dazu, sich dem Nationalsozialismus so entschlossen entgegenzustellen.

Traute Lafrenz bringt im November Weiße-Rose-Flugblätter nach Hamburg und verteilt sie dort an Gleichgesinnte.

1943

 

 

Das fünfte Flugblatt erscheint am 27. Januar. Willi Graf und Sophie Scholl haben erstmals bei der Herstellung mitgearbeitet. Die Mitglieder der Gruppe „Die weiße Rose“ verteilen rund 5000 Exemplare nachts in der Münchner Innenstadt. Über Freunde wird das Flugblatt auch in Köln, Berlin, Wien und Stuttgart verteilt und führt zu einer intensiveren Fahndung nach den Urhebern.

 

1943

 

 

Anfang Februar verlieren die Wehrmacht und ihre Verbündeten die Schlacht um Stalingrad. Am 4. Februar malen Alexander Schmorell und Hans Schmoll Parolen „Nieder mit Hitler“ in München an Häuserwände. Prof. Huber verfasst das sechste Flugblatt, es wird vom 12. bis 16. verteilt. Es ist ein Aufruf, das NS-Regime zu stürzen und ein neues geistiges Europa zu errichten.

Am 18. Februar werden Hans und Sophie Scholl im Lichthof der Universität München entdeckt und verhaftet, als sie dort Flugblätter verteilen.

1943

 

 

Die Geschwister Scholl und Christoph Probst werden am 22. Februar vom Volks-gerichtshof unter Vorsitz von Roland Freisler zum Tode verurteilt. Das Urteil wird noch am selben Tag durch die Guillotine vollstreckt. Auch die anderen Mitglieder der Gruppe werden nach und nach verhaftet, zum Tode verurteilt und hinge-richtet.

 

1943

 

Im Dezember werfen britische Bomber das sechste Flugblatt der Weißen Rose über Deutschland ab.

 

„Steh zu den Dingen, an die du glaubst. Auch, wenn du alleine dort stehst:“

 

Zitate von Sophie Scholl

 

„Ich kann es nicht begreifen, dass nun dauernd Menschen in Lebensgefahr gebracht werden von anderen Menschen. Ich kann es nie begreifen und ich finde es entsetzlich. Sag nicht, es ist für´s Vaterland.“

„Was wir sagten und schrieben, denken ja so viele. Nur wagen sie nicht, es auszusprechen.“

 

So ein herrlicher Tag, und ich soll gehen. Aber was liegt an unserem Leben, wenn wir es damit schaffen, Tausende von Menschen aufzurütteln und wachzurütteln.“

Steh zu den Dingen, die du glaubst. Auch, wenn du alleine dort stehst.

 

„Einer musste ja schließlich damit anfangen.“

 

„Ich bin nach wie vor der Meinung, das Beste getan zu haben, was ich gerade jetzt für mein Volk tun konnte. Ich bereue deshalb meine Handlungsweise nicht und will die Folgen, die mir aus meiner Handlungsweise erwachsen, auf mich nehmen.“

(Antwort auf die Abschlussfrage, ob sie "nicht doch zu der Auffassung gekommen [sei], dass [ihre] Handlungsweise und das Vorgehen gemeinsam mit Ihrem Bruder und anderen Personen gerade in der jetzigen Phase des Krieges als ein Verbrechen gegenüber der Gemeinschaft insbesondere aber unserer im Osten schwer und hart kämpfenden Truppen anzusehen ist, das die schärfste Verurteilung finden muss.)

 

Predigt

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei nun mit uns allen. Amen.

 

Liebe Gemeinde,

das Gesetz ändert sich, das Gewissen nicht. Und: „Einer muss ja doch schließlich damit anfangen. Was wir sagten und schrieben, denken ja so viele. Nur wagen sie nicht, es auszusprechen.“

 

Diese beiden Sätze stammen von Sophie Scholl, aus deren Leben wir ja im Eingangsteil schon einiges gehört haben. Vor genau 100 Jahren wurde sie geboren. Sie, die der Widerstandsgruppe der weißen Rose angehörte. Ein Name, der nach Auskunft ihres Bruders Hans, eher willkürlich gewählt wurde. Und mit den anderen aus dem Kreis der weißen Rose hat sie gewagt anzusprechen, was andere nicht wagten. Sie und die anderen Mitglieder der Gruppe verteilten Flugblätter. Darin riefen sie zum Widerstand gegen das Hitlerregime auf: das erste Flugblatt greift dabei den Schock über das beginnende Flächenbomardement der deutschen Städte durch die Alliierten in der Bevölkerung auf. Das zweite Flugblatt verurteilt den Mas-senmord an den Juden in Polen als das fürchterlichste Verbrechen an der Würde des Menschen. Die schweigenden Deutschen trügen dafür die Mitschuld. Diese beiden Flugblätter werden im Juni und Juli 1942 verteilt.

 

Im Januar und Februar entstehen zwei weitere Flugblätter, die von der Überzeugung der Gruppe zeugen, dass Hitler gestoppt werden muss. „Hitler kann den Krieg nicht gewinnen, sondern nur verlängern“ so Zeilen aus dem fünften Flugblatt. Das sechste und letzte Flugblatt steht unter dem Eindruck der katastrophalen deutschen Niederlage bei Stalingrad und wendet sich direkt an die Mitstudierenden in München.

 

Am 18. Februar 1943 gegen 11.00 Uhr legen die Geschwister Scholl das sechste Flugblatt vor den Hörsälen der Münchner Universität aus. Überzählige Blätter lassen sie in den Lichthof fallen. Dabei werden sie vom Hausmeister Jakob Schmid beobachtet, dem es gelingt, die beiden festzuhalten. Beide werden sofort von der Gestapo verhaftet. Einen Tag später fasste man auch Christoph Propst, ein weiteres Mitglied der Weißen Rose. In Rekordzeit – schon vier Tage später - stellte man die drei vor Gericht. Recht sollte nicht gesprochen werden. Es war ein im Schnellverfahren durchgepeitschter Schauprozess.

 

Aus Berlin wurde Roland Freisler eingeflogen, der Präsident des Volksgerichtshofes; er war berüchtigt dafür, andere niederzubrüllen und zu erniedrigen. Und doch kam auch er nicht umhin, Sophie nach ihrem Motiv zu fragen. Und sie antwortete:

 

„Einer muss ja doch schließlich damit anfangen. Was wir sagten und schrieben, denken ja so viele. Nur wagen sie nicht, es auszusprechen.“

 

Weil sie es wagte, kann sie (heute) am 9. Mai 2021 nicht ihren einhundertsten Geburtstag feiern – zugegeben ein hohes Alter, welches sie wohl nicht erreicht hätte. Aber es sagt auch kein Kind von ihr, kein Enkel: „Heute hätte die Mama, heute hätte die Oma Geburtstag.“ Denn Sophie Scholl zahlte einen hohen Preis für ihren Mut. Am 22. Februar 1943 wurde sie zum Tod verurteilt. Kurz nach der Urteilsverkündung - noch am gleichen Tag - schlug man ihr und ihrem Bruder Hans und Christoph Probst in der Justizvollzugsanstalt München-Stadelheim mit der Guillotine den Kopf ab. Andere Mitglieder der Weißen Rose sollten bis Kriegsende noch folgen.

 

„Einer muss ja doch schließlich damit anfangen. Was wir sagten und schrieben, denken ja so viele. Nur wagen sie nicht, es auszusprechen.“

 

78 Jahre ist das jetzt her. Aber vergessen ist Sophie Scholl nicht. Nicht in München, nicht in Deutschland, auf der ganzen Welt kennt man diese 21-jährige Frau. Schulen, Plätze, Straßen sind nach ihr benannt, ihre Büste steht in der Ruhmeshalle der Walhalla. Sogar zwei evangelische Gemeinden haben sich nach ihr benannt.

 

Wenn wir nun heute an sie denken und die Daten aus ihrem Leben hören, wenn wir dieses Wort hören „einer muss ja schließlich damit anfangen“, dann fragen wir uns: was gab dieser jungen Frau und ihren Freunden den Mut gegen Hitler anzutreten? Was hat dazu geführt, dass sie mit den anderen diesen Weg gegangen ist?

 

Niemand wird darauf eine erschöpfende Antwort geben können. Und doch gibt es ein paar rote Fäden im Leben von Sophie Scholl, die bei der Antwort weiterhelfen. Gemeinsam ist all diesen Fäden, dass sie mit ihrem Glauben zu tun haben.

 

Da wäre einmal das Elternhaus. Von der Mutter, Magdalena Scholl, Lina genannt, kam so etwas wie das Fundament von Sophies Glauben: Abendgebet, Lieder, Kirchgang, Psalmen und die Geschichten der Bibel, damit ist sie groß geworden. Aber ohne Zwang und Angst, Lina Scholl erzählte ihren Kindern vielmehr von einem freundlichen Gott, von einem liebenden Heiland, der Mensch geworden, um die Welt zu erlösen und nun unsichtbar über alle wachte. Das Lebensmotto der Mutter lautete: „Es geht, wie Gott will“. Überliefert sind die Worte zwischen Mutter und Tochter, kurz vor der Hinrichtung bei einem letzten Besuch im Gefängnis. Sie gehen heute noch zu Herzen: „Nun wirst du also gar nie mehr zur Türe hereinkommen“ sagt Lina Scholl zu ihrer Sophie. Und dann zum Abschied: „Gelt, Sophie, Jesus.“ „Ja, aber Du auch.“ antwortet die Tochter.

 

Der Vater war weniger kirchlich, aber gerade von ihm kam dieser mutige trotzige Glaube. Als Roland Freisler ihn beim Prozess aus dem Gerichtssaal werfen lässt, ruft er ihm laut zu: „Es gibt noch eine andere Gerechtigkeit.“ Dabei war Robert Scholl selber schon vorbestraft. Er hatte Hitler eine „Gottesgeißel“ genannt und wurde 1942 dafür zu vier Monaten Gefängnis verurteilt. Sophie spielte ihrem Vater mit der Flöte vor den Mauern der Justizvollzugsanstalt Ulm die Melodie des alten Widerstandsliedes „Die Gedanken sind frei“ vor, wir haben es darum auch vorhin gesungen. In dessen vierter Strophe heißt es:

 

Und sperrt man mich ein im finsteren Kerker, das alles sind rein vergebliche Werke; denn meine Gedanken zerreißen die Schranken und Mauern entzwei: die Gedanken sind frei.

 

In ihren Tagebüchern und in Briefen schreibt Sophie Scholl viel über ihren Glauben. Immer wieder betont sie, wie wunderbar Gott diese Welt geschaffen hat. Ob das bei der Namenswahl der Gruppe eine Rolle spielte? „Weiße Rose“ - Rosen sind etwas Lebendiges, Schönes, Anmutiges. Zeichen der Hoffnung. Für Sophie sogar Ausdruck von Gnade. In ihr Tagebuch schreibt sie als 19jährige:

 

Auf meinem Nachttisch stehen zwei Rosen. An die Stiele und das Blatt, die ins Wasser hängen, haben sich winzige Perlen gereiht. Wie schön und rein dies aussieht, welch kühlen Gleichmut es ausstrahlt. Dass es dieses gibt. Dass der Wald so einfach weiterwächst, das Korn und die Blumen, dass Wasserstoff und Sauerstoff sich zusammengetan haben zu solch wunderbaren lauwarmen Sommerregentropfen. Manchmal kommt mir dies mit solcher Macht zu Bewusstsein, dass ich ganz voll davon bin und keinen Platz mehr habe auch nur für einen einzigen Gedanken. Dies alles gibt es, trotzdem sich der Mensch inmitten der ganzen Schöpfung so unmenschlich und nicht einmal tierisch aufführt. Allein dies ist schon eine große Gnade.

 

Einen Tag vor ihrer Verhaftung schreibt Sophie Scholl einen Brief an ihre Freundin Lisa. Sie hört dabei ein Musikstück. Es ist das Forellenquintett von Schubert. Ein Stück, das die Melodie eines Liedes über eine „launische Forelle“ aufgenommen hat.

 

„Ich lasse mir gerade das „Forellenquintett“ vom Grammophon vor-spielen. Am liebsten möchte ich da selbst eine Forelle sein, wenn ich mir das Andantino anhöre. Man kann ja nicht anders als sich freuen und lachen. Man spürt und riecht in diesem Ding von Schubert förmlich die Lüfte und Düfte und vernimmt den ganzen Jubel der Vö-gel und der ganzen Schöpfung. Die Wiederholung des Themas durch das Klavier – es kann einen entzücken. Oh, ich freue mich so auf den Frühling.“ „Oh, ich freue mich so auf den Frühling.“ Sophie hat keinen Frühling mehr erlebt.

 

Neben diesem dankbaren Wahrnehmen von Gottes Schöpfung hatte Sophie Scholl eine weitere Kraftquelle: Das Gebet. Bei einem Menschen, der Hitler und seinem scheinbar allmächtigen Unrechtsregime die Stirn bot, da würde man vielleicht Gebete von Stärke und Glaubenssicherheit und von einem unerschütterlichen Gottvertrauen erwarten. Jedoch genau das Gegenteil ist der Fall. In ihren Gebeten ist von Selbstzweifel die Rede und von Verzagtheit. Sie selbst charakterisiert ihr Beten als das Stammeln eines schwachen und für Gott tauben Menschen. Sophie Scholl empfindet sich selbst nicht als blühende dornenbewehrte Rose, sondern vielmehr als Wüste. So schreibt sie an ihren Freund an der Ostfront, Fritz Hartnagel:

 

„.... gegen die Dürre des Herzens hilft nur das Gebet, und sei es noch so arm und klein... so will ich es Dir und mir stetig wiederholen: Wir müssen beten, und für einander beten, und wärest du hier, ich wollte die Hände dir falten, denn wir sind arme Kinder, schwache Sünder …. Ich bin Gott so ferne, dass ich ihn nicht einmal im Gebet spüre. Ja manchmal, wenn ich den Namen Gott ausspreche, will ich in ein Nichts versinken. Doch hilft dagegen nur das Gebet, und wenn in mir noch so viele Teufel rasen, ich will mich an das Seil klammern, das mir Gott in Jesus Christus zugeworfen hat, auch wenn ich es nicht mehr in meinen erstarrten Händen fühle.“

 

Ein dritter roter Faden ist die Prägung durch Philosophen, Staatsdenkern und Schriftstellern, deren Gedanken sich gerade in den Flugblättern wiederfinden. Gedanken, die darauf hinweisen, dass der Staat den Zweck habe, dem Menschen zu dienen, seine individuelle Freiheit zu sichern und seine geistige Entfaltung zu fördern. Das NS-Regime habe das Verhältnis zwischen Mensch und Staat pervertiert und dem Einzelnen jede Freiheit genommen. Jeder Mensch sei daher sittlich verpflichtet, gegen ein solches totalitäres und mörderisches Regime Widerstand zu leisten. Dazu ein Zitat vom Philosophen Johann Gottlieb Fichte, das diese Haltung wie folgt zum Ausdruck bringt: "Und handeln sollst du so/ Als hinge von dir und deinem Tun allein/ Das Schicksal ab der deutschen Dinge/ Und die Verantwortung wär´ dein."

 

„Einer muss ja doch schließlich damit anfangen. Was wir sagten und schrieben, denken ja so viele. Nur wagen sie nicht, es auszusprechen.“

 

Sophie hat angefangen. Und viele haben weitergemacht. Bis zum heutigen Tag wagen Menschen einzutreten für ihre Hoffnungen, ihren Glauben, ihre Sehnsucht nach Freiheit, so in Belarus und Russland, in Hongkong und in Myanmar. Sie alle haben wie Sophie Scholl angefangen und sind aufgestanden gegen das Unrecht in dieser Welt. Manch einer davon bezahlte dafür mit seinem Leben. Aber gerade weil diese Welt so ist, wie sie ist, darum ist die Erinnerung an Sophie Scholl so wichtig. Und die Erinnerung ist zugleich eine Mahnung an uns, eine Aufforderung an uns alle: es ist die Aufgabe eines jeden Einzelnen, aufzustehen und damit anzufangen, wo die Würde eines Menschen verletzt wird. Wo Unterschiede zwischen Menschen gemacht werden und Menschen diskriminiert werden wegen ihrer Herkunft, ihrer Hautfarbe, ihrer Kultur, ihrer Religion, ihrer sexuellen Orientierung oder aus sonst irgendeinem anderen Grund. Zu sagen und zu schreiben wagen, wo es nötig ist. Zu widersprechen gegen jede Form von Rassismus, gegen Antisemitismus, Islamfeindlichkeit. Ob sie nun in der Öffentlichkeit passiert oder, was ja noch viel häufiger ist, in Gesprächen, die oft im privaten Bereich ablaufen. Wenn wir uns an Sophie Scholl erinnern, dann sind wir ihr das schuldig. Heute an ihrem 100ten Geburtstag.

 

„Einer muss ja doch schließlich damit anfangen. Was wir sagten und schrieben, denken ja so viele. Nur wagen sie nicht, es auszusprechen.“

 

In Deutschland gibt es die Freiheit auszusprechen, was ich denke und glaube. Aber diese Freiheit ist zerbrechlich und braucht mutige Menschen, die sie bewahren und verteidigen. Bewahren und verteidigen gegen alle Querdenker und Verschwörungstheoretiker, gegen alle, die meinen mit dumpfen Parolen Stimmung machen zu müssen. Bis hin zu jenem unsäglichen Auftritt jener „Querdenker-Demonstrantin“ Jana, die sich nicht scheute, sich mit Sophie Scholl zu vergleichen: „Ich fühle mich wie Sophie Scholl, da ich seit Monaten aktiv im Widerstand bin, Reden halte, auf Demos gehe, Flyer verteile und auch seit gestern Versammlungen anmelde“. Nein, liebe Jana, du bist nicht Sophie Scholl. Und du hast keine Ahnung, was für Sophie damals auf dem Spiel stand. Würdest du nicht in einer Demokratie leben und die Freiheit haben, offen deine Meinung zu sagen, sondern wie Sophie um den Leben fürchten musst, wenn du so offen Widerspruch leistet, wärest du die letzte, die sich traut, etwas zu sagen. Wer so spricht, verhöhnt den Mut, den es brauchte, um Haltung gegen die Nazis zu zeigen, wie Sophie Scholl es gemacht hat.

 

Ja, liebe Gemeinde, deshalb ist es so wichtig, Menschen wie Sophie Scholl und ihre Überzeugungen und ihre Taten nicht zu vergessen; sich immer wieder neu daran zu erinnern, was sie wagte und was sie dachte, was sie uns hinterließ. Und darum soll sie soll heute das letzte Wort haben. Es ist ein Gebet aus ihrem Tagebuch:

 

 

Mein Gott,
wie ein dürrer Sand ist meine Seele,
wenn ich zu Dir beten möchte,
nichts anderes fühlend als ihre eigene Unfruchtbarkeit.
Mein Gott,
wie ein dürrer Sand ist meine Seele.
Verwandle Du diesen Boden in eine gute Erde,
damit dein Samen, dein Wort nicht umsonst in sie falle,
wenigstens lasse auf ihr die Sehnsucht wachsen
nach Dir, ihrem Schöpfer.

Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Herr unser Gott, wir sind berührt, welche Wege du mit Menschen gehst, wir sind berührt davon, wie tief der Glaube und das Vertrauen Menschen prägen und bestimmen kann. Immer wieder wünschen wir uns solche Eindeutigkeit für uns selber, den Mut und die Geduld, die Kraft und die Ausdauer, die dafür nötig sind. Wir brauchen Vorbilder, Gott, und unsere Kinder brauchen Vorbilder. Hilf uns, dass wir gute, erreichbare Vorbilder sein können für unsere Kinder und für die Menschen, mit denen wir zu tun haben. Und segne uns immer neu mit der Demut, die es braucht, wenn wir unseren Kindern Vorbilder im Glauben und im Leben sein wollen. Segne die Woche, die vor uns liegt, all die vielen Entscheidungen, die vor uns liegen. Und geh mit uns auf all den Wegen, die wir gehen. Amen.

 

 

 

Pfarrer Frank Wagner

 

 


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