"Familie kann man sich nicht aussuchen"

Dialog-Predigt zu 1. Mose 50,15-21 - 27.6.2021 - 4. Sonntag nach Trinitatis


Einleitung durch Lektorin

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

 

Liebe Gemeinde, Familie kann man sich nicht aussuchen. Diese Erfahrung musste auch die Hauptperson des heutigen Predigttextes vor allem in Bezug auf seine Brüder machen: Josef aus dem Alten Testament. Stellen sie sich vor, Josef würde heute Morgen hier bei uns auftreten. Und mit seiner Ehefrau ins Gespräch kommen. Vielleicht würde das Gespräch sich folgendermaßen abspielen:

 

Ehefrau: Entschuldige, dass ich dich störe. Ich weiß, dass du in der Trauer über den Tod deines Vaters gefangen ist. Es ist nicht leicht, von seinem Vater Abschied nehmen zu müssen, gerade wenn man ihm so wie du besonders nahe war.

 

Josef: Ist schon in Ordnung. Der Verlust tut natürlich weh. Und es wird seine Zeit dauern, bis ich darüber hinweg bin. Aber ich glaube, gerade am Ende hatte Vater noch ein gutes Leben und das ist dann doch auch wieder tröstlich. Und wir alle wussten ja, dass es eines Tages so weit sein wird. Aber ja, du hast recht, traurig bin ich schon. Aber du wolltest mir etwas sagen.

 

Ehefrau: Ja, genau. Ich habe nämlich eine Botschaft von deinen Brüdern. Und ganz ehrlich: sie sahen gerade alle nicht besonders glücklich aus.

 

Josef: Nun, sie werden auch traurig sein über den Tod des Vaters. Aber was sollst du mir ausrichten?

 

Ehefrau: Ich soll dir von ihnen ausrichten, dass dein Vater ihnen vor seinem Tod gesagt hat, dass sie zu dir gehen sollen und dir sagen sollen: vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie dir so übel mitgespielt haben.

 

Josef: Und deswegen sind sie jetzt hier?

 

Ehefrau: Ja ich glaube schon. Und ich glaube auch, dass sie mächtig Angst vor dir haben.

 

Josef: Angst vor mir? Wie kommst du darauf?

 

Ehefrau: Na das ist doch klar. Euer Vater ist tot und nun ist er da, der Tag, an dem ihr nur noch Brüder seid. Brüder ohne den Vater. Jetzt seid ihr allein miteinander und euch selbst überlassen. Ich kann mir gut vorstellen, dass deine Brüder das Kommen dieses Tages, das Kommen dieses Momentes gefürchtet haben. Jetzt, wo euer Vater tot ist, ist niemand mehr da, der sie, der euch zusammenhält. Es ist niemand mehr da, der nachfragt, wo der Liebling, der Bruder, geblieben ist. Es gibt keine Mahnung mehr, kein Einspruch, keine Kritik an ihrem Tun und Lassen. Keiner, der einschreitet, ihren Streit schlichtet, sie schützt vor ihrem Zorn und ihrer Wut. Der Refrain der Kindheit, das immer und immer wiederholte „Nun streitet euch doch nicht!“ ist nur mehr ein Echo aus vergangenen Tagen. Kein Wunder, dass sie es jetzt mit der Angst bekommen: du könntest ihnen gegenüber ja nach-tragend sein. Sie fürchten vielleicht, dass du es ihnen nun heimzahlen wirst. Und so holen deine Brüder noch einmal euren Vater zur Hilfe. Ein Muster, dass es in allen Zeiten unter Geschwistern gibt, wenn es nicht anders gelingt, den Streit zu schlichten. „Vater hat aber gesagt, dass du…“, so hört sich das an, oder später vielleicht: „Es wäre doch im Sinne unserer Eltern, wenn…“. Wie Kinder verhalten sie sich, deine Brüder, und sind doch längst erwachsene Männer.

 

Josef: Tust du ihnen und uns allen nicht Unrecht mit deinem Vorwurf?

 

Ehefrau: Unrecht? Du sprichst von Unrecht? Ausgerechnet du? Wer hat denn das größte Unrecht durch seine Brüder erfahren müssen? Das warst ja wohl du. Wie oft hast du selbst die Geschichten schon erzählt: wie du damals vor ihnen standest in deinem neuen Kleid und ihnen von deinen Träumen erzählt hast. Dass sie sich vor dir verneigen und wie Sterne um die Sonne um dich kreisen. Wie sie dich dann in den Brunnen warfen und einfach weggingen. Dich dann aber doch wieder herauszogen und das Geld von den Händlern nahmen; wie sie dich nach Ägypten verkauften und dem Vater das blutige Kleid und die Lügen brachten. Wer war es denn, der frühmorgens zitternd auf dem Sklavenmarkt stand und in das Haus des Potifar verkauft wurde? Der wegen falscher Aussagen ins Gefängnis kam? Der dort den Hofbeamtem geholfen hat und lange, lange vergessen wurde? Doch wohl du. Und sag jetzt nicht, dass deine Brüder daran nicht schuld sind.

 

Josef: Wenn man es so sieht, ja. Aber wir haben uns doch versöhnt.

 

Ehefrau: Ihr habt euch versöhnt? Das stimmt doch nicht. Als du dann der mächtigste Mann in Ägypten warst, sind sie zu dir gekommen, weil auch sie unter der Hungersnot litten. Und nach einigem Hin und Her hast du dich dann auch zu erkennen geben als ihr nach Ägypten verkaufter Bruder. Und ja, sie sind dann allesamt sogar mit deinem Vater hierher nach Ägypten gezogen. Aber versöhnt, mein Lieber, nein versöhnt habt ihr euch nicht. Oder willst du behaupten, dass ihr die Vergangenheit angesprochen habt? Dass du mit ihnen das Unrecht ausgeräumt hast, das sie dir angetan haben? Seid ihr nicht einfach zur Tagesordnung übergegangen? Habt ihr euch nicht einfach in den Alltag geflüchtet, in die freundlichen Floskeln, die man einander sagt, um ja nicht die Wahrheit anzusprechen? Habt ihr nicht immer lieber alles unter den Teppich gekehrt? Wohl wissend, dass der Staubberg unter dem Teppich einst so groß werden wird, dass man irgendwann darüber stolpert? Habt ihr euch jemals richtig ausgesprochen?

 

Josef: Ja, da hast du schon recht. Aber ich habe für sie und für Vater doch alles getan, dass es ihnen gut geht.

 

Ehefrau: und bist dabei doch immer der geblieben, der als mächtiger Mann auf dem Thron in Ägypten sitzt, vor dem sich die Brüder verneigen müssen, so wie du es damals geträumt hast. Da brauchst du dich doch nicht zu wundern, dass sie jetzt, wo dein Vater tot ist, Angst vor dir haben und fürchten, dass du nun schreckliche Rache an ihnen üben wirst. Und ganz ehrlich, ich glaube, du kannst nicht immer nur vor deiner Vergangenheit davonlaufen. Du musst dich ihr stellen. Familie kann man sich nicht aussuchen. Aber du musst es irgendwie schaffen mit deinen Brüdern klarzukommen.

 

Josef: Und was soll ich deiner Meinung nach tun?

 

Ehefrau: das kann ich dir nicht sagen. Das musst du schon selbst wissen. Aber wenn es nach mir ginge, ich glaube, ich würde ihnen nicht verzeihen. Gerade diese Bitte des Vaters hört sich doch sehr „erfunden“ an, damit sie auf alle Fälle von dir geschont werden. Ich glaube, wenn ich an deiner Stelle wäre, würde ich sie in die Wüste schicken.

 

Josef: Aber es sind doch meine Brüder. Natürlich haben sie mir Unrecht getan. Das ist gewisslich wahr. Aber ganz ehrlich: war es wirk-lich nur ihre Schuld? Hat nicht auch der Vater seine Anteile gehabt? Denn irgendwie ist es doch logisch: wenn einer der Söhne bevorzugt wird, müssen da die anderen nicht zwangsläufig eifersüchtig werden? Und habe nicht auch ich meine Anteile? War es nicht auch hochmütig von mir, mit meinen Träumen, mit meinen besonderen Begabungen anzugeben, die die Brüder nur schwer ertragen konnten? Und viel-leicht sind wir alle ja Teil einer viel größeren Geschichte, Teil eines Planes, den Gott mit uns hat? War nicht vielleicht auch Gott mit im Spiel in all den Ereignissen?

 

Ehefrau: Das verstehe ich nicht.

 

Josef: Nun, ich meine, dass alles irgendwie seinen Sinn hatte. Schau: als ich nach Ägypten kam, da war ich zuerst bei Potifar. Und konnte dort helfen, dass in seinem Haus alles in Ordnung war. Dadurch, dass ich dann ins Gefängnis kam, konnte ich in Bezug auf die beiden beschuldigten Diener helfen, dass die Wahrheit gefunden wurde. Und dass ich dann irgendwann zum Pharao gerufen wurde, weil sich der Mundschenk daran erinnerte, dass ich Träume deuten konnte. Dies wiederum, das mit dem Deuten der Träume, hat dazu geführt, dass wir dann in Ägypten in 7 Jahren so viel Korn sammeln konnten, dass wir in den folgenden 7 mageren Jahren die Hungersnot gut überstanden haben. Ja, es hat sogar dazu geführt, dass am Ende ich mit meinem Vater und meinen Brüdern wieder vereint war. Glaubst du, dass dies alles Zufall war?

 

Ehefrau: Mmh, so habe ich das noch gar nicht gesehen.

 

Josef: Ich glaube, man sehr wohl in einer Geschichte, einer von Gott gewollten Geschichte sein, ohne sie zu verstehen. Vielleicht sollte das einfach alles so sein. Und wenn ich an meine Brüder, wenn ich alles, was da so war denke, dann glaube ich: sie gedachten es böse mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen. Und wir waren alle irgendwie Werkzeuge in seiner Geschichte, damit am Ende das Gute siegt.

 

Ehefrau: Und was bedeutet das nun für dich im Blick auf deine Brüder? Trennung oder Versöhnung? Denk dran, die stehen voller Angst da draußen vor der Tür.

 

Josef: Ganz klar für mich – Versöhnung. Denn bin ich denn wie Gott? Darf ich mich zu Gott aufschwingen und über sie und ihr Verhalten richten und Urteilen? Wie gesagt, vielleicht sollte es im Plan Gottes ja alles genau so passieren. Und sie mussten ihre Rolle spielen in der Geschichte spielen, ohne zu verstehen, was das gespielt wird. Es ist einfach unsere Geschichte, die wir als Geschwister miteinander haben. Und es ist vielleicht gerade meine besondere Lebensaufgabe, diese Geschichte zu bewältigen und ihnen nun zu vergeben. Mit und ohne Bitte des Vaters. Weißt du ich glaube: nur wenn ich meinen Brüdern vergeben kann, kann es endgültig Frieden zwischen uns geben. Wenn es um Verzeihung geht unter uns Menschen, so bin ich’s, der seine Brüder darum bitten muss, denn sie mussten ja die Bösen spielen, damit alles so käme. Und nun soll ich Pharaos Macht, nur weil sie mein ist, gebrauchen, um mich zu rächen an euch für drei Tage Brunnenzucht, und wieder böse zu machen, was Gott gut gemacht? Dass ich nicht lache! Denn ein Mann, der Macht braucht, nur weil er sie hat, gegen Recht und Verstand, der ist zum Lachen. Vielleicht ist es ganz gut, wenn ich von meinem Thorn zu ihnen he-runterkomme, zu meinen sicher alt gewordenen Brüdern. Dieser Thron, er soll nicht mehr mein Platz sein. Hier sitzt Gott, hier hört er und spricht. Ich habe nicht zu urteilen und nicht zu vollstrecken. Und will es auch nicht, denn ich will nun nicht mehr auf die Tage sehen, die hinter uns liegen, ich sehe, was jetzt am Tage ist. Was wir getan haben, haben wir getan, sie und ich. Wir tragen das in uns und los werden wir es wohl auch nicht mehr. Aber aus all unserem Bösen ist am Ende Gutes geworden. Gutes für sie und für mich. So hat sich Gott unser Leben gedacht und so ist es geworden. Und nun soll das Gute bleiben und nicht wieder böse gemacht werden und wir mit ihm böse. Darum will ich hinausgehen zu meinen Brüdern und mit ihnen zusammen lachen und weinen und ihnen vergeben und mit ihnen die Vergangenheit hinter uns lassen. Und mich mit ihnen daran erinnern: Ihr gedachtet es Böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen. So will ich alles daran tun, damit Frieden und Versöhnung zwischen uns herrscht. Und ich bin sicher: meine Geschichte ist kein Einzelfall, sondern das, was ich mit meinen Brüdern erlebt habe, das wiederholt sich ständig wieder. Aber überall da, wo es so oder so ähnlich geschieht, wünsche ich den Menschen, dass sie es schaffen, die Hand zur Versöhnung zu reichen und den Frieden im Miteinander zu suchen. Und vielleicht kann ja mancher in seiner Lebensgeschichte ähnliches entdecken wie meine Brüder und ich in der unsrigen: dass wir Teil einer größeren Geschichte sind, die wir nicht verstehen, aber in der wir irgendwann an den Punkt kommen, wo wir alle sagen können: ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen. So jetzt aber genug geredet. Wollen wir meine Brüder nicht länger in Unsicherheit und ihrer Angst lassen. Also dann raus zur Versöhnung. Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Pfarrer Frank Wagner


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Predigt zu 1. Buch Mose 50,15-21 - 27.6.
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