"Wir sind alle Kinder Gottes"

Predigt zu 1. Johannes 3,1-6 - 25.12.2021 - 1. Weihnachtsfeiertag


Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

 

Text in 1. Johannes 3,1-6

Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch! Darum erkennt uns die Welt nicht; denn sie hat ihn nicht erkannt. Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen: Wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist. Und jeder, der solche Hoffnung auf ihn hat, der reinigt sich, wie auch jener rein ist. Wer Sünde tut, der tut auch Unrecht, und die Sünde ist das Unrecht. Und ihr wisst, dass er erschienen ist, damit er die Sünden wegnehme, und in ihm ist keine Sünde. Wer in ihm bleibt, der sündigt nicht; wer sündigt, der hat ihn nicht gesehen noch erkannt.

Soweit der Text, Gott segne nun unser Reden und unser Hören. Amen.

 

Liebe Gemeinde,

sicher kennen Sie aus Ihrer Familie über Kinder auch solche Sätze wie folgenden: also deine Tochter sieht ja ganz aus wie der Vater! Oder wenn man dann mehrere Kinder hat, dass man dann ein wenig aufteilt nach dem Motto: das eine Kind – ganz die Mutter, das andere aber ganz der Vater. Ein wenig zum Schmunzeln ist es freilich, wenn man Kindern gleich nach der Geburt bescheinigt, dass sie ganz der Vater oder ganz die Mutter sind.

 

Doch ganz egal, wem ein Kind nun ähnlich sieht oder nicht, eines ist sicher: Eltern prägen ihre Kinder. Eltern sind mit ihrem Verhalten ein Vorbild ihrer Kinder. Das erleben wir aktuell z.B. an der Diskussion über das Impfen. Wenn Eltern vom Sinn einer Impfung überzeugt sind, dann werden in den seltensten Fällen Kinder völlig dagegen sein. Aber das findet sich auch auf anderer Ebene wieder: Vorlieben, die die Eltern haben, werden oft auch zu Vorlieben der Kinder. Das kann zum Beispiel das Thema Urlaub sein: fahren die Eltern gerne ans Meer, dann überträgt sich das auch auf die Kinder; lesen Eltern gerne, dann färbt das oftmals auch auf ihre Kinder ab.

 

Eltern prägen ihre Kinder. Das gilt freilich auch, wenn man im Alter voranschreitet. Je älter ich werde, um so mehr spüre ich, dass wir von unseren Eltern mehr mitbekommen haben als bloße Äußerlichkeiten. Immer wieder ertappe ich mich inzwischen dabei, dass ich bei z.B. bei manchen Dingen das Gefühl habe, meinem Vater ganz ähnlich zu sein oder zu reagieren und zu handeln, wie auch er reagiert hat. Freilich gilt: wir sind keine Kopie unserer Eltern. Auf keinen Fall! Wir entwickeln viel Neues und Eigenes in unserem Leben. Aber bei allem ganz Eigenen und Neuen trägt es noch immer Spuren auch unserer Eltern.

 

Der heutige Predigttext, dieser eher sperrige Text aus dem 1. Johannesbrief, der im Übrigen gar nicht besonders weihnachtlich daherkommt – fehlt beim ihm doch alles, was wir mit Weihnachten verbinden: Hirten, Engel, die Geburt im Stall, Ochs und Esel und von Maria und Josef und dem Jesuskind ganz zu schweigen – dieser Text bringt nun in das Thema Eltern und Kinder-sein noch einen ganz anderen Aspekt hinein. Denn er sagt: wir Menschen sind nicht nur Kinder unserer Eltern, sondern wir sind auch Gottes Kinder. Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch.

 

Wir sind also nicht nur Kinder unserer Eltern, sondern wir, die wir uns entschlossen haben, unseren Weg mit Gott zu gehen, Gott in unser Leben mit hineinzunehmen, ihn eine Rolle in unserem Leben spielen zu lassen und vielleicht auch auf seinen Namen getauft sind, wir alle sind Kinder unseres Gottes.

 

Was aber, so fragt man sich, heißt es denn ein Kind Gottes zu sein? Ich denke, bei dem Thema Kinder Gottes, da geht es nicht um blutsverwandschaftliche Verhältnisse oder um irgendwelche Ähnlichkeiten vom Aussehen her zwischen Menschen und Gott. Kind Gottes zu sein bezeichnet in meinen Augen ein Beziehungsgeschehen zwischen Gott und mir. Um das nun aber deutlich zu machen, wie dieses Geschehen zu sehen ist, haben die Autoren der Heiligen Schrift immer wieder auf Bilder zurückgegriffen, um dadurch von dem zu berichten, was ihnen wichtig ist; was sie den anderen anschaulich machen wollen. Und darum haben sie eben sehr oft auf das Bild des Vaters und seines Sohnes (siehe der verlorene Sohn) bzw. auf das Bild des Vaters und seiner Kinder zurückgegriffen. Und dieses Bild, dass soll eben nun zum Ausdruck bringen, wie es Gott mit uns meint.

 

Seht welch eine Liebe hat uns Gott erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch. Wenn man das Bild von Gott dem Vater und von uns als seinen Kindern übersetzt, dann könnte die Übersetzung wie folgt heißen: Gott ist uns wie ein Vater und wie eine Mutter, das bedeutet: Gott sieht auf uns und freut sich an uns, wie sich Eltern an ihren Kindern freut. Gott schaut auf uns und er sieht, was wir tun und wie wir leben. Er sieht uns mit unseren Stärken und Schwächen und er hält zu uns, wie Eltern zu ihren Kindern halten. Denn dass wir nicht nur Stärken haben, sondern auch Schwächen, das weiß Gott nur zu gut. Aber das eigentlich Erstaunliche ist: trotzdem nimmt er uns so an, dass wir Gottes Kinder, seine Söhne und Töchter heißen dürfen. Denn dies ist ja nicht immer eine menschliche Erfahrung, ganz im Gegenteil: Schwächen, Fehler, Fehlverhalten bis hin zu bösen Worten – all das führt auf der menschlichen Seite immer wieder dazu, dass die Beziehungen von Eltern zu Kindern gestört sind. Wie oft erlebe ich das als Pfarrer, dass Eltern und Kinder so verstritten sind, dass es selbst an einem offenen Grab keine Versöhnung mehr gibt.

 

Aber nicht nur am Ende, sondern schon vorher erleben wir es, wie gerade in den Familien Sicherheiten zerrinnen und Familien auseinanderbrechen. Oft zeigt sich gerade an Weihnachten, wie heikel das alles ist. Wer darf mitfeiern und wer nicht? Wo dürfen Kinder wann sein und wie lange? Manche Familie erlebt gerade an Weihnachten, wie dünn die Decke ist, auf der wir uns bewegen; dünn wie gefrorenes Eis auf einem See, das noch nicht dick genug ist, um zu tragen; oder auch wie mühsam die Risse, die durch eine Familie gehen, zusammengehalten werden.

 

Kind Gottes zu sein heißt darum auch: wir kommen wir noch von woanders her, wir haben noch einen anderen Ursprung. Unser Anfang liegt nicht nur in unseren Familien, in liebevollen oder gleichgültigen Elternhäusern. Unser Anfang und unser Ursprung liegt bei Gott. Für ihn sind wir wertvoll und wichtig, bei ihm hat jeder seine Würde, egal wie gut oder schlecht er im Leben vorankommt; ob er nun stark ist oder schwach, mutig oder ängstlich, voller Zuversicht oder voller Zweifel. Wir haben einen, bei dem wir so unendlich wertvoll und wichtig sind. Und genau das ist die Liebe Gottes zu uns, von der Johannes schreibt. Seine Liebe, die jeden nimmt, wie er ist; seine Liebe, die man sich nicht erwerben muss, sondern die man sich nur schenken lassen kein; seine Liebe, die sogar soweit geht, dass er selbst in diese Welt kommt. Als Kind im Stall auf den Feldern von Bethlehem. Als Kind wie jeder von uns. Um uns zu zeigen, wie wert-voll und wichtig jeder einzelne in den Augen Gottes ist. Du bist ein Gedanke Gottes, so heißt es in einem modernen Tauflied. Du bist kein Zufall, du bist keine Laune, sondern du bist Gottes Kind.

 

Seht welch eine Liebe hat uns Gott erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch. Ein Kind Gottes zu sein bedeutet für mich, dass das nicht nur ein Zuspruch von Gott an uns ist, sondern ein Stück weit auch ein Anspruch. Dass es Konsequenzen hat für uns und unser Leben. Dass ich ein Kind Gottes bin, das sollte zumindest mein Leben verändern. Und diese Veränderung des Lebens beginnt damit, dass ich diese bedingungslose Liebe Gottes zu mir se-he – und darauf schaue, wie ich es denn so mit der Liebe zu meinem Nächsten, zu meinen Mitmenschen meine. Und da sehen wir sehr schnell unsere oft lieblose Haltung. Wie oft begegne ich den anderen gerade nicht mit dieser Liebe: wenn ich lieblos bin in dem Sinn, dass ich doch immer zuerst an mich denke; dass ich mich unverzeihlich anderen Gegenüber gebe, besserwisserisch und rechthaberisch bin, immer auf meinen Vorteil bedacht und vieles mehr, wo ich Gottes Liebe, aus der ich leben darf, gerade nicht weitergebe.

 

Seht und erkennt dies, sagt Johannes. Als Kinder Gottes seid ihr Gottes Mitstreiter: für seine Liebe und gegen alle Lieblosigkeit in dieser Welt! Ihr seid seit eurer Taufe Gottes Verbündete gegen das Böse, das ihr erfahrt, und gegen das Böse in euch. Weil ihr Gottes Kinder seid, darf das in eurem Leben nicht folgenlos sein. Gott will, dass seine Liebe zu den Menschen in euch und durch euch wirkt. Dass ihr diese empfangene Liebe weitergeben könnt. Dass ihr den anderen mit den liebevollen Augen Gottes sieht – und nicht als ein rotes Tuch, weil er oder sie mit einem bestimmten Verhalten für ihn gestorben ist. Dass ihr seht, dass der andere genau wie du ein Kind Gottes bist, Gottes Ebenbild, mit demselben Wert und derselben Würde wie du.

 

Seht welch eine Liebe hat uns Gott erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch. Martin Luther hat einmal gesagt: Gott ist kein Engel geworden, wie es vielleicht angemessen gewesen wäre. Er ist Mensch geworden, damit wir Menschen zu ihm gehören. Er gehört zur selben Familie wie wir. Das gilt. Du gehörst zu Gott, weil Gott zu dir gehören will. Du bist Gottes Kind. Diese Herkunft wirst du nicht wieder los. Gott steht jetzt auf deiner Seite. Im Kind in der Krippe ist er auch zu dir gekommen, damit er dich zu seinem Kind macht.

 

Gottes Kind sein, Gottes Verbündete gegen das Böse und gegen Lieblosigkeit zu sein, das heißt, die Krippe mit sich tragen. Sich je-den Tag von dem Kind in der Krippe beschenken lassen. Gottes Kind sein und bleiben heißt: selbst zur Krippe werden, in die Gott sich legt. Empfangen. Loslassen. Die alten Gewohnheiten loslassen. Die alten Bilder loslassen. Wer loslässt, hat die Hände frei. Ich kann vergeben, wenn mich jemand lieblos behandelt hat. Ich muss nicht mehr darum kämpfen, wertgeschätzt und geachtet zu werden. Denn ich empfange Gottes Kind, das mich zum Kind Gottes macht. Wer loslässt, wird frei, in Gott zu bleiben. Das ist das Geheimnis von Weihnachten. Und das Schönste daran ist: es wird uns geschenkt. Das eigentliche Weihnachtsgeschenk. Das Kind in der Krippe. Und dass wir durch dieses Kind alle zu Kinder Gottes werden.

 

Seht welch eine Liebe hat uns Gott erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Barmherziger Gott und Vater,

an Weihnachten feiern wir dich und vor allem deinen Sohn. Er kommt als Kind, er kommt als Retter der Welt, er kommt als der Friedensbringer, als der Friedefürst. In ihm kommst du uns selbst entgegen. Auf eine Art, die wir nicht erahnen konnten. In ihm werden wir zu deinen Kindern.

Lass uns darauf immer wieder vertrauen: dass du in unser Leben trittst, damit Frieden auf Erden sei. Darum bitten wir dich durch Jesus Christus, deinen Sohn unseren Herrn, dessen Kommen in diese Welt wir heute besonders feiern. Amen.

 

 

Pfarrer Frank Wagner

 

 


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Predigt zu 1. Johannes 31-6 - 1. Weihnac
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