"Ich weiß, dass mein Erlöser lebt … "

Predigt zu Hiob 19,19-27 - 20.3.2021- Judika


 Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

 

Der heutige Predigttext steht im Buch Hiob, im 19ten Kapitel. Dort sind es die Verse 19 bis 27:

Alle meine Getreuen verabscheuen mich, und die ich lieb hatte, haben sich gegen mich gewandt. Mein Gebein hängt nur noch an Haut und Fleisch, und nur das nackte Leben brachte ich davon. Erbarmt euch über mich, erbarmt euch, ihr meine Freunde; denn die Hand Gottes hat mich getroffen! Warum verfolgt ihr mich wie Gott und könnt nicht satt werden von meinem Fleisch? Ach, dass meine Reden aufgeschrieben würden! Ach dass sie aufgezeichnet würden als Inschrift, mit einem eisernen Griffel und mit Blei für immer in einen Felsen gehauen! Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben. Nachdem meine Haut noch so zerschlagen ist, werde ich doch ohne mein Fleisch Gott sehen. Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder. Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust.

 

Soweit der Text, Gott segne nun unser Reden und unser Hören. Amen.

 

Liebe Gemeinde,

kennen Sie aus Ihrem Leben auch das Gefühl, irgendwann an einem Punkt angekommen zu sein, wo es nicht mehr geht? Wo es nicht mehr weitergeht? Und ich denke da heute gar nicht so sehr an das Thema Corona, angesichts dessen viele dieses Gefühl kennen und sich auch dahingehend äußern: dass sie an einem Punkt sind, wo sie sagen: es geht nicht mehr, ich kann nicht mehr. Irgendwann muss doch ein Ende sein, irgendwann muss das Leben doch mal wieder normal werden. Sondern mir stehen viele andere Beispiele vor Augen: Menschen, die den Partner, die Partnerin pflegen und Tag ein uns aus für ihn da sind; überfordert manchmal, aber das will man selten zugeben. An einem Punkt angelangt, wo sie sagen: es reicht. Es geht einfach nicht mehr. Oder Menschen, die zwar eine Arbeit haben, aber die sich so gestaltet, dass die Arbeit keinen Spaß macht, sondern eine Qual ist. Jeden Tag schleppen sie sich hin, bis sie an dem Punkt sind, wo sie sagen: es reicht. Es geht einfach nicht mehr.

 

Von solchen Erfahrungen, die die meisten unter uns immer wieder im Leben machen, erzählt auch der heutige Text aus dem AT. Er führt uns mitten hinein in ein Buch voller theologischer Gedanken. Das Buch Hiob, aus dem der heutige Predigttext stammt. In diesem Text leuchtet auch bei Hiob die gerade eben beschriebene Erfahrung auf: es reicht. Ich kann nicht mehr. Es geht nicht mehr. Schauen wir gemeinsam näher drauf:

 

Hiob sitzt am Boden. Seine Kleider hat er zerrissen. Noch vor kurzem war alles gut: et stand mitten im Leben, war mit einer Schar an Kindern und mit Reichtum gesegnet. Vielen galt er als Vorbild, weil er sein Leben so fromm, gottesfürchtig und rechtschaffen gestaltet hat. Vor wenigen Wochen war es ihm noch richtig gut gegangen, er hatte sich an seinen Kindern gefreut, an seinen großen Tierherden und war bester Gesundheit. Doch dann kam eine Hiobsbotschaft nach der anderen: durch ein Unwetter stürzt das Haus ein, in dem seine Kinder gerade ein fröhliches Fest feiern. Keines von ihnen überlebt. Er selbst wird schwer krank: bösartige Geschwüre breiten sich am ganzen Körper aus. Vieles weitere trifft ihn hart.

 

Hiob ist schon bald am Ende. Es reicht. Es geht einfach nicht mehr. Alles das, was ihn bisher getragen hat, was sein Leben wirklich lebenswert erscheinen ließ, alles ist zerbrochen. Hiob ist verzweifelt: „Warum muss gerade mir das alles geschehen? Warum straft mich Gott so schwer?“ Ein Satz im Übrigen, den Menschen bis heute sagen, siehe die Erfahrungen zu Beginn: warum straft mich Gott? Hiob findet keinen Grund dafür. Und je tiefer er darüber nachdenkt, umso mehr gerät er an die Grenzen dessen, was er verstehen kann.

 

Im Buch wird erzählt, wie seine drei Freunde ihn besuchen und zunächst alles richtig machen – fast wie aus einem guten Lehrbuch für Seelsorge: sie kommen, sie setzen sich mit Hiob auf den Boden und sie schweigen – sieben Tage und sieben Nächte. Doch dann halten sie es nicht mehr aus und sie suchen nach Erklärungen: „Hiob, wenn es Dir so schlecht geht, dann muss es seinen Grund haben. Denke daran: Gott straft die, die Unrecht tun und die ihn nicht achten!“ Doch Hiob wehrt sich gegen diese Erklärungsversuche: „Wäre ich schuldig, dann wehe mir!“. „Ihr seid meine Freunde, aber ihr verspottet mich!“. „So merkt doch endlich, dass Gott mir Unrecht getan hat und dass er mich mit einem undurchdringbaren Netz umgeben hat!“.

 

Hiob wehrt sich – und er wehrt sich so mit uns gegen so vieles, was einfach nicht zu erklären ist: warum gibt es immer wieder Menschen, die mich so verletzten statt meine Not zu sehen? Warum trifft gerade meinen Partner diese schwere Krankheit, die unser Leben so unendlich mühsam macht? Warum lässt der Wirbelsturm Idai in Mosambik, Malawi und Simbabwe 1,5 Mill. Kinder ohne Obdach und ohne sauberes Trinkwasser zurück? Auf all’ diese Fragen gibt es keine Antwort, so Hiob – und jeder noch so gut gemeinte Erklärungsversuch wird falsch. Seine Freunde versuchen es trotzdem immer wieder: „Wenn es dir so schlecht geht, muss das seinen Grund haben. Denke doch noch mal genau nach, wo Du gesündigt hast, was Du falsch gemacht hast.“ Aber Hiob bleibt dabei: „Ich habe nichts falsch gemacht. Ich ging auf Gottes Bahn und bin nicht von ihr abgewichen. Ich übertrat Gottes Gebote nicht, seine Worte habe ich bei mir bewahrt.“

 

Hiob ist verzweifelt, aber er behält seine Gedanken nicht für sich. Er wendet sich mit seinen Worten an Gott. Ihm wirft er seine ganze Verbitterung und seine Enttäuschung, seine Wut vor die Füße. Ihm klagt er sein Leid. Und nicht nur das: Hiob klagt Gott sogar direkt an: „Du bist es doch, der die Menschen schafft und der die Zeit bestimmt, wann sie wieder sterben müssen. Du bist es, der uns das Leben schenkt und uns wieder abberuft, wenn du unsere Zeit für gekommen hältst. Warum lässt du uns in dieser kurzen Zeit, die du uns bemessen hast, nicht in Ruhe?“ Das Leben ist ungerecht und Hiob hat dies am eigenen Leibe erfahren. Deshalb hadert er mit Gott. Er klagt Gott an. So wie in der Bibel viele Psalmen Klagen gegen Gott enthalten. So wie sich letztlich auch der Schrei Jesu am Kreuz gegen Gott richtet: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

 

Dieser Schrei richtet sich gegen den Gott, der fern ist, den ich nicht mehr spüren kann. Ich glaube jeder kann verstehen, wenn Menschen sich in solchen Momenten von Gott abwenden. Wenn in diesen Momenten ihr Glaube über Bord geht. Bei Hiob freilich läuft es anders: trotz all seines Unglücks, trotz seiner Verzweiflung und seines Leids hält er an Gott fest. Er wendet sich an Gott, weil er dessen Wege nicht versteht, weil er seine Nähe nicht mehr spüren kann. Er führt Klage gegen Gott, wirft ihm seine Wut, seine Enttäuschung vor die Füße – und fordert Gott so in Beziehung. Und das ist gut so. Denn da, wo wir mit Gott hadern, da geraten wir nicht in Gefahr, etwas erklären zu wollen, was nicht zu erklären ist. Da versuchen wir nicht vorschnell, Not mit schönen Worten zuzudecken – nach dem Motto: „Ich muss das wohl aushalten. Anderen geht es ja noch schlechter.“ Wo wir mit Gott hadern, da lassen wir ihn nicht los. Wo wir mit Gott hadern, lässt auch er nicht von uns.

 

So gibt Hiob Gott nicht auf. Er wendet sich gegen Gott und somit an Gott. Und genau aus dieser Kraft, sich mit Gott auseinanderzusetzen, findet Hiob den Mut, Hoffnung zuzulassen. Mitten in seinem Ringen mit Gott und mit dem Unrecht dieser Welt findet Hiob seinen wunderschönen Satz: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.“ Gott ist für ihn nicht tot, Gott ist für ihn nicht gestorben. Sondern Gott lebt. Und weil er lebt, vertraut er, dass er da ist. Dass er ihn auch in der größten Not und im größten Leid nicht alleine lässt.

 

„Ich weiß, dass mein Erlöser lebt!“ Hiobs Frage nach dem Warum bekommt letztlich keine Antwort. Es gibt einfach keine Erklärung dafür, warum seine Kinder sterben müssen, warum jemand von so schwerer Krankheit gezeichnet ist, warum unser eigenes Leben oder warum die Welt manchmal so völlig ins Wanken gerät. Keine, warum wir an so Punkte gelangen müssen, wo wir sagen: es geht einfach nicht mehr. Ich kann nicht mehr.

 

Aber Hiob wagt es – und ich betone das Wagnis – er wagt, in all seinem Leid an Gott festzuhalten. Er gibt Gott nicht auf. Er konfrontiert ihn mit seinen Fragen und Zweifeln. Er hält an Gott fest und kann trotz allen Unglücks sagen: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.“ Ein solcher Satz, liebe Gemeinde, liegt uns nicht immer auf den Lippen und auch nicht im Herzen. Es hat auch bei Hiob lange gedauert – viele einsame und verzweifelte Stunden, Tage, Monate. Er hatte dafür auch keine theologischen Vorbilder, denn die Texte des Alten Testaments entwickeln noch keine Auferstehungshoffnung. Aber in seinem Hadern mit Gott entwickelt Hiob die Kraft, eine Spur der Hoffnung zuzulassen. In seinem Herzen, in seiner Seele bildet sich ganz langsam diese Ahnung: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt!“

 

Für mich ist diese Satz einer, der mir selbst zu einer Quelle der Kraft werden kann. Denn wo ich einen solchen Satz mitsprechen kann, da zeigt sich am Horizont ein Hoffnungsschimmer – ein Lichtstrahl, der mein eigenes, beängstigendes Leben langsam übersteigt wie die aufgehende Sonne. Wo ich leise mitsprechen kann: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt“, da öffnet sich mein Blick neu. Neu dafür, dass ich darauf vertrauen kann: wenn ich an den Grenzen stehe, Grenzen des Lebens, Grenzen des Glaubens, dann ist Gott da und geht mit.

 

Hiob in all seiner Not und Verzweiflung ist für uns alle dabei das Urbild des glaubenden Menschen, der Gott nicht loslässt, der sich an ihn klammert mit all seinem Ärger, mit der Wut, dem Zorn, dem Schmerz und der großen Trauer. Mit ihm dürfen auch wir uns immer wieder neu ganz in Gottes Arme werfen, weil seit Ostern dieser Satz noch-einmal eine ganz neue Bedeutung bekommt: ich weiß, dass mein Erlöser lebt. Und dass ich darum fest darauf vertrauen kann, dass Gott immer an meiner Seite ist. Amen.

 

Und der Friede Gottes welcher höher ist als all unsere menschliche Vernunft bewahre Eure Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

 

Gott, ich brauche dich. Hörst du mir zu?

Es gibt Tage, da könnte ich den ganzen Tag weinen.

So traurig bin ich.

Ich möchte mein Herz ausschütten, aber ich bin allein.

Es gibt Tage, da weiß ich nicht ein noch aus.

Alles geht schief.

Ich fühle mich wie ein Ertrinkender.

Die Wellen schlagen mir über dem Kopf zusammen.

 

Gott, ich brauche dich. Hörst du mir zu?

Es gibt Tage, da meine ich, alle sind gegen mich.

Meine Freunde haben mich wohl vergessen.

Jeder nörgelt an mir herum.

Ich kann es niemandem recht machen.

Es gibt Tage, da könnte ich an allem zweifeln.

Gibt es keine Gerechtigkeit auf der Welt?

Was ist Wahrheit?

Jeder sagt etwas anderes und redet auf mich ein.

Manchmal denke ich: Alle lügen

 

Gott, ich brauche dich. Hörst du mir zu?

Ich weiß, dass mein Erlöser lebt. Amen.

 

Pfarrer Frank Wagner

 


Download
Predigt zu Hiob 19,19-27 - 21.3.2021 - J
Adobe Acrobat Dokument 137.6 KB