"Zwiebelschneiden ist Gottesdienst"

Predigt zu Johannes 21,1-14 Sonntag Quasimodogeniti - 11.4.2021


Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

 

Liebe Gemeinde, eine der schwierigsten Erfahrungen, die wir in unserem Leben machen, ist sicher die Erfahrung, dass ein Mensch stirbt und wir von ihm Abschied nehmen müssen. Ganz besonders schmerzlich ist es, wenn wir am Grab stehen, an der Urne, am offenen Sarg. Irgendwann kommt dann der Moment, dass man sich vom Grab losreißen muss. Man kann nicht ewig dort stehen bleiben. Der Weg muss – wie man so schön sagt – weitergehen.

 

In der heutigen Erzählung, in der bekannten Geschichte von Lukas über den Gang nach Emmaus, sind es zwei Jünger, die sich nach dem Tod von Jesus wieder auf den Weg machen. Weg vom Ort des Todes, zurück in den Alltag nach Emmaus. Sie gehen gemeinsam. Sie teilen die Traurigkeit miteinander. Sie tun das, was für alle Trauernden in unserer heutigen Zeit so unendlich wichtig wäre: Reden. Trauernde möchten durchaus reden, aber sie möchten niemandem zur Last fallen, wenn die Klagen, die Anklagen und die Tränen aus ihnen heraus-brechen. Nur niemanden belästigen! Aber genau das ist das Schwerste an der Trauerbewältigung, wenn man niemanden hat, mit dem man reden kann. Diese beiden reden „von all diesen Geschichten“. Dreimal wird das hervorgehoben, damit wir nur ja daraus lesen, wie richtig und wichtig das Reden ist.

 

Und siehe, zwei von ihnen gingen an demselben Tage in ein Dorf, das war von Jerusalem etwa sechzig Stadien entfernt; dessen Name ist Emmaus. Und sie redeten miteinander von allen diesen Geschichten.

 

Der Künstler Karl Schmidt-Rottluff hat in einem Holzschnitt diese Szene eingefangen. Während und nach dem 1. Weltkrieg gestaltete Schmidt-Rottluff (geb. 1884) eine ganze Reihe von Holzschnitten mit biblischen Themen. – Der „Gang nach Emmaus“ entstand im letzten Kriegsjahr 1918. Die Erfahrungen, die er im Krieg gemacht hat, spiegeln sich in der gesamten Darstellung wieder. Beim Blick auf das Bild fallen sofort die drei Personen ins Auge, die den größten Teil des Bildes ausmachen. Drei Menschen sind unterwegs auf einer langen Straße. Ihre Kleidung ist ganz schwarz. Sie machen einen recht unterschiedlichen Eindruck.

 

Der Jünger ganz rechts sieht völlig zerbrochen und hoffnungslos aus, wie ein zum Krüppel Geschlagener. Die Füße sind entstellt. Nur mühsam scheint er sich vorwärts zu schleppen. Er stützt sich auf einen Stock, der aber auch keinen rechten Halt gibt. Der Kopf ist geneigt, die Augen wie blind. Auch der Jünger links wirkt ähnlich niedergedrückt. Auch seine Schultern sind gebeugt, hilflos lässt er die Arme hängen. Die Hände sind geöffnet, die Finger wie abgeschnitten. Es ist als sei ihm alles herausgeschlagen, was ihm wichtig war. Nur sein Kopf hebt sich schon ein wenig lauschend. Und der Fuß schiebt sich tastend auf das neue Wegstück. Zwei Freunde Jesu am Ende ihrer Kraft. Beide gehen als sei ihnen das Rückgrat gebrochen. Nur schlürfend bewegen sie sich vorwärts. Ihre Schatten wirken wie weggeworfene Gewehre. Sie gehen durch eine bizarre Landschaft. Gefährliche Bäume säumen den Weg wie schneidende, scharfe Waffen. Die Steine wirken scharf und spitz; selbst die Pflanzen wie angreifende Strahlen. Und auf diesem Weg haben sie nun eine besondere Begegnung:

 

Und es geschah, als sie so redeten und einander fragten, da nahte sich Jesus selbst und ging mit ihnen. Aber ihre Augen wurden gehalten, dass sie ihn nicht erkannten.

 

Die Last der Vergangenheit erdrückt sie. Wie Blinde schreiten sie in die Zukunft: Blind für alles, was hinter ihnen liegt; blind für den Weg, der sich vor ihnen auftut. Blind auch für den, der plötzlich mitten zwischen ihnen geht. Seltsam, dass sie gar nicht nachfragen, woher der für sie Fremde kommt. Und ganz typisch für alle Auferstehungs-geschichten: sie erkennen Jesus genauso wenig wie Maria im Garten, die denkt, es steht der Gärtner vor ihr. Aber sie lassen ihn Weggefährte sein. Vielleicht spüren sie, dass sie jetzt jemanden brauchen, der ihnen Mut macht, der ihnen die Augen öffnet, sie aufrichtet und ihnen den Sinn erschließt.

 

Im Bild ist Jesus mitten unter ihnen. Aber er ist anders dargestellt. Er geht aufrecht zwischen den zwei niedergedrückten Gestalten, ruhig, souverän, mit wachen Augen. Auffällig die Geste der linken Hand: weisend und gebietend, beruhigend und tröstend. Er kennt den Weg der Angst und Dunkelheit durch Leid und Trauer hindurch. Darum kann er sie darin begleiten.

 

Was wiederum auffällt ist, das Jesus sich nicht sofort zu erkennen gibt. Dass er nicht hergeht und laut den beiden zuruft: Hei, ich bin es, Jesus, euer Herr und Meister. Ich bin auferstanden von den Toten, Schluss mit der Traurigkeit. Es ist doch alles wieder gut!“. Das tut er merkwürdigerweise nicht. Er beginnt ganz anders. Er nähert sich, und er geht mit. Er geht einfach mit und lässt sie reden, ja er ermutigt sie durch seine Nachfrage sogar zum Reden und hört erst einmal nur zu.

 

Er sprach aber zu ihnen: Was sind das für Dinge, die ihr miteinander verhandelt unterwegs? Da blieben sie traurig stehen. Und der eine, mit Namen Kleopas, antwortete und sprach zu ihm: Bist du der Einzige unter den Fremden in Jerusalem, der nicht weiß, was in diesen Tagen dort geschehen ist? Und er sprach zu ihnen: Was denn? Sie aber sprachen zu ihm: Das mit Jesus von Nazareth, der ein Prophet war, mächtig in Tat und Wort vor Gott und allem Volk; wie ihn unsre Hohenpriester und Oberen zur Todesstrafe überantwortet und gekreuzigt haben. Wir aber hofften, er sei es, der Israel erlösen werde. Und über das alles ist heute der dritte Tag, dass dies geschehen ist.

 

Jesus eröffnet also auf dem Weg den beiden einen Raum, in dem sie sich alles von der Seele reden dürfen. Jesus lässt sie erzählen, unterbricht sie nicht, verbessert sie nicht. Er macht das, wonach sich viele Menschen in der Trauer sehnen: dass sie jemanden haben, mit dem sie einfach über alles reden können. Trauernde bei uns erleben das oft anders. Da wird oft nicht zugehört, man hat eher gute Ratschläge parat: „Das Leben muss weiter gehen!“ Oder: „Jetzt können wir nichts mehr ändern. Man muss sich fügen.“ Oder: „Die Zeit heilt Wunden.“ Das ist alles richtig, ohne Zweifel. Aber wenn es dazu dient, dass der trauernde Mensch nicht mehr reden darf, dann sind solche Sätze eher Ausdruck grober Lieblosigkeit, ein Zeichen dafür, dass der andere Mensch zur Wegbegleitung nicht bereit ist. Und das spüren Trauernde und verstummen.

 

Bei den dreien auf dem Weg ist das anders. Jesus lässt sich auch erzählen, wo die beiden jetzt stehen. Drei Tage, so erzählen sie, liegt das Ganze nun schon hinter ihnen. Und vor allem sind sie in ihrer Situation ziemlich verwirrt:

 

Auch haben uns erschreckt einige Frauen aus unserer Mitte, die sind früh bei dem Grab gewesen, haben seinen Leib nicht gefunden, kommen und sagen, sie haben eine Erscheinung von Engeln gesehen, die sagen, er lebe. Und einige von denen, die mit uns waren, gingen hin zum Grab und fanden's so, wie die Frauen sagten; aber ihn sahen sie nicht.

 

Erst hier mischt sich Jesus ein, erst als sie die Vergangenheit durchwandert haben und bei der Gegenwart angekommen sind. Erst hier und kein bisschen vorher versucht er eine Blickveränderung anzubahnen. Erst als sie ihren Schmerz und ihre Trauer ausgesprochen (oder vermutlich eher heraus gestammelt) haben, bringt er sich nun selbst ein und versucht eine geistliche Ebene, den Trost eines Sinnes aufzuzeigen. Er tut dies mithilfe biblischer Texte:

 

Und er sprach zu ihnen: O ihr Toren, zu trägen Herzens, all dem zu glauben, was die Propheten geredet haben! Musste nicht der Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen? Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in allen Schriften von ihm gesagt war.

 

Der Versuch einer Erklärung. Der Versuch einer Trauerpredigt. Der Versuch, das Unfassbare in Worte zu fassen. Doch noch immer – so heißt es – wurden ihre Augen gehalten und sie erkannten ihn nicht. Treffender lässt sich kaum beschreiben, wie Trauernden zumute ist, was sie sehen und nicht sehen können und auch gar nicht sehen wollen. Was hören und nicht hören können und auch gar nicht hören wollen. Oft führen die anderen harmonische und versöhnliche Bilder vor Augen. Aber die Trauernden können sie nicht sehen. Ihre Augen sind festgehalten von den Bildern des Sterbens, des Todes, Abschiedes. Wie bei den beiden, die sicher den toten Jesus am Kreuz vor Augen haben. Es ist alles nur schrecklich. Und da soll man so einfach Tröstliches hervorrufen können? Außerdem empfindet man dies auch als Verrat am Verstorbenen, wenn man sich zu schnell ablenken lässt.

 

So schnell geht es eben nicht, darum sind die Augen der Trauernden gehalten. Man kann sie ihnen nicht gewaltsam öffnen und das tut Jesus auch nicht. Er lässt es so stehen und verabschiedet sich. Für heute war`s genug!

 

Und sie kamen nahe an das Dorf, wo sie hingingen. Und er stellte sich, als wollte er weitergehen.

 

In diesem Augenblick geschieht ein Wendepunkt in der Geschichte. Im wahrsten Sinne des Wortes: Jesus wendet sich von ihnen ab, will sich verabschieden. Und die beiden wenden sich ihm zu, weil sie spüren: Hier ist ein wahrhaft tröstender Begleiter. Den werden wir noch einmal brauchen. Der kann zuhören. Gerade jetzt, wenn es dunkel wird. Die Nacht ist für Trauernde ganz besonders schlimm, wenn alles so still ist und die Einsamkeit einen zu ersticken droht. Und so kommt es zu dem Wunsch:

 

„Und sie nötigten ihn und sprachen: Herr, bleibe bei uns; denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt. Und er ging hinein, bei ihnen zu bleiben.“

 

In der Geschichte leuchtet darin er erster Punkt der Ostererfahrung auf: Jesus bleibt, er kann bleiben. Raum und Zeit sind für ihn seit seiner Auferstehung keine Grenzen mehr. ER geht mit ihnen in die Nacht und hilft ihnen der Nacht standzuhalten. Dies geschieht, indem er mit ihnen eine Mahlgemeinschaft eingeht. Ob die beiden Jünger wohl auch dabei waren, ein paar Tage vorher? An jedem Abend in jener furchtbaren Nacht, als Jesus den Verrat und seinen Tod ankündigt. Eine Ankündigung, die bei manchem bewirkt hat, dass ihnen der Bissen im Hals stecken geblieben ist. Trauernde sagen manchmal ähnliches: Ich bringe keinen Bissen herunter. Sie können vorübergehend nichts essen. Aber dieser Abend draußen in Emmaus ist etwas ganz anders. Dieses Essen draußen in Emmaus ist etwas ganz anderes. Es ist ein Mahl, das den beiden die Augen öffnet. Vielleicht haben sie die Worte vom letzten Mahl mit Jesus noch im Ohr: wenn ihr Brot und Wein teilt, dann tut dies zu meinem Gedächtnis. Wenn wir ganz fest an jemanden denken, dann haben wir oftmals das Gefühl, dass dieser Mensch und ganz nahe ist. Sehen wir ihn vor uns, hören manchmal sogar seine Stimme. An jenem Abend des Verrates haben ihnen diese Worte wohl nicht viel gesagt. Doch jetzt, an diesem Abend, bei diesem Mahl, als sie wieder diese Worte hören, da fällt es ihnen wie Schuppen von den Augen:

 

Und es geschah, als er mit ihnen zu Tisch saß, nahm er das Brot, dankte, brach's und gab's ihnen. Da wurden ihre Augen geöffnet, und sie erkannten ihn. Und er verschwand vor ihnen. Und sie sprachen untereinander: Brannte nicht unser Herz in uns, da er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete?

 

Dieses Mahl, diese Gemeinschaft öffnet ihnen endlich die Augen. Jetzt erkennen sie, dass es der auferstandene Jesus war, der sie die ganze Zeit begleitet hat. Doch bis sie das richtig begreifen, ist Jesus vor ihren Augen verschwunden. Und plötzlich bekommt alles seinen Sinn: „Brannte nicht unser Herz in uns?“ Haben wir nicht irgendwie die ganze Zeit gespürt, dass es Jesus ist, ohne dass wir ihn erkannt haben? Ganz ergriffen sind die beiden von dieser Erkenntnis. Aber diese Erkenntnis reißt sie aus ihrer Lähmung und sie machen sich auf den Weg hinaus in die Nacht, zurück nach Jerusalem, erfüllt davon, den anderen Jüngern von dem zu erzählen, was sie erlebt haben:

 

Und sie standen auf zu derselben Stunde, kehrten zurück nach Jerusalem und fanden die Elf versammelt und die bei ihnen waren; die sprachen: Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und dem Simon erschienen. Und sie erzählten ihnen, was auf dem Wege geschehen war und wie er von ihnen erkannt wurde, da er das Brot brach.

 

Die Geschichte der beiden Emmausjünger. Für mich eine der schönsten Ostergeschichten, die uns die Evangelisten überliefert haben. Wohl deshalb, weil diese Geschichte eine ist, die das Ostergeschehen in unser und mein Leben hineinbringt. Es sind vor allem zwei Punkte, die für mich in mein Leben herüberreicht.

 

Zum einen ist es die Erfahrung der beiden Jünger auf dem Weg: auch wenn sie Jesus nicht erkennen, ist er doch mit auf dem Weg dabei. Raum und Zeit sind für ihn keine Grenzen. Darum darf auch ich in meinem Leben immer wieder darauf vertrauen, dass ich meine Wege nicht alleine gehe, dass Gott in Jesus an meiner Seite ist, auch wenn das mit dem Verstand oft nicht zu begreifen ist. Darum ist es wichtig, dass auch ich auf das Brennen in meinem Herzen achte, in dem ich fühlen kann: Gott ist in Jesus bei mir. Egal, welche Wege ich gehe.

 

Und das zweite: in jeder gemeinsamen Mahlfeier können wir spüren und schmecken, dass Jesus mitten unter uns ist. In Brot und Wein will Gott mitten unter uns sein. Hier kann ich mich dessen immer wieder neu versichern, dass Jesus da ist, auch wenn ich ihn wie die Jünger nicht direkt vor mir sehe.

 

„Herr, bleibe bei mir…“ Jesus kann bleiben. Jesus kann mitgehen. Denn seit Ostern wissen wir: Er ist die ganze Zeit schon da. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Herr Jesus Christus,

wie bei den beiden Emmausjüngern gehst du unerkannt und still die Wege unseres Lebens mit.

Viele Menschen sind blind vor Trauer und können gar nichts Schönes und Gutes mehr in ihrem Leben entdecken. Geh du mit ihnen auf dem Weg durch ihre Trauer und tröste sie!

Viele Menschen sind vom Leben enttäuscht und können keinem anderen mehr vertrauen. Geh du mit ihnen auf dem Weg der Enttäuschung und hilf ihnen, neu zu vertrauen!

Vielen Menschen fällt es schwer, an einen Gott zu glauben bei all dem Leid in der Welt. Geh du mit ihnen auf dem Weg des Zweifelns und schenke ihnen neuen Glauben!

 

Herr Jesus Christus, du auferstandener Herr,

du warst mit deinen Jüngern unterwegs und hast ihnen neue Hoffnung geschenkt. Sei auch bei uns, wenn unser Weg schwer wird und begleite uns auf allen dunklen Wegen. Lass uns immer wieder auf das Brennen in unserem Herzen achten, dass uns darauf hinweist, dass du mitten unter uns bist, auch wenn wir das Gefühl haben von dir und der ganzen Welt verlassen zu sein. Lass uns immer wieder auch neu für uns entdecken, dass du in jedem Mahl, das wir feiern, mitten unter uns bist. Amen.

 

Pfarrer Frank Wagner

 

Bild: Karl Schmidt-Rottluf, Gang nach Emmaus

 

 


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Predigt zur Emmausgeschichte Lukas 24,14
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